Der norwegische Stürmer Erling Haaland erlebt die WM seines Lebens, auf dem Platz und im Netz. Doch vieles, was Fans von ihm sehen, ist gar nicht echt.
Erling Haaland verbringt die WM 2026 mit dem, was er am besten kann: Tore schießen und Content liefern.
Die ungefilterten Beiträge des norwegischen Stürmers auf seinem Snapchat-Account, dem inzwischen mehr als 3,3 Millionen Menschen folgen, haben ihn zu einer der größten Meme-Figuren im Fußball gemacht. Regelmäßig postet er Nasenloch-Selfies, in denen er sich mit Shrek vergleicht, probiert Glatzenfilter aus, beantwortet alberne Fragen und spielt kleine Comedy-Sketche.
Das Problem: Ein Großteil der Inhalte, die online kursieren, stammt gar nicht von ihm, sondern ist weitgehend KI-generiert.
Ein Video, das in wenigen Tagen mehr als 31 Millionen Aufrufe auf X erzielte, zeigte den Stürmer von Manchester City mit vollem Mund in einem Restaurant, wie er zusammenzuckt, als er sein eigenes Spiegelbild sieht.
Community Notes markierten den Clip fast sofort, und Faktenchecker führten die Aufnahmen auf einen Comedy-Sketch des chinesischen Duos Jin Long und Qiu Qiu zurück, den die beiden am 15. Juni auf TikTok veröffentlicht hatten – mit Haalands Gesicht, per KI hineinkopiert. Die Richtigstellung bremste die Verbreitung des Videos allerdings nicht.
Am 8. Juli stellte derselbe Account weitere KI-veränderte Haaland-Videos online, die erneut Tausende Aufrufe sammelten.
Haaland und Vinícius: KI-Doppelact
Allerdings war nicht jeder Fan-Clip unerwünscht.
Vor dem Achtelfinale Norwegens gegen Brasilien in New Jersey verbreiteten Fans bearbeitete Videos, in denen Haalands Gesicht auf die Figur von Marlon Wayans im Comedyfilm „White Chicks“ von 2004 montiert wurde. Brasiliens Vinícius Júnior übernahm in diesen Clips die Rolle von Terry Crews in der ikonischen Autoszene, in der alle lauthals mitsingen.
Haaland entdeckte einen dieser Clips auf Instagram. Er schlug vor, die Szene gemeinsam mit Vinícius im echten Leben nachzuspielen.
Am häufigsten geteilt wurden aber Posts, die Haaland als in Pelz gehüllten Wikingerkrieger mit Doppelaxt zeigen, wie er ein Langschiff durch gefährliche Gewässer steuert.
Ganz aus dem Nichts kam das nicht. Bereits 2023 fotografierte der Fotograf David Yarrow Haaland allein, bis zur Hüfte im Oslofjord, komplett im Wikinger-Outfit.
Vor der WM 2026 holte der norwegische Fußballverband Yarrow zurück, um die gesamte Auswahl zu fotografieren. Das daraus entstandene Motiv mit dem Titel „The Vikings are coming“ zeigt alle 26 Spieler mit Schwertern und Schilden am Fjordufer, im Hintergrund ein bedrohlich wirkendes Langschiff. Nach Yarrows eigener Darstellung drängte Haaland selbst auf dieses Mannschaftsfoto.
Die Fans griffen das Thema sofort auf. Sie fluteten die sozialen Netzwerke mit KI-Variationen – Haaland mitten im Kampf, in Rüstung, mit erhobener Axt. Damit verschwimmt die Grenze zwischen offiziell geförderter Mythologie und von Fans erfundener Fantasy.
Rechte und rechtsextreme Accounts fühlen sich besonders angezogen. Sie stilisieren Haaland zum Symbol des weißen, blonden, körperlich überlegenen Mannes und verbreiten die Wikinger-Bilder besonders häufig.
China: Haaland wird zur Obsession
Viel der KI-Inhalte hat seinen Ursprung in China, wo Haaland inzwischen fast den Status einer Volksfigur erreicht hat.
Seit er am 6. Juni Konten bei Weibo und bei Douyin, Chinas Version von TikTok, eröffnet hat, sammelte er in nur einem Monat 1,6 Millionen Follower auf Weibo und 5,2 Millionen auf Douyin.
Hashtags rund um den Stürmer kommen allein auf Weibo auf mehr als 490 Millionen Aufrufe.
Chinesische Fans haben ihm zwei klar getrennte Rollen verpasst. Auf dem Platz ist er der „Nordic Cyborg“ oder „Robot Striker“, eine Tor-Maschine mit fast unmenschlicher Effizienz.
Abseits des Rasens heißt er „Habao“, etwa „Ha-Baby“ – ein tapsiger, zugänglicher Riese, dessen übertriebene Grimassen und Späße ihn fest in der chinesischen Meme-Kultur verankert haben.
Viele der Fan-Videos in chinesischen Netzwerken drehen sich um einen Song namens „Haaland (Ha Ha Ha)“. Die Melodie stammt von „Moskau“, einem Eurodisco-Hit der deutschen Gruppe Dschinghis Khan aus dem Jahr 1979 – aufgenommen mehr als zwei Jahrzehnte, bevor der norwegische Torjäger geboren wurde.