Seit einem Monat läuft die ukrainische Angriffskampagne gegen Russlands größten Onlinehändler Wildberries. Sieben der zehn größten Logistikzentren sind schon lahmgelegt, sagen das Verteidigungsministerium in Kyjiw und Militärexperten.
Das ukrainische Verteidigungsministerium meldete am Wochenende einen Treffer auf das größte Einzel-Lager von Wildberries. Es handelt sich um einen 250.000 Quadratmeter großen Komplex im Industriepark Koledino in Podolsk im Gebiet Moskau, rund 420 Kilometer von der Grenze entfernt.
Seit Beginn der Angriffe im Juli sind inzwischen sieben Logistikzentren des größten russischen Onlinehändlers Wildberries getroffen worden und außer Betrieb.
Wildberries bestätigte, dass der Angriff einen Brand auslöste und das Unternehmen seine Lieferketten neu organisieren musste. In derselben Nacht trafen ukrainische Einheiten zudem ein zweites Lager im nahegelegenen Domodedowo.
Die Angriffe aus Kyjiw zeigen, dass die Ukraine fast viereinhalb Jahre nach Beginn der russischen Großinvasion Ziele tief im Inneren Russlands erreichen kann.
Kyjiw attackiert Wildberries
Kyjiw rechtfertigt die Angriffe damit, dass Wildberries die russischen Streitkräfte mit ausrüstet. Über die Plattform sollen neben Konsumgüter auch Drohnenbauteile und Navigationsgeräte geliefert werden.
Das in den USA ansässige Institute for the Study of War erklärt, die Kampagne aus Kyjiw setze Russlands Wirtschaft unter Druck und lege eine tiefere Verwundbarkeit offen.
„Moskau hat schlicht nicht genug Luftverteidigung, um jedes Infrastrukturziel im Hinterland zu schützen, nicht einmal zehn seiner kommerziell wichtigsten Standorte“, heißt es in der Analyse des ISW.
Die Kampagne begann am Wochenende des 18. Juli, als Drohnen Ziele in Elektrostal östlich von Moskau und in der Region Tambow trafen. Seitdem weiteten sich die Angriffe von der Hauptstadt und St. Petersburg auf den Süden Russlands aus – bis nach Jekaterinburg im Ural, mehr als 2.000 Kilometer von ukrainischem Gebiet entfernt.
Nach Angaben der Nachrichtenagentur Associated Press sind inzwischen rund 20 Standorte von Wildberries angegriffen worden.
Wildberries-Angriffe belasten Russlands Wirtschaft
Wildberries wird wegen seiner Größe und Bedeutung für Russlands Wirtschaft häufig mit Amazon verglichen.
Zur Einordnung: Wildberries meldet einen Jahresumsatz zwischen 70 und 75 Milliarden Euro. Schätzungen zufolge entspricht das etwas mehr als 2 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts.
Die Plattform wickelt Schätzungen zufolge rund die Hälfte aller Onlinebestellungen im Land ab und betreut mehrere Hunderttausend Händler über elf Zeitzonen hinweg. Diese Rolle wuchs noch, nachdem westliche Marken nach dem Einmarsch in die Ukraine den russischen Markt verlassen hatten.
Darum reichen die Folgen weit über Wildberries selbst hinaus.
Nach Angaben ukrainischer Vertreter zielen die Angriffe darauf ab, militärische Lieferketten zu stören, innenpolitischen Unmut zu schüren und einen größeren finanziellen Druck auszulösen. Betroffen sind auch Banken wie VTB und Sberbank, die dem Unternehmen Kredite von rund 13 Milliarden Euro gewährt haben – Geld, dessen Bedienung Wildberries nun zunehmend schwerfällt.