Ein Gletscherabbruch im Himalaya hat eine tödliche Schlamm- und Geröllflut ausgelöst. Mindestens 472 Menschen sind tot, mehr als 1.400 werden noch vermisst. Rettungskräfte fürchten eine zweite Flutwelle.
Rettungskräfte haben sich am Donnerstag durch tiefen Schlamm gekämpft und nach mehr als 1.400 Vermissten gesucht, nachdem Sturzfluten und Erdrutsche die Grenzregion zwischen Nepal und Tibet verwüstet hatten. Die Zahl der Todesopfer stieg erneut, auf inzwischen 472. Ganze Dörfer wurden von den Wassermassen fortgerissen.
Einen Tag nach der tsunamiartigen Wand aus eisigem Wasser und Schlamm warnten Experten vor weiteren Überschwemmungen. Die Schlammlawine hatte Ortschaften niedergerissen, Häuser überflutet, Brücken und Dämme zerstört und Fahrzeuge wie Spielzeug fortgeschleudert.
Unter den Vermissten sind zahlreiche ausländische Touristen, darunter Trekker, die in dem Himalaya-Staat unterwegs waren. Auch viele hinduistische Pilger fehlen noch – sie waren auf dem Weg zum schneebedeckten heiligen Berg Kailash in Tibet.
Der US Geological Survey (USGS) erklärte, ein Gletscherabbruch habe die Katastrophe ausgelöst und eine gewaltige Masse aus Eis und Geröll in Bewegung gesetzt. Der Klimawandel lässt weltweit Gletscher schmelzen – und erhöht damit das Risiko plötzlicher Gletschersee-Ausbrüche und Eiseinstürze.
Rettungsteams kämpfen um jedes Leben
Einsatzkräfte kämpften weiter darum, Überlebende aus den betroffenen Gebieten zu retten. Nepalesische Soldaten setzten Spürhunde ein, um Leichen zu finden, die unter den erstickenden Schlammmassen begraben liegen.
"Es ist ein riesiger Friedhof", sagte Omkar Joshi, ein 35 Jahre alter nepalesischer Zollbeamter, den Rettungskräfte auf einem Hügel in der Grenzstadt Timure fanden, der Nachrichtenagentur AFP. "Übrig sind nur Sand und Kieselsteine, getränkt vom Blut der Menschen."
Die nepalesische Armee teilte mit, dass Rettungskräfte am Freitag daran arbeiteten, rund 100 Menschen zu retten, die in einem Tunnel eines von der Flut überschwemmten Wasserkraftprojekts eingeschlossen sind.
"Unser Schwerpunkt liegt auf der Suche und Rettung von Menschen … Einige Menschen sind im Tunnel des Wasserkraftprojekts Trishuli 3A eingeschlossen“, sagte der Sprecher der nepalesischen Armee, Raja Ram Basnet.
350 Menschen seien aus dem Gebiet gerettet worden, doch 100 seien weiterhin eingeschlossen, teilte das Büro des Premierministers in einer Erklärung mit. Die nepalesische Polizei teilte mit, bislang 389 Leichen geborgen zu haben. Weitere 910 Menschen – darunter 517 ausländische Touristen – gelten im Land als nicht erreichbar. Peking erklärte zusätzlich, dass 100 chinesische Staatsbürger in Nepal vermisst werden, die in dieser Zahl nicht enthalten sind.
Indische Staatsangehörige stellen die größte Gruppe unter den vermissten Ausländern. Die USA berichteten, dass 90 ihrer Bürger keinen Kontakt zur Heimat haben. Weitere Vermisste stammen laut Nepals Tourismusbehörde aus Australien, Großbritannien, Malaysia, den Niederlanden, Portugal, Südafrika und Südkorea.
In China meldeten Staatsmedien, dass das "Erdrutsch-Unglück" am Gyirong-Port in Tibet drei Menschenleben forderte. Dort werden zudem 558 weitere Personen vermisst, darunter 260 Ausländer. Chinas Premier Li Qiang besuchte das Gebiet am Donnerstag, um die Hilfsmaßnahmen zu überwachen, wie Staatsmedien berichteten.
"Tsunami im Landesinneren"
Premierminister Balendra Shah, der schon wenige Stunden nach der Katastrophe zum Zusammenhalt aufgerufen hatte, besuchte am Donnerstag mehrere der am stärksten betroffenen Regionen. Er forderte die lokalen Behörden auf, vertriebenen Familien umgehend zu helfen und blockierte Straßen zu räumen, wie sein Büro mitteilte.
Der plötzliche Schwall aus Schlamm und Geröll sei "wie ein Tsunami im Landesinneren" gewesen, der fast 170 Kilometer weit nach Süden ins nepalesische Gebiet vorgedrungen sei, sagte die Umwelthistorikerin Ruth Gamble von der australischen La Trobe University.
Der im indischen Exil lebende Dalai Lama erklärte, er werde "für alle beten, die ihr Leben verloren haben“. Behördenvertreter in Tibet mobilisierten laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua fast 800 Einsatzkräfte sowie Spürhunde und Schnellboote für die Rettungsarbeiten. Kurz nach Bekanntwerden des Ausmaßes der Katastrophe trafen aus mehreren Ländern Hilfszusagen ein.
Gletscherabbruch als Auslöser
Laut USGS löste der Gletscherabbruch seismische Aktivität aus und hatte "katastrophale" Folgen flussabwärts in Nepal und Tibet. "Ursprünglich wurde dieses Ereignis als Erdbeben der Magnitude 4,4 gemeldet", teilte die Behörde mit. Eine genauere Auswertung der seismischen Daten habe jedoch ergeben, dass es sich um einen Gletscherabbruch mit anschließender Gerölllawine handelte.
Die Angst vor einer weiteren Flutwelle bleibt: Hinter den gewaltigen Trümmerfeldern, die das Tal blockieren, stauen sich große Wassermassen. "Da die Blockade weiter flussaufwärts am Grenzfluss zwischen Nepal und China feststeckt, warnen die Behörden vor einer möglichen zweiten Flut", sagte Qianggong Zhang, Leiter für Klima- und Umweltrisiken am International Centre for Integrated Mountain Development in Kathmandu.
Kathmandus Abteilung für Hochwasservorhersage veröffentlichte am Donnerstag eine Sonderwarnung. Sie verweist auf einen wachsenden See, der sich hinter den Erdrutsch-Trümmern gebildet hat, und ruft zu äußerster Vorsicht auf.
Pilger auf dem Rückweg vom Kailash erfasst
Zahlreiche hinduistische Gläubige aus aller Welt zählen zu den Hunderten Vermissten an der Grenze, sagte der indische spirituelle Führer Sadhguru am Donnerstag. Sie waren auf dem Rückweg von einer Pilgerreise zum heiligen Berg Kailash auf chinesischer Seite, als die Flut sie an einem Grenzposten überraschte.
"Die ganze Gruppe befand sich in dem Gebäude“, sagte Sadhguru in einer Videobotschaft an seine Millionen Anhänger. Er sprach unter Tränen aus Tibet, im Hintergrund waren die verzweifelten Schreie anderer Pilger zu hören. "Das ist ein schreckliches und außergewöhnliches Ereignis."