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Iran-Krieg: Desinformation und KI-Deepfakes in sozialen Medien verändern den Konflikt

Ein Gebäude wird beschädigt, nachdem in der Nacht ein nahegelegenes Wohnhaus bei einem US-israelischen Angriff in Teheran getroffen wurde, Freitag, 27. März 2026.
Teheran, Freitag, 27. März 2026: Ein Gebäude ist beschädigt, nachdem ein nahe gelegenes Wohnhaus bei einem nächtlichen US-israelischen Angriff getroffen wurde. Copyright  AP Photo/Vahid Salemi
Copyright AP Photo/Vahid Salemi
Von Gregory Ward
Zuerst veröffentlicht am
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Seit Kriegsbeginn kursieren im Netz Falschbehauptungen, KI-Videos und altes Kriegsbildmaterial. Sie dienen staatlicher Propaganda und privater Jagd auf Klicks und Werbeeinnahmen.

Der Iran-Krieg zeigt, wie stark mit Hilfe künstlicher Intelligenz (KI) produzierte Videos die Wahrnehmung der Öffentlichkeit in Phasen maximaler Nachrichtenflut beeinflussen. Gleichzeitig versuchen die beteiligten Staaten, mit diesen Mitteln ihre eigene Deutung des Geschehens durchzusetzen.

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In den vom Krieg direkt betroffenen Ländern wirkt dieses Phänomen besonders emotional. Regierungen greifen deshalb zu strikten Gegenmaßnahmen.

Seit Beginn des Iran-Kriegs überschwemmen leicht und günstig verfügbare KI-Videotools die sozialen Netzwerke. Deepfake-Videos und manipulierte Fotos zeigen vermeintliche Gefechte, Einschläge in Wohngebieten oder angebliche Statements. So entsteht eine Welle von Desinformation, die das Bild vom Krieg und die Einschätzung der Lage vor Ort massiv verzerrt.

„Dramatische Bilder und Videos, die angebliche Echtzeit-Gefechte und Raketenangriffe zeigen, fluten die Feeds der sozialen Medien, verbreiten sich rasant und führen Millionen Menschen in die Irre“, sagt Marc Owen Jones, Associate Professor für Medienanalyse an der Northwestern University in Katar, gegenüber Euronews Next. So beschreibt er, wie sich der Krieg im Netz entwickelt.

Digitale Front

Jones, der erforscht, wie soziale Medien, Desinformation und Online-Politik die öffentliche Meinung formen, sieht die Plattformen inzwischen als Schlachtfeld konkurrierender Erzählungen. Alle Konfliktparteien und ihre Anhänger nutzten soziale Medien, um „Herzen und Köpfe“ zu gewinnen.

Auf US-Seite tauchten etwa Videos auf, die mit Hollywood-Szenen zusammengeschnitten sind, beschreibt Jones. Das sei eine Art Meme-Kommunikation, zugeschnitten auf eine rechtsradikale Ästhetik, die Empathie ablehne und auf Demütigung setze.

Auch Iran habe „aufgeschlossen“, so Jones. Das Land verspotte die USA häufig mit Memes. Viele KI-generierte Bilder stellten Irans militärische Erfolge jedoch deutlich überhöht dar – vermutlich, um den Golfstaaten zusätzlichen Druck in Richtung Deeskalation zu signalisieren.

KI-Deepfakes

Der Fortschritt bei der künstlichen Intelligenz macht Desinformation einfacher und überzeugender. Mit frei verfügbaren KI-Werkzeugen kann heute praktisch jede Person in Sekunden hochwertige Videos, Bilder und Audioclips erzeugen.

Ein Beispiel sind Clips, die angeblich den US-Flugzeugträger USS „Abraham Lincoln“ brennend auf offener See zeigen. Die Aufnahmen wirkten so glaubwürdig, dass der damalige US-Präsident Donald Trump nach eigenen Angaben seine Generäle anrief, um prüfen zu lassen, ob sie echt seien.

Später wandte sich Trump auf seiner Plattform Truth Social (Quelle auf Englisch) an die Öffentlichkeit und erklärte: „Nicht nur stand der Träger nicht in Flammen, er wurde nicht einmal beschossen. Iran weiß es besser, als so etwas zu tun!“

Andere, inzwischen widerlegte Videos zeigen angeblich weinende US-Soldaten oder zerstörte Gebäude in Städten der Golfregion.

„Der Einsatz von KI ist allgegenwärtig und zunehmend schwer zu erkennen“, warnt Jones.

Tempo und Verifikation

Die Geschwindigkeit, mit der sich Inhalte online verbreiten, erschwert es normalen Nutzerinnen und Nutzern, Echtes von Falschem zu unterscheiden.

