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Wenn Island für EU-Mitgliedschaft stimmt: Was bedeutet das für Norwegen?

Norwegens Regierungschef Jonas Gahr Støre (r.) und EU-Ratspräsident António Costa bei einer Pressekonferenz in Oslo, Norwegen, am Donnerstag, 19. Februar 2026.
Norwegens Premier Jonas Gahr Støre (r.) und EU-Ratspräsident António Costa bei einer Pressekonferenz in Oslo am Donnerstag, 19. Februar 2026. Copyright  AP Photo/Annika Byrde
Copyright AP Photo/Annika Byrde
Von Luca Bertuzzi
Zuerst veröffentlicht am
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Am Samstag stimmen die Menschen in Island darüber ab, ob die Beitrittsgespräche mit der EU wieder starten. Ein "Ja" könnte Norwegens Position schwächen und Oslo zwingen, sein Verhältnis zu Brüssel neu zu bewerten.

Ein „Ja“ bei der Volksabstimmung in Island könnte den anderen nordischen Nachbarn der EU in eine unbequeme Lage bringen und Norwegen unter Druck setzen, sein Verhältnis zu Brüssel neu zu überdenken.

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Nicht nur in Reykjavík und Brüssel blickt man gespannt auf das Votum am Samstag. In Oslo verfolgt die Regierung den Urnengang besonders genau. Norwegen ist wohl das Nicht-EU-Land, für das am meisten auf dem Spiel steht, vor allem, wenn sich das „Ja“-Lager in Island durchsetzt.

„Wir müssen anerkennen, dass ein isländischer Beitrittsprozess besondere Herausforderungen für Norwegen als EWR-Staat mit sich bringen wird“, sagte Außenminister Espen Barth Eide im Mai im Parlament in Oslo. Der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) ist eine vertiefte Freihandelszone zwischen der EU und drei nicht EU-Staaten (Island, Liechtenstein und Norwegen).

Die norwegische Regierung betont bislang, dass der Europäische Wirtschaftsraum EWR die Grundlage ihres Verhältnisses zu Brüssel bleiben soll. Doch die Folgen eines isländischen „Ja“ ließen sich kaum ignorieren.

Ein schrumpfender Klub

Der EWR erweitert den EU-Binnenmarkt auf drei Nicht-EU-Staaten: Island, Liechtenstein und Norwegen. Tritt Island der Europäischen Union bei, schrumpft der EWR auf zwei Mitglieder. Eines davon wäre Liechtenstein, ein Staat mit nur 40 000 Einwohnern, dessen Wirtschaft eng mit der Schweiz verflochten ist.

Faktisch würde der EWR dann zu einem bilateralen Arrangement zwischen der EU und Norwegen. Norwegen wäre das einzige größere Land im europäischen Binnenmarkt ohne Sitz am Entscheidungstisch.

Island wäre nicht das erste Land, das vom EWR in die Vollmitgliedschaft wechselt. Als das Abkommen 1994 in Kraft trat, gehörten auch Österreich, Finnland und Schweden dazu. Alle drei beschlossen nach Volksabstimmungen den Beitritt zur Europäischen Union.

Rein formal bliebe der EWR bestehen, selbst wenn Island der EU beitritt. Politisch würde es jedoch schwerer, den EWR als echte Alternative zu einer Vollmitgliedschaft in der EU darzustellen.

„Wenn Island Mitglied der EU wird, verändert sich das Kräfteverhältnis zwischen den Mitgliedern des EWR-Abkommens – ursprünglich zwölf zu sieben – auf 28 zu zwei“, erklärte Eide.

Diese Schieflage erklärt, warum die norwegische Regierung zwar den EWR als Grundlage ihres Verhältnisses zu Brüssel verteidigt, die Folgen eines „Ja“ aber nicht ausblenden kann.

„Welchen Weg Island auch einschlägt, wir müssen daran arbeiten, unsere Zusammenarbeit mit der EU zu vertiefen“, so Chefdiplomat Eide.

Islands Ministerpräsidentin Kristrún Frostadóttir schlug nach einem Treffen mit ihrem norwegischen Amtskollegen Jonas Gahr Støre im Februar einen ähnlichen Ton an.

„Wir halten das EWR-Abkommen in jedem Fall aktiv“, sagte die Regierungschefin von Island. „Denn wenn in unserem Referendum ein Ja herauskommt, steht immer noch eine Entscheidung über die Vollmitgliedschaft an. Fällt das Ergebnis negativ aus, müssen wir uns darauf verlassen können, dass der EWR stark und lebendig ist.“

Eine belastete Geschichte

Der EWR ist ein Produkt des komplizierten Verhältnisses Norwegens zum europäischen Projekt. Die Norwegerinnen und Norweger haben eine EU-Mitgliedschaft bereits zweimal in Volksabstimmungen abgelehnt: 1972 und 1994.

In beiden Fällen war Norwegen das einzige Kandidatenland, das sich gegen den Beitritt aussprach. Damals stimmten 53,5 % beziehungsweise 52 % mit Nein.

An diesem Muster hat sich wenig geändert. Eine Anfang August 2026 veröffentlichte Umfrage der norwegischen Zeitung ABC Nyheter ergab, dass 49 % der Befragten in Norwegen eine EU-Mitgliedschaft ablehnen würden, während 37 % dafür wären.

Die zentralen Bedenken – Fischerei, Landwirtschaft und die Scheu, Souveränität gegen begrenzten Einfluss in einem deