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Gletscherabbruch könnte Katastrophe in Nepal und Tibet ausgelöst haben

Ein Fahrzeug steht nach Sturzfluten in Devighat im Distrikt Nuwakot in Nepal. Donnerstag, 27. August 2026.
Ein Fahrzeug steht in Devighat im Distrikt Nuwakot in Nepal zwischen den Trümmern nach Sturzfluten. Donnerstag, 27. August 2026. Copyright  Niranjan Shrestha/Copyright 2026 The AP. All rights reserved.
Copyright Niranjan Shrestha/Copyright 2026 The AP. All rights reserved.
Von Greta Ruffino
Zuerst veröffentlicht am
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Einzelne Gletscherereignisse lassen sich nicht eindeutig dem Klimawandel zuschreiben. Fachleute warnen, dass steigende Temperaturen die Gletscher immer stärker unter Druck setzen.

Ein riesiger Eisblock ist offenbar aus mehreren Tausend Metern Höhe von einem Gletscher in einen Fluss gestürzt und könnte die Katastrophe in Nepal und Tibet ausgelöst haben.

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Expertinnen und Experten werten weiterhin Satellitenbilder und Messdaten am Boden aus, um die Ursachen der Flut zu verstehen. Die Wassermassen töteten mindestens 353 Menschen, mehr als 1.300 werden noch vermisst – darunter auch Ausländerinnen und Ausländer sowie Pilger.

„Ein großes Stück des Gletschers ist aus etwa 5.200 Metern Höhe in ein Tal gestürzt“, sagte Simon Cox, leitender Wissenschaftler bei Neuseelands GNS Science.

Daraus sei eine „tobende Masse aus Geröll“ geworden, „die Steine, Sedimente, Bäume und alles, was im Weg ist, aufnimmt und durch die Schlucht nach unten schleudert“, erklärte er gegenüber AFP.

Zuerst traf die Wasserwand einen Grenzposten. Überwachungskameras zeigen, wie Schlamm und Trümmer das Gelände überziehen, während Menschen fliehen. Anschließend wälzte sich die Flut weiter flussabwärts nach Nepal, überflutete Dörfer und riss Brücken und Häuser mit.

Ein Kind läuft nach einem Sturzflut-Ereignis im Schlamm in Devighat im Distrikt Nuwakot in Nepal, Donnerstag, 27. August 2026.
Ein Kind läuft nach einem Sturzflut-Ereignis im Schlamm in Devighat im Distrikt Nuwakot in Nepal, Donnerstag, 27. August 2026. Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved.

Was löst die Wasserwand aus?

Zu Beginn vermuteten Fachleute einen sogenannten Gletscherseeausbruch (GLOF). Dabei bricht der Damm eines Gletschersees abrupt und setzt das aufgestaute Schmelzwasser flussabwärts frei.

„Wasser fließt innerhalb von Gletschern und unter ihnen“, sagte Adrian McCallum, Glaziologe an der University of the Sunshine Coast.

„Zu meiner Einschätzung passt, dass ein großes Wasservolumen nur dann plötzlich durch ein Tal schießt, wenn es zuvor auf einen Schlag freigesetzt wurde“, sagte er AFP.

Andere Fachleute fanden jedoch in der Nähe des Einsturzortes keinen bestehenden Gletschersee. Ihrer Einschätzung nach könnte sich Wasser unter dem Gletscher angesammelt haben und beim Abbruch des Eises schlagartig freigesetzt worden sein.

Eine weitere Möglichkeit: Der herabstürzende Eisblock hat den Fluss kurzzeitig aufgestaut, sodass sich Wasser sammeln konnte, bevor es sich abrupt löste.

Nach Angaben von Cox hatten sommerliche Gletscherschmelze und Monsunregen den Pegel bereits angehoben. Zusätzlich vergrößerten Geröll und Schlamm, die der Strom unterwegs mitriss, das Wasservolumen.

In der gesamten überfluteten Region stieg der Wasserstand nach dem Schwall durch den Gletscherkollaps innerhalb von nur 30 Minuten um bis zu neun Meter, berichten Forschende einer Klimagruppe mit Sitz in Kathmandu.

„Das war ein gewaltiger Anstieg, eine enorme Wasserwelle, die ganz plötzlich einsetzte“, sagte Saswata Sanyal.

Der Einsturz des Gletschers war so kräftig, dass er um 8.37 Uhr (4.52 Uhr MESZ) als seismisches Ereignis der Stärke 5,2 registriert wurde. Zunächst interpretierten Messstationen das Signal als Erdbeben.

Nach weiterer Analyse stellte der US Geological Survey fest, dass es sich um einen Gletscherkollaps mit Gerölllawine handelte und kein Erdbeben stattgefunden hatte.

Dieses von Planet Labs PBC bereitgestellte Bild zeigt das Gebiet Betrawoti-Bazaar in Nepal am 23. August 2026.
Dieses von Planet Labs PBC bereitgestellte Bild zeigt das Gebiet Betrawoti-Bazaar in Nepal am 23. August 2026. Planet Labs PBC

Satelliten helfen bei Rekonstruktion der Katastrophe

Viele der betroffenen Gebiete sind derzeit kaum erreichbar. Fachleute greifen deshalb auf Satellitenbilder und vorhandene Messdaten vom Boden zurück, um den Ablauf der Katastrophe zu rekonstruieren.

„Wir können Satellitenaufnahmen von vor und nach dem Ereignis vergleichen und sehen, was sich verändert hat. Im Grunde suchen wir danach, was in den Bergen auf den Bildern nach der Katastrophe fehlt“, erklärte Lauren Vargo, Glaziologin an der Victoria University of Wellington in Neuseeland.

Kurz nachdem die seismische Aktivität registriert worden war, stellte eine nahegelegene Pegelstation ihren Datenfunk ein, teilten die nepalesischen Behörden mit.

Danach fielen flussabwärts weitere Messstationen nacheinander aus. In Kalikhola nahe der Grenze zu Tibet erreichte der Wasserstand laut Behörden um 14.14 Uhr (10.29 Uhr MESZ) bis zu 12,3 Meter.

Warum Warnungen womöglich nicht ausreichen

Die nepalesischen Behörden erhielten erste Meldungen über Überschwemmungen gegen 9.00 Uhr Ortszeit (5.15 Uhr MESZ). Sie warnten die Gemeinden entlang des Flusses Bhote Khoshi, „höchste Alarmbereitschaft zu wahren und sich in sicheren Bereichen aufzuhalten“.

Unklar ist, wie viele Menschen die Warnung überhaupt erreichte und wie viel Zeit ihnen zum Reagieren blieb.

„Die Realität ist: Wenn eine Gemeinde unterhalb eines großen Gletschers und möglicherweise eines Gletschersees liegt, in dem ein GLOF auftreten kann, sitzt sie gewissermaßen auf einer tickenden Zeitbombe“, sagte McCallum.

Selbst für diejenigen, die eine Warnung erhielten, waren die Handlungsmöglichkeiten begrenzt, sagte Hatim Sharif, Hydrologe an der University of Texas in San Antonio.

„Weglaufen hilft nicht“, erklärte er AFP. Auch mit einem Fahrzeug zu fliehen, sei aussichtslos, weil sich Schlamm und Wasser mit hoher Geschwindigkeit zu einer tödlichen Mischung „wie flüssiger Beton“ verbinden.

Als einzige Chance bleibt nach seiner Einschätzung, einen Hügel hinaufzuklettern, mindestens sechs Meter über dem Flussbett.

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