In beliebten Kopfhörern fanden Forschende Bisphenole und Phthalate. Die Chemikalien können das Hormonsystem des Körpers stören.
Mehrere von großen Tech-Konzernen in der gesamten Europäischen Union verkaufte Kopfhörer könnten hormonell wirksame Chemikalien enthalten. Das weckt laut einer neuen Studie Sorgen über langfristige Gesundheitsrisiken.
Mehr als achtzig verschiedene Kopfhörermodelle von über fünfzig bekannten Marken, darunter Samsung, Apple, Sony und Sennheiser, kamen ins Labor. Jedes untersuchte Modell enthielt zumindest Spuren schädlicher Stoffe wie Bisphenole, Phthalate und Flammschutzmittel.
Bisphenole werden in Alltagsprodukten wie Lebensmittelverpackungen, Plastikflaschen, Babyfläschchen, Aufbewahrungsboxen und einigen Elektrogeräten verwendet (Quelle auf Englisch). Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur (EEA) können sie das Hormonsystem stören und die Fortpflanzungsfähigkeit schädigen.
Phthalate machen Kunststoffe flexibler und widerstandsfähiger. Sie stecken etwa in Shampoos, Medizinprodukten und bestimmten Textilien. Der europäischen Human-Biomonitoring-Initiative HBM4EU zufolge steht die Belastung (Quelle auf Englisch) mit einigen Phthalaten in Zusammenhang mit Fettleibigkeit, Insulinresistenz, Asthma und Aufmerksamkeitsstörungen.
Die Untersuchung führte die tschechische Umweltschutzorganisation Arnika gemeinsam mit dem EU-geförderten Projekt ToxFree LIFE for All durch.
Die Studie betont, dass von den Kopfhörern keine 'unmittelbare' Gefahr für die Gesundheit ausgeht. Sie warnt jedoch, dass eine dauerhafte Belastung langfristige Risiken für die öffentliche Gesundheit birgt, da bislang kein vollständig sicherer Grenzwert feststeht.
Die Forschenden zerlegten die Kopfhörer und entnahmen einhundertachtzig Proben aus harten und weichen Kunststoffteilen. Ein Labor prüfte anschließend, ob darin hormonell wirksame Chemikalien vorkommen. Getestet wurden Modelle für Erwachsene, Kinder und Gamer, da diese Headsets oft über längere Zeit getragen werden.
Auf Basis der chemischen Belastung vergaben die Experten ein Ampelsystem: als sicher eingestufte Kopfhörer erhielten Grün für das geringste Risiko, Gelb stand für 'gesetzeskonform, aber über strengeren freiwilligen Grenzwerten' und Rot für besonderen Anlass zur Sorge.
Insgesamt erhielten 44 Prozent der Modelle ein rotes Urteil wegen hoher Belastung. Nur elf Prozent dieser Kopfhörer wiesen jedoch problematische Stoffe direkt in hautberührenden Teilen auf.
Das deutet darauf hin, dass Hersteller die chemische Sicherheit bei weichen Kunststoffen und berührungsempfindlichen Bereichen am Ohr stärker berücksichtigen. Andere Bauteile, etwa die harte Außenschale, die das Gehäuse bildet, enthalten dagegen häufig bedenkliche Mengen schädlicher Substanzen, so die Forschenden.
Die höchste Bisphenol-Konzentration fanden die Tester in den My First Care-Ohrstöpseln, einem für Kinder beworbenen Produkt, das unter anderem auf Plattformen wie Amazon erhältlich ist. Den genauen Bisphenolgehalt dieser Kopfhörer nennt die Studie nicht.
Phthalate traten überwiegend in kabelgebundenen Kopfhörern auf und meist in geringen, rechtlich zulässigen Mengen. Ein Kinderkopfhörer, der über Temu verkauft wird, enthielt jedoch 4.950 mg/kg Phthalate und lag damit bei fast dem Fünffachen des in der EU für Kinderprodukte erlaubten Grenzwerts, so die Gesetzgebung der Staatengemeinschaft (Quelle auf Englisch).
Als am sichersten galten in der Untersuchung Apples AirPods Pro 2 und die Tune 720BT von JBL. Einige Kindermodelle wie die Paw Patrol-Kopfhörer von Oceania Trading erhielten dagegen rote Bewertungen wegen erhöhter Belastung.
Bei fast sechzig Prozent der Gaming-Headsets für Erwachsene zeigte die Ampel ebenfalls Rot. Kinder-Headsets schnitten etwas besser ab: Rund fünfzig Prozent dieser Modelle erreichten einen grünen Status.
Euronews Next bat die im Bericht genannten Hersteller um Stellungnahme, erhielt jedoch zunächst keine Antwort. Niederländische Medien (Quelle auf Englisch) meldeten, dass einige Onlinehändler wie Bol.com (Quelle auf Englisch), CoolBlue und Mediamarkt nach Veröffentlichung der Studie bestimmte Kopfhörermodelle aus dem Sortiment genommen haben.