„In einem sich schnell verändernden Konflikt kommt verifizierte Information oft verspätet“, erklärt Jones. „Es entsteht ein Vakuum, das Falschinformationen sofort füllen. Menschen in Sorge sehnen sich nach neuen Informationen – und greifen dann häufig zu Inhalten, die schlicht falsch sind“, fügt er hinzu.

Ungeprüfte Inhalte erreichen binnen Minuten Millionen Menschen, und das Publikum steht vor der schwierigen Aufgabe, Beiträge zu überprüfen, die oft extrem realistisch wirken oder parallel auf zahlreichen Plattformen auftauchen.

Virale Gerüchte

Parallel zu KI-generierten Kampfszenen machte vergangene Woche ein hartnäckiges Gerücht die Runde, Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sei gestorben.

In einem schlecht aufgelösten Video aus Netanjahus Büro vom 13. März entdeckten Nutzerinnen und Nutzer angebliche Bildfehler. Netanjahu wirke so, als habe er an einer Hand sechs Finger – für viele ein vermeintlicher Beweis für KI-Manipulation.

„Zu den Gerüchten über Netanjahus Tod kamen Vorwürfe, seine Ansprache sei in Wahrheit ein KI-Video gewesen“, so Jones.

Netanjahu veröffentlichte anschließend mehrere Videos im Stil eines „Lebenszeichens“, um die Gerüchte zu zerstreuen. Die Spekulationen über seinen Tod halten sich im Netz jedoch weiter.

Bots und koordinierte Kampagnen

Ein Teil der kursierenden Inhalte dürfte zu koordinierten Kampagnen gehören, die ablenken, überzeugen oder die öffentliche Meinung gezielt beeinflussen sollen.

„Es gibt dubiose, anonyme Accounts mit mehrfach geänderten Namen und ohne erkennbare Identität, die Falschmeldungen und KI-Videos verbreiten“, sagt Jones.

Auf den ersten Blick wirkten diese Profile glaubwürdig, erläutert er. Häufig stünden jedoch staatlich gesteuerte Akteure oder Personen dahinter, die mit reißerischen Inhalten Geld verdienen wollen.

Teilweise verstärken automatisierte Profile, sogenannte Bots, bestimmte Erzählungen, indem sie Beiträge massenhaft teilen und kommentieren. So wirkt ein Narrativ verbreiteter, als es tatsächlich ist.

Parodie und Satire

Nicht jedes KI-Video soll täuschen. Manche Clips entstehen ganz bewusst als Parodie oder Satire.

Sie nehmen häufig Staats- und Regierungschefs aufs Korn, etwa Trump oder Netanjahu. Dennoch halten viele Menschen diese Videos für echt.

Nach Einschätzung von Jones haben „KI-generierte Deepfakes eine kritische Schwelle überschritten. Frühere, leicht erkennbare Bildfehler sind verschwunden, und die Technik steht inzwischen jeder Person mit einem Smartphone zur Verfügung“.

Im Netz kursieren etwa ein Video, das Trump als neue oberste Führungspersönlichkeit Irans zeigt, sowie Clips, in denen Netanjahu als defekter Roboter oder mit mehreren Fingern dargestellt wird.

Andere Videos lassen NATO-Staaten Präsident Trump Hilfe beim Freischießen der Straße von Hormus verweigern. In weiteren Clips kommt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit Anti-Drohnen-Technologie in der Golfregion an – nur um kurz darauf von einer Rakete getroffen zu werden.

In rasant eskalierenden Konflikten verselbstständigen sich solche Beiträge leicht und verbreiten sich weit über ihren ursprünglichen Kontext hinaus.

Vertrauensverlust

Die wachsende Flut irreführender Informationen im Netz macht es immer schwerer, Fakten von Fiktion zu trennen.

„Falsche Informationen verbreiten sich in sozialen Medien bis zu zehnmal schneller als belastbare Berichte, und Richtigstellungen erreichen nur selten die gleiche Reichweite oder Glaubwürdigkeit wie die ursprüngliche Lüge“, sagt Jones.

„Empörung treibt das Teilen an, noch bevor Faktenchecks möglich sind – genau das machen sich böswillige Akteure zunutze“, fügt er hinzu.

Jones plädiert dafür, spektakuläre Bilder mit derselben Skepsis zu betrachten wie unbestätigte Behauptungen.

„Die bloße Tatsache, dass etwas echt aussieht, reicht als Beweis dafür längst nicht mehr aus“, so Jones.

Mit dem andauernden Krieg geht auch der Kampf in den sozialen Medien weiter. Für die meisten Menschen bleibt es eine Herausforderung, sich in diesem Geflecht aus Desinformation, Satire und manipulierten Inhalten zurechtzufinden.

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