Unglaublich: Jaan Roose balanciert auf einer Slackline über der Warschauer Innenstadt - in 180 Meter Höhe.
Warschau hat am Sonntagmorgen ein Ereignis erlebt, das noch vor wenigen Monaten undenkbar schien. Der estnische Highliner Jaan Roose balancierte auf einem Band zwischen dem Palast der Kultur und Wissenschaft (Pałac Kultury i Nauki, PKiN) und dem Varso Tower. Er legte dabei rund 500 Meter über dem dicht bebauten Zentrum der Hauptstadt zurück. Um 9:34 Uhr erreichte er das Ziel.
"Als ich (...) entlangging, kam es mir vor, als hätte ich mich ein wenig in der Zeit verirrt. Zum Glück trage ich eine Uhr am Handgelenk. Ich gebe zu, der morgendliche Weg ins Büro ist eine ziemliche Herausforderung", sagte Jaan Roose in einem Radiointerview am Ende seines Spaziergangs durch Warschau. Er fügte hinzu, dass die größten Herausforderungen die Schmerzen und Krämpfe in seinen Händen waren.
Als er sein Ziel erreichte, sagte Roose außerdem, dass er sich wegen des plötzlichen Wetterumschwungs Sorgen gemacht habe und darauf achten musste, sich nicht von Sirenen und dem Lärm der nahegelegenen Baustellen ablenken zu lassen.
Die Aktion war Teil des Projekts „Red Bull Linia Czasu“. Es verband zwei der bekanntesten Symbole unterschiedlicher Epochen Warschaus: den nachkriegszeitlichen PKiN und den modernen Varso Tower, das höchste Gebäude Polens und der Europäischen Union. Das Band hing etwa 180 Meter über dem Boden und war nur 19 Millimeter breit.
Roose startete seinen Weg am Millennium-Uhrturm an der Fassade des PKiN. Die Route führte über das geschäftige Stadtzentrum, über Straßen, Straßenbahngleise und Fußwege. Sie endete auf einer der Terrassen des Varso Tower. Die Organisatoren hatten geschätzt, dass er für die Strecke 25 bis 35 Minuten brauchen würde.
Alt und neu: Highline-Projekt verbindet Warschau
Von Beginn an galt das Projekt nicht nur als sportliche Höchstleistung, sondern auch als symbolische Erzählung über die Stadt. Der Name „Linia Czasu“ spielte auf die Verbindung zweier architektonischer Ikonen der Hauptstadt an: des historischen PKiN und des modernen Varso Tower. Die Organisatoren betonten, das Ereignis solle Warschau als Stadt zeigen, die zwischen Geschichte und Zukunft lebt.
Zusätzliche Schwierigkeit brachte die Art des Bandes. Anders als die aus Zirkusshows bekannten Stahlseile besteht eine Highline aus einem flexiblen Gurt. Er reagiert auf jede Bewegung des Athleten und auf Windböen. In der Mitte der Strecke konnte sich das Band um bis zu 25 Meter durchbiegen. So führte der letzte Abschnitt des Weges faktisch bergauf.
Den Walk von Jaan Roose über das Zentrum von Warschau können Sie hier sehen:
Jaan Roose: einer der besten Highliner der Welt
Der 34-jährige Roose gehört zur absoluten Weltspitze der Slackliner. Er ist dreifacher Weltmeister und hat zahlreiche Rekorde aufgestellt. In den vergangenen Jahren machte er unter anderem mit der Überquerung der Straße von Messina zwischen Kalabrien und Sizilien Schlagzeilen. Er lief über den Bosporus, der Asien und Europa verbindet, und realisierte spektakuläre Projekte in mehreren Hundert Metern Höhe. Roose war zudem der erste Athlet, der auf einem Band einen doppelten Rückwärtssalto stand.
Bemerkenswert ist auch, dass sich der Sportler noch einen Tag vor der Herausforderung in Warschau am Fuß verletzte. Er klemmte sich im Hotelzimmer die Tür auf dem Bein ein, als er versuchte, sein Kind nicht zu wecken. Nach eigenen Angaben sollte die Blessur den Versuch über Warschau jedoch nicht beeinträchtigen.
Tausende verfolgen Highline-Versuch in Warschau
Das Ereignis lief im Internet und im Fernsehen. Für diesen Tag öffnete der PKiN seinen Aussichtsterrass schon am frühen Morgen. Bewohner und Touristen strömten ins Zentrum, um den historischen Spaziergang über Warschau mit eigenen Augen zu sehen.
Dass Roose die Strecke um 9:34 Uhr beendete, bedeutete den vollen Erfolg für „Red Bull Linia Czasu“. Warschau reiht sich damit in die Liste der Orte ein, an denen Roose einige der spektakulärsten Highline-Projekte der Welt verwirklicht hat.