Polens "Eastern Shield" (Ostschild) gilt als größtes Verteidigungsinfrastrukturprojekt an der NATO-Ostflanke seit Bestehen des Bündnisses. Nun beteiligt sich die Bundeswehr auf Einladung Polens am Ausbau der Verteidigungsanlagen entlang der Grenzen zu Kaliningrad und Belarus.
Das Projekt "Eastern Shield" wurde 2024 von der polnischen Regierung und dem Verteidigungsministerium ins Leben gerufen, um die Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit Polens an der NATO-Ostflanke zu stärken. Auslöser für die Entwicklung der sogenannten "Tarcza Wschód" waren der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die daraus gewonnenen militärischen Erkenntnisse.
Nationale Initiative zur Stärkung kollektiver Abschreckung
Vorgesehen ist bis 2028 der Ausbau von Verteidigungsanlagen auf einer Gesamtlänge von rund 700 Kilometern entlang der Grenzen zu Belarus und der russischen Exklave Kaliningrad. Anders als die seit 2022 errichteten Grenzanlagen zu Belarus, die vor allem der Eindämmung irregulärer Migration dienen, ist "Eastern Shield" auf die militärische Abschreckung und die Verteidigung gegen einen möglichen konventionellen Angriff ausgerichtet.
Das Ostschild-Programm ist dabei Teil einer umfassenderen Sicherheitsarchitektur an der NATO-Ostflanke. Auch die baltischen Staaten stärken mit der "Baltic Defence Line", dem Ausbau nationaler Verteidigungsanlagen entlang ihrer Ostgrenzen, die Verteidigungsfähigkeit der Region.
Ziel des Ostschild-Programms ist es, im Falle eines möglichen konventionellen Angriffs die Bewegungsfreiheit gegnerischer Truppen einzuschränken, die Reaktionsfähigkeit der polnischen Streitkräfte sowie der NATO-Partner zu erhöhen und dadurch zusätzliche Zeit für eine koordinierte Verteidigung zu gewinnen. Darüber hinaus sollen Soldaten und die Zivilbevölkerung in den Grenzregionen besser geschützt werden.
Deutsche Pioniere bauen Grenzbefestigungen
Die Bundeswehr teilte mit, dass die deutschen Kräfte Polen planmäßig am22. Juni 2026 erreichten. Das Kontingent besteht vor allem aus spezialisierten Pionierkräften des Deutschen Heeres sowie weiterem Unterstützungspersonal.
Gemeinsam mit polnischen Einheiten arbeiten sie am Ausbau von Verteidigungsanlagen. Dazu gehören unter anderem Panzerabwehrgräben, Panzersperren sowie Feldbefestigungen und Kampfstände. Der Einsatz ist zunächst bis Oktober 2026 vorgesehen und kann verlängert werden.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem strategisch wichtigen Suwałki-Korridor, einer Landverbindung zwischen Polen und Litauen. Das Gebiet gilt als sicherheitspolitisch besonders sensibel, da es die baltischen NATO-Staaten mit dem übrigen Bündnisgebiet verbindet und gleichzeitig zwischen Kaliningrad und Belarus liegt.
"So etwas gibt es nur unter Tusk"
Polens Ministerpräsident Donald Tuskbegrüßte die deutsche Unterstützung im Osten Polens auf X: "Polnische und deutsche Soldaten verstärken gemeinsam Polens Grenze zu Russland. So etwas gibt es nur unter Tusk." Damit hob er die deutsch-polnische Zusammenarbeit hervor und setzte der früheren PiS-Regierung zugleich einen Seitenhieb.
Kein Einzelprojekt
Die Entsendung deutscher Pionierkräfte nach Polen erfolgt in einer Phase wachsender sicherheitspolitischer Zusammenarbeit zwischen Berlin und Warschau.
Erst im Juni unterzeichneten beide Länder ein neues bilaterales Verteidigungsabkommen, das die bereits bestehenden Beistandsverpflichtungen im Rahmen von NATO und EU bekräftigen und die militärische Zusammenarbeit vertiefen soll. Im Mittelpunkt stehen dabei zentrale Sicherheitsbereiche wie Cyberabwehr, Weltraum, die Sicherheit im Ostseeraum sowie der Schutz der Infrastruktur.
Die Unterzeichnung fiel auf den 35. Jahrestag des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrags und verlieh dem Abkommen zusätzliche Symbolkraft als Zeichen der engeren sicherheitspolitische Partnerschaft beider Staaten.
Angesichts der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland im Jahr 2014 und der daraus resultierenden wachsenden Bedrohungswahrnehmung hatten Deutschland und Polen ihre militärische Zusammenarbeit seit 2014 verstärkt.
Neben "Eastern Shield" sind beide Länder im Multinationalen Korps Nordost in Stettin eingebunden. Das multinationale NATO-Kommando ist für die Führung und Koordinierung alliierter Operationen an der Nordostflanke zuständig. Zudem beteiligt sich die Bundeswehr am Schutz des polnischen Luftraums.
Im Rahmen der Unterzeichnung des neuen Verteidigungsabkommens betonte der deutsche Verteidigungsminister die europäische Tragweite der deutsch-polnischen Partnerschaft: