Am 15. Juli wurde der Student Marius Dick (22) in Trier von einem abgelehnten Asylbewerber aus Afghanistan erstochen. Euronews hat mit seinen Eltern gesprochen. Elke und Thomas Dick wollen, dass ihr Sohn Marius nicht vergessen wird und fordern politische Konsequenzen.
Vormittags um 10:00 Uhr ist der 22-jährige Geschichtsstudent Marius Dick in Trier, wo er studiert, auf dem Rückweg vom Supermarkt. Der gleichaltrige Asylbewerber Sajad M. aus Afghanistan lauert ihm hinter einer Hecke auf, springt hervor und rammt Marius ein Küchenmesser in die Brust.
Es ist eine "Zufallsbegegnung": Marius kannte seinen Mörder nicht, der nach der Tat als psychisch krank erklärt wurde. Der Täter kam 2017 nach Deutschland, sein Asylantrag wurde abgelehnt. Da er minderjährig war, durfte er nicht abgeschoben werden, erhielt 2023 einen unbefristeten Aufenthaltstitel.
Statt still zu leiden, haben sich die Eltern dazu entschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Ihre Botschaft ist politisch.
Euronews hat mit den Eltern von Marius gesprochen.
Fraglos ist es für die Eltern immer wieder schwierig, das traumatische Szenario bei jedem Interview neu zu durchleben. Jeder Tag, an dem er darüber spricht, sei etwas anders, sagt Thomas Dick, bevor er mit seiner Schilderung beginnt. "Ich war als erstes zu Hause, kurz nach 16 Uhr, hatte gerade etwas zu essen gemacht, da klingelte es an der Tür. Ich hatte die Post oder Amazon oder irgendeinen Paketboten erwartet."
Als er die Tür öffnete, sei ihm sofort klar gewesen, dass er aus seiner Normalität herausgerissen werden würde: "Da standen zwei Beamte vor mir, ein Mann, eine Frau, und zwei Notfallseelsorger hinter ihnen. Ich habe oft genug Krimis im Fernsehen gesehen, um sofort zu wissen, dass etwas passiert ist, was nicht normal ist." Er habe sich gefragt, ob etwa seine Frau tödlich verunglückt sein könnte.
Die Polizisten waren ungefähr so alt wie Marius
Die Beamten wollten ihm die Nachricht nicht zwischen Tür und Angel überbringen. "Nein, Sie brauchen nicht reinzukommen, bitte sagen Sie mir direkt, was jetzt los ist."
"Ihr Sohn Marius ist tot."
Sein Sohn war doch in Trier, wie konnte das sein? Er bat die Beamten in die Wohnung.
"Ihr Sohn ist erstochen worden."
Dick atmete tief durch und setzte sich auf das Sofa im Wohnzimmer. "Warten Sie bitte mal, bis meine Frau da ist. Weiß die schon Bescheid?"
Die Polizei hatte versucht, seine Frau auf ihrer Arbeit zu erreichen, erfolglos. Eine Stunde dauerte es, bis sie nach Hause kam, in der er versuchte, etwas Normalität zu wahren. Aus seinem politischen Engagement – er und seine Frau Elke waren für die CDU auf kommunalpolitischer Ebene im Landkreis tätig – kannte er die Seelsorger flüchtig. Nie hätte er gedacht, dass er ihnen einmal unter diesen Umständen begegnen würde.
"Ich sagte noch zu den Polizisten, ihr seid ungefähr 25 Jahre alt, in einem Alter wie mein Sohn, ihr könntet ja selbst meine Kinder sein, und ihr überbringt mir jetzt so eine Nachricht?"
Um kurz nach 17 Uhr kam seine Frau nach Hause. Sie erzählt:
"Ich steige aus dem Auto und sehe meinen Mann in der Tür stehen. Ich frage ihn, was passiert ist, er guckt so komisch. Dann gehe ich um die Ecke und sehe die Polizisten und die Seelsorger im Wohnzimmer stehen."
