Anthropic hat mehrere verdächtige Operationen aufgedeckt und gestoppt. Der Missbrauch von KI für hybride Kriegsführung zeigt, vor welchen Problemen Netzentwickler stehen.
Russland hat die KI Claude für Cyber-Spionage gegen die Ukraine und Europa eingesetzt, für Propagandakampagnen und Desinformationsoperationen in Afrika und der Republik Moldau sowie für die Entwicklung von Software für Kamikaze-Drohnen. Das geht aus einem Bericht (Quelle auf Russisch) der US-Technologiefirma Anthropic hervor, dem Entwickler der KI Claude.
Der Bericht zeigt, dass KI-Entwickler Mühe haben, den Einsatz ihrer Technologien in hybriden Operationen vollständig zu kontrollieren.
Anthropic legt in seinem Bericht mit dem Titel „Erkennung und Eindämmung des Missbrauchs von KI“ vom September 2026 offen, dass frühere kommerzielle Claude-Modelle von russischen Militärstrukturen, Hackern und Propagandisten genutzt wurden.
Anthropic teilte mit, dass das Unternehmen alle im Bericht identifizierten böswilligen Aktivitäten gestoppt hat. Die gewonnenen Daten flossen in zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ein, außerdem informierte Anthropic Behörden und Branchenpartner.
Cyber-Spionage: Hacker von Midnight Blizzard setzen Claude ein
Anthropic stellte fest, dass die Hackergruppe GTG-20006 ihre Arbeit mit Hilfe von Claude durch Automatisierung deutlich beschleunigte.
Sie führte Operationen gegen mehr als 20 Organisationen durch. Dazu gehörten staatliche Ministerien, Verteidigungs- und Nachrichtendienste, Botschaften und diplomatische Vertretungen, Thinktanks sowie Unternehmen der Rüstungsindustrie mit Schwerpunkt in der Ukraine und Europa. Die Ziele reichten aber auch in den Nahen Osten und nach Asien, dort vor allem Behörden mit maritimen Aufgaben.
Hauptziel der Angriffe war die Ukraine. Ebenfalls im Fokus standen Anbieter von Technologie für militärische Drohnen und deren Lieferketten.
Nach Einschätzung von Anthropic steht GTG-20006 in Verbindung mit der Hackergruppe Midnight Blizzard. Im Westen gilt Midnight Blizzard als von Russlands Auslandsgeheimdienst gesteuerte Einheit.
In diesem Fall deckt der Einsatz von KI ein breites Spektrum an Autonomiegraden ab. Am einen Ende nutzten die Angreifer Claude im Dialogmodus: Das System diente als technischer Assistent beim Erstellen von Schadsoftware, Phishing-Kits und Überwachungswerkzeugen.
Weiter entlang dieses Spektrums gaben die Angreifer Claude Anweisungen, einzelne Operationen auszuführen, etwa Kommandos in den Netzwerken der Opfer zu starten, Zugangsdaten zu sammeln und Daten abzuziehen. Die Auswahl der Zielsysteme traf jedoch jeweils ein Mensch.
Am anderen Ende des Spektrums liefen die Operationen weitgehend autonom, mit nur minimaler menschlicher Beteiligung oder Kontrolle.
Propaganda in Zentralafrikanischer Republik und Republik Moldau
Mit Unterstützung der Ermittlerinnen und Ermittler des Projekts All Eyes On Wagner dokumentierte Anthropic den Einsatz von KI durch russische staatliche Medienstrukturen in der Zentralafrikanischen Republik, um Desinformation zu automatisieren.
Anthropic löschte ein Konto, das ein russischsprachiger Akteur in Bangui betrieb. Er stellte die Produktionsbasis für eine mit dem russischen Staat verbundene Operation zur Manipulation und Einflussnahme auf ausländische Medien (Foreign Information Manipulation and Interference, FIMI) gegen die ZAR bereit.
Der Akteur bereitete täglich prorussische Inhalte über die Radiostation Radio Lengo Songo (98,9 FM) auf. Dabei arbeitete er mit den russischen Staatsmedien RT, Sputnik Afrique und TASS sowie mit dem „Russischen Haus“ in Bangui zusammen. Nach Recherchen von All Eyes On Wagner wurde der Sender 2017 von der Wagner-Gruppe gegründet und finanziert. Der Großteil der ausgewerteten Inhalte transportierte Narrative zur Unterstützung der Regierung der ZAR und der Wagner-Strukturen und richtete sich gegen Frankreich und die Opposition im Land.
Im Zuge der Ermittlungen stellten die Reporter eine Verbindung zwischen dieser Person und Politology her, einer Einheit des „Afrikanischen Korps“/„Wagner“, die für Manipulations- und Einflussoperationen zuständig ist. Den politisch-technologischen und informativen Block des früheren Wagner-Imperiums kontrolliert der Auslandsgeheimdienst SWR der Russischen Föderation.
Die Operation wurde komplett aus dem Ausland gesteuert. Sie war jedoch so geplant, dass der Eindruck entstand, sie gehe von Bangui aus. Eine Person koordinierte die Veröffentlichung der Beiträge. Verträge, Skripte und Veröffentlichungen erschienen nach außen als Arbeit eines lokalen Radiosenders. Das Claude-Modell diente zur Automatisierung der Abläufe. Ermittler identifizierten die Person über Abrechnungen für ein Claude-Abonnement, die aus dem Zentrum Madrids stammten.
Zudem lief eine regelmäßige Informationsbeschaffungsoperation, die Daten über oppositionelle Politikerinnen und Politiker der ZAR erfasste und aktualisierte.
Das System produzierte außerdem strategische Botschaften und Stellungnahmen für die Pressesprecherinnen und Pressesprecher des „Russischen Hauses“ – eines Kultur- und Informationszentrums, das Russland als Instrument seiner „Soft Power“ und als politisches Drehkreuz im Ausland nutzt.
In der Republik Moldau setzte ein früherer Leiter der regionalen Struktur von Sputnik Claude als Content-Fabrik ein. Er passte Nachrichten, Umfragedaten und Veröffentlichungen der Opposition an, um sie in prokremlische Narrative einzubetten.
Autonomer Kamikaze-Drohnenschwarm
Anthropic identifizierte und blockierte eine mit Russland verbundene Entwicklergruppe. Sie nutzte das Werkzeug Claude Code, um Software für Kamikaze-Drohnen zu schreiben, darunter ein autonomes Ziel- und Schlagsystem sowie Tests auf realer Hardware.
Für das Training der KI-Modelle nutzten die Entwickler Videos mit realen Kampfhandlungen in der Ukraine. Als Demonstrationsziel diente ein fixer Punkt in der Oblast Donezk in der Ukraine. Das Team wollte einen vollständig autonomen Schwarm von FPV-Kamikaze-Drohnen schaffen.
Anthropic erklärte, das Unternehmen habe neun Konten identifiziert, die mit einer regionalen russischen Universität und einem föderalen Forschungszentrum verbunden sind. Dieses Zentrum steht wiederum in Beziehung zur Russischen Akademie der Wissenschaften.
Offiziell ist die Anthropic-KI Claude in Russland gesperrt. Der direkte Zugriff auf Website und API ist blockiert, und russische Bankkarten werden nicht zur Bezahlung akzeptiert.
Die Betreiber der Konten für diese Operation umgingen die geografischen Beschränkungen von Anthropic, indem sie den Datenverkehr über kommerzielle VPS, also virtuelle Server, leiteten.