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Droht Spanien ein schweres Erdbeben? Geologe erklärt Euronews das echte Risiko

Karte der Erdbeben in Spanien mit Angabe ihrer Stärke, erstellt vom spanischen Geografischen Institut IGN.
Karte der Erdbeben in Spanien mit Angaben zur Stärke, erstellt vom spanischen Instituto Geográfico Nacional (IGN). Copyright  Instituto Geográfico Nacional (IGN)
Copyright Instituto Geográfico Nacional (IGN)
Von Lucia Blasco
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Die Beben bei Granada haben die Debatte über ein schweres Erdbeben in Spanien neu entfacht. Euronews spricht mit einem Geologen vom Instituto Geográfico Nacional.

Mehr als 1.000 Erdbeben in nur zehn Tagen, zwei davon mit einer Stärke von mindestens 4,8. Die seismische Serie, die am 14. August 2026 in Granada begonnen hat, wirft erneut eine Frage auf, die weit über Andalusien hinausreicht: Droht Spanien in absehbarer Zeit ein starkes Erdbeben?

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Bis zum 24. August 2026 hat das Instituto Geográfico Nacional (IGN) 1.075 Beben dieser Serie registriert , 94 davon haben die Menschen vor Ort gespürt. Die Epizentren der beiden stärksten mit einer Magnitude von 4,8 lagen sehr nah an der Erdoberfläche. Sie waren in mehr als 500 Orten zu spüren, von Andalusien bis nach Murcia, in Kastilien-La Mancha und sogar in der Region Madrid.

Spanien hat in der Vergangenheit deutlich zerstörerischere Beben erlebt. Das Erdbeben von Arenas del Rey im Jahr 1884 mit einer geschätzten Stärke von 6,5 traf mehr als 100 Ortschaften und forderte zwischen 750 und 900 Todesopfer. 1954 wurde in Dúrcal ein Beben von 7,8 gemessen, allerdings in rund 650 Kilometern Tiefe, was die Auswirkungen stark begrenzte.

Muss sich Spanien vor diesem Hintergrund auf ein weiteres starkes Erdbeben vorbereiten? „Erdbeben mit einer Stärke von über 4 im Süden und Südosten Spaniens sind überhaupt nichts Ungewöhnliches“, erklärt Raúl Pérez López, Notfallgeologe am Instituto Geológico y Minero de España (IGME-CSIC), im Gespräch mit Euronews. "In dieser Zone gibt es Verwerfungen, die Beben der Stärke 5 auslösen können und in einigen Fällen sogar 6."

Doch wie groß ist das tatsächliche Risiko eines schweren Erdbebens in Spanien? Welche Regionen sind besonders gefährdet, und wie weit lässt sich eine solche Erschütterung im Voraus abschätzen?

140 Jahre ohne starkes Erdbeben: Läuft der Countdown?

In den vergangenen Tagen haben manche Beobachter darauf verwiesen, dass seit dem Beben von 1884 rund 140 Jahre vergangen sind. Pérez López betont jedoch einen entscheidenden Punkt: Aus einem statistischen Mittelwert lässt sich kein nächstes Erdbeben vorhersagen.

„Wir können die vergangene Zeit durch die Zahl der Erdbeben teilen und sagen: Alle 100 Jahre ereignet sich in Spanien ein großes Erdbeben, das ist es, was uns die Statistik zeigt“, erklärt der Geologe. "Die seismische Aktivität verläuft aber nicht linear. Es können 200 Jahre ohne starkes Beben vergehen, danach können zwei kurz hintereinander auftreten."

„Auch wenn wir seit 140 Jahren kein schweres Erdbeben erlebt haben, wissen wir nicht, ob es in kurzer Zeit oder erst viel später passieren wird“, sagt der Wissenschaftler.

Fest steht allerdings: Die tektonische Energie baut sich weiter auf. Spanien steht unter dem Druck der afrikanischen und der eurasischen Platte. Je mehr Zeit vergeht, desto stärker kann die Wahrscheinlichkeit für ein Großbeben steigen. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein solches Ereignis unmittelbar bevorsteht.