"Ja, und dann sagt mein Mann zu mir, der Marius ist tot, er wurde heute morgen in Trier erstochen. Im ersten Moment dachte ich, das kann nicht sein."
"Dann bin ich vor der Küche zusammengebrochen und habe nur noch geschrien, mein Kind, mein Kind, mein Marius, das kann nicht sein. Es war ein Moment, als wenn jemand ein Stück aus deinem Herz rausreißt, man kann es nicht beschreiben."
Der Täter galt als gut integriert
Der Täter, Sajad M., galt als gut integriert. Er hat eine Ausbildung im Metallbereich absolviert und arbeitete als Facharbeiter bei einem mittelständischen Unternehmen im Raum Trier. Nach Angaben seines Arbeitgebers war er dort vier Jahre beschäftigt, sprach sehr gut Deutsch und war zuvor nie durch auffälliges Verhalten aufgefallen. Kollegen reagierten entsprechend schockiert auf die Tat.
Erst nach der Tat wurde bekannt, dass Sajad M. an einer psychischen Erkrankung gelitten haben soll und sich bereits in psychiatrischer Behandlung befunden habe.
In Deutschland kommt oft das Argument auf, dass die Bundesrepublik nicht genügend Möglichkeiten zur Behandlung psychisch kranker Flüchtlinge bereitstellt. Was denkt Elke Dick darüber?
"Ich denke da auch an meine Eltern. Meine Eltern wurden 1937 geboren. Mein Papa kam aus Oberschlesien und beide siedelten in den Kriegswirren nach Westdeutschland über. Die waren ja auch traumatisiert! Aber ich habe noch nie von einem Fall gehört, dass damals irgendein Traumatisierter mit einem Messer auf jemanden losgegangen ist."
Elke Dick versteht nicht, was in so einem Menschen vor sich gegangen sein könnte.
"Der war wohl dem Anschein nach integriert, hatte Arbeit, war wohl auch sportlich aktiv. Wie kommt denn so jemand plötzlich dazu, einfacher andere auf der Straße anzufallen und dann auch noch genau zu wissen, wo er hinzustechen hat? Ich kann es einfach nicht nachvollziehen, wie jemand dazu kommt, jemand anderem einfach wahllos, brutal, sinnlos, gezielt abzustechen."
Thomas Dick: "Liegt es am Kulturkreis?"
Thomas Dick erinnert sich an die sogenannten Boatpeople, die in den Achtziger Jahren aus Vietnam nach Deutschland kamen.
"Aus diesem Kulturbereich hat man nichts gehört, dass da jemand mit dem Messer auf die Leute seines Gastlandes eingestochen hätte. Liegt es am Kulturkreis? Ein gewisser Teil dieses Kulturkreises akzeptiert anscheinend nicht unsere Lebensweise oder unsere Religion oder unsere Politik oder was auch immer. Und diesen Kreis gilt es, in jedem Fall auszuschließen."
Dick denkt an einen Bekannten, der aus dem Iran stammt und mit seiner Familie eine Gastwirtschaft betreibt und ihn fragte: "Was ist mit diesen Leuten los, Thomas, warum lässt man die ins Land?" Diese Leute müsse man benennen und ihnen sagen, dass sie ihr Gastrecht missbraucht haben und das Land verlassen müssen, sagt Dick.
Stellt der deutsche Staat hier die Sicherheit jener Migranten, die eine kriminelle Ader haben, über die Sicherheit seiner eigenen Bürger?
Thomas Dick atmet tief durch: "Das muss man nach all diesen Fällen, die ja vor Marius schon waren und die jetzt auch danach passiert sind, siehe letztens beim CSD in Berlin, schon so sagen. Wir haben letztendlich Einwanderung ohne Kontrolle. Mehr als 1.000 Leute laufen in Deutschland herum, sie werden gesucht, aber keiner weiß, wohin sie verschwunden sind."
Dick versteht nicht, dass potenzielle Gefährder nicht ordnungsrechtlich erfasst werden, mit "Fingerabdruck, Iris-Scan, oder irgendwelchen anderen Möglichkeiten. Das ist für mich eine gewisse Fahrlässigkeit, die sich hier eingeschlichen hat und wahrscheinlich immer noch einschleicht, weil es noch nicht mal eine Digitalisierung, eine Vernetzung der einzelnen Bundesländer gibt."
Nach Ansicht von Dick wäre es schon lange an der Zeit gewesen, das Asylrecht zu verschärfen. "Wir haben Pull-Faktoren bezüglich unserer sozialen Gesetze, die enorme Geldmengen, Familiennachzug, Krankenversicherung etc. beinhalten. Auch das Ausnehmen unserer Sozialsysteme spielt ja eine Rolle. Was kostet uns zudem jemand, der hier verurteilt wird, als Mörder oder Verbrecher? Wie hoch ist der Einsatz, den die Opfer bezahlen müssen? Wir haben viel in Marius investiert, und das wird er nie erreichen oder erleben dürfen."
Bundeskanzler Merz rief Elke und Thomas Dick persönlich an
Die Eltern von Marius hoffen, dass sein Tod etwas in der Politik bewegen wird. Bundeskanzler Friedrich Merz persönlich rief sie an, das Telefonat sei sehr emotional gewesen, wie die Mutter sagt.
Wie soll es nun weitergehen im Bund, im Land?
Bestehende Gesetze müssten zunächst einmal angewendet werden, meint Thomas Dick.
"Thema Außengrenzen der EU, wir haben ja Leute in Deutschland, die mehrere Länder durchlaufen haben und sich hier illegal aufhalten, das wäre wahrscheinlich schon der Grund, sie auszuweisen. Und wenn das nicht reicht, muss man das Asylgesetz, das ja nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist, an die heutigen Verhältnisse vielleicht mal anpassen, statt in der EU immer nur zu beraten, was man ändern oder verschärfen wolle. Das Gesetz entspricht nicht mehr den heutigen Verhältnissen und Ansprüchen."
Dänemark beispielsweise verfolge seit Jahren mit die strengste Asylpolitik Europas. Asylbewerber erhielten in der Regel nur befristeten Schutz und müssten zurückkehren, sobald sich die Lage in ihrem Herkunftsland verbessert habe. Gleichzeitig würden Abschiebungen erleichtert und die Anforderungen für einen dauerhaften Aufenthalt sowie die Einbürgerung deutlich verschärft.
Das sei in Dänemark mit allen Fraktionen, auch den dortigen Sozialdemokraten, gemeinsam beschlossen worden. Eine "Brandmauer" wie in Deutschland gibt es dort nicht, betont Dick: "Es wird immer über die AfD geredet, aber nicht ihr. Auch das ist so ein politisches Phänomen in unserer Gesellschaft, dass man Leute ausgrenzt."
"Ich kann doch nicht darüber reden und sagen, wie bunt und vielfältig unser Land ist und gleichzeitig Leute ausschließen, die eine andere Meinung haben, die aber für unsere Sicherheit vielleicht wirklich mehr tun könnten bzw. das eher erkannt haben. Dann muss ich doch mich mit diesen Leuten an einen Tisch setzen, und wenn mit den anderen keine Mehrheiten bezüglich dieses Asylrechts oder innerer Sicherheit zu bekommen ist, dann muss ich halt mit dieser Fraktion eine Mehrheit bekommen."
Es werde Zeit, dass man "auch in Deutschland ganz klar einsieht, wir müssen jetzt was tun, wir müssen miteinander reden, parteiübergreifend mit allen und uns orientieren an Ländern wie Schweden, Dänemark."
Marius jüngerer Bruder findet Halt bei der Freiwilligen Feuerwehr
Der Vater von Marius hat ein Profilbild auf seinem WhatsApp-Konto, dass ein Foto von Helmut Schmidt (SPD) zeigt, den fünften Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, der von 1974 bis 1982 eine sozialliberale Koalition aus SPD und FDP führte. Wir fragen ihn, warum.
Für Dick war Schmidt der Inbegriff eines Staatsmannes. Er wird emotional, wenn er darüber spricht. Als Beispiele nennt er drei Entscheidungen, die ihn bis heute beeindrucken: den Einsatz der Bundeswehr während der Hamburger Sturmflut zur Rettung von Menschenleben, die Befreiung der entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" durch die GSG 9 und Schmidts Weigerung, sich im Fall der Entführung von Hans Martin Schleyer von den linksextremen Terroristen der sogenannten RAF erpressen zu lassen.
"Das werde ich nie vergessen und das kann man mit den Leuten, die heute an der Macht sind, absolut nicht mehr vergleichen."
Marius hatte auch einen jüngeren Bruder. Im Gegensatz zu Marius war Johannes immer eher introvertiert, er macht viel mit sich selbst aus. Wie kommt er mit dem Tod des großen Bruders klar?
In den ersten beiden Tagen nach der Todesnachricht habe er sich noch mehr zurückgezogen und nicht mehr gegessen, erzählt seine Mutter. Er finde inzwischen unter anderem Halt durch die Hilfe einer Heilpraktikerin, die vor wenigen Jahren überraschend ihren Mann verloren habe: "Nachdem er das erste Mal bei ihr war, hat man schon gemerkt, es war als wenn eine Last von seinen Schultern genommen wurde." Auch die Tätigkeit als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr helfe ihm.
Die Eltern von Marius wollen sein Gedenken weiter in der Öffentlichkeit halten
Dick erinnert sich daran, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Juli eine Ansprache zum Thema Gewalt gegen Migranten gehalten hat.
Tatsächlich hielt Frank-Walter Steinmeier am 22. Juli 2026 zum Gedenken an den rassistisch motivierten Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München durch einen Deutsch-Iraner eine Rede. Dabei sprach er über Rassismus, Menschenfeindlichkeit und Gewalt gegen Menschen mit Migrationsgeschichte.
"Dass diese Menschen Opfer dieser Täter waren, ist genauso schlimm, Menschen sind Menschen", betont Dick, "aber auf der einen Seite wird der Fokus darauf gerichtet und auf der anderen Seite sagen alle zwölf Ministerpräsidenten, inklusive der Kanzler, ab, wenn es um Mahnwachen für Opfer von Migranten geht."
Die Eltern von Marius wollen sein Gedenken weiter in der Öffentlichkeit halten, auch um die Politiker daran zu erinnern, einen Fokus darauf zu legen, und sie aufzufordern, etwas zu ändern: "Diese Leute, die sich nicht an dieses Gesetz halten, müssen sehen, dass sie hier nichts verloren haben."
Gibt es noch eine Hoffnung, die sie haben?
Es sei schwierig, Hoffnung zu haben, sagen sie. Aber aufgeben sei keine Option.
Es lohne sich, zu kämpfen, "solange die Namen der Opfer genannt werden, solange die Presse noch ein Auge drauf hat, solange auch manche Parteien darauf schauen und sagen, wir machen ein Konzept, wir legen einen Plan vor, zum Beispiel für schnellere Abschiebungen."
Daneben hoffen sie, dass sie die Zeit, die noch kommen wird, gut bewältigen.
"Wir werden immer wieder Momente bekommen, wo wir Einbrüche haben, wo es uns nicht so gut geht." Was ihnen hilft, ist der Zuspruch aus der Nachbarschaft, die zahlreichen Beileidsbekundungen bei der Beisetzung, die Hilfsangebote von Menschen in ihrer Umgebung.
"Daher wollen wir die Hoffnung in die Menschheit und in die Menschen in Deutschland nicht aufgeben, dass da noch was da ist und ein Wandel noch kommen kann, dass der eine auf den anderen schaut und mithilft und nicht schlecht redet oder hasserfüllt kommentiert, weil er eine Meinung vertritt, die sich von der eigenen unterscheidet."
Das vollständige Interview lesen Sie morgen, am Sonntag, den 9. August auf Euronews.