Auch wenn wir seit 140 Jahren kein Erdbeben dieser Größenordnung hatten, wissen wir nicht, ob es bald oder erst in weiter Ferne passieren wird.
Raúl Pérez López
Notfallgeologe am Instituto Geológico y Minero de España (IGME-CSIC)

„Es gibt Verwerfungen, die Erdbeben auslösen können, aber wir wissen nicht, ob das heute, morgen oder erst in 50 Jahren passiert“, fasst Pérez López zusammen. „Wir haben keine Möglichkeit, das genauer zu wissen.“

Der Experte warnt zudem vor der „falschen Wahrnehmung“, die durch das Zusammentreffen von mehreren Erdbeben an verschiedenen Orten der Welt entstehen kann. Pérez López erklärt, dass jüngste große Beben in unterschiedlichen Ländern den Eindruck erwecken können, sie hingen miteinander zusammen. „Aus wissenschaftlicher Sicht ist das aber nicht der Fall.“

Risiko in Spanien reicht weit über Granada hinaus

Nach Angaben von Pérez López hat das IGME in Spanien mehr als 200 aktive Verwerfungen kartiert. Die große Frage ist, wo und wann sich die aufgestaute Energie schließlich entlädt: „Wie wird sich diese Energie auf all die vorhandenen Verwerfungen verteilen oder wo freigesetzt? Das wissen wir nicht.“

Das höchste Risiko konzentriert sich am Mittelmeer, „von Valencia bis Cádiz“, wegen der zahlreichen Verwerfungen und des historischen Auftretens zerstörerischer Beben. Der Experte erinnert aber daran, dass auch in den Pyrenäen, im katalanischen Gebirge und an intraplattischen Störungen, etwa in Granada und Albacete, kräftige Erschütterungen auftreten können.

Die Geschichte zeigt, dass schwere Erdbeben in Spanien nicht auf eine einzige Provinz beschränkt bleiben. Torrevieja erlebte 1829 ein Beben von geschätzt 6,6. Das deutlich kleinere Beben von Lorca im Jahr 2011 mit 5,1 forderte dennoch neun Tote.

Prinz Felipe von Spanien und Prinzessin Letizia besuchen die Santiago-Kirche in Lorca, die durch das Erdbeben zerstört wurde, am Freitag, dem 13. Mai 2011.
Prinz Felipe von Spanien und Prinzessin Letizia besuchen die Santiago-Kirche in Lorca, die durch das Erdbeben zerstört wurde, am Freitag, dem 13. Mai 2011. Copyright 2011 AP. All rights reserved.

Vorsorge statt Vorhersage

„Unsere beste Waffe ist ohne Zweifel die Vorsorge“, sagt Pérez López. Die Gefahr, die von einem Erdbeben ausgeht, hängt nicht nur von seiner Stärke ab, sondern auch vom Ort, von der Tiefe und vor allem davon, wie die Bauwerke darauf reagieren.

„Tödlich wird ein Erdbeben durch die seismische Intensität und durch die Reaktion der Gebäude“, erklärt der Geologe. Auch wenn sich der Zeitpunkt des nächsten Bebens nicht vorhersagen lässt, ermöglichen Gefährdungskarten langfristig abzuschätzen, wie stark sich der Boden bewegen kann. Auf dieser Grundlage lässt sich die Bauweise an das Risiko anpassen.

Der Forscher verweist auf die jüngsten Erdbeben in Venezuela und Kolumbien, um zu zeigen, wie Erdbeben mit ähnlicher Magnitude sehr unterschiedliche Folgen haben können.

Er räumt ein, dass die geologischen Bedingungen nicht identisch waren, hebt aber die Bedeutung der Widerstandsfähigkeit der Gebäude hervor, um die Auswirkungen zu erklären.

Die Vorhersage von Erdbeben bleibt eine der großen Herausforderungen der Wissenschaft. Pérez López betont, dass bis heute unklar ist, was genau den Moment bestimmt, in dem eine Verwerfung aufreißt, wie ein Beben beginnt oder wie sich dieser Bruch ausbreitet.

Raúl Pérez López selbst nennt es ein Paradox, dass wir trotz enormer wissenschaftlicher und technologischer Fortschritte Erdbeben noch immer nicht vorhersagen können. Das zeige, „dass die Natur eine Komplexität besitzt, die wir noch nicht verstehen“. Bislang weiß die Forschung nicht, was einen Erdstoß tatsächlich auslöst, wann die Bruchschwelle erreicht ist oder wie sich der Riss ausbreiten wird.

Künstliche Intelligenz und Deep Learning könnten künftig helfen, Muster zu entdecken, die wir heute nicht erkennen, sagt der Wissenschaftler. Für Pérez López liegt bis dahin jedoch noch ein weiter Weg vor der Forschung. Eine engmaschigere Überwachung der Verwerfungen könnte eines Tages eine Art Prognose ermöglichen. „Doch im Moment tappen wir völlig im Dunkeln.“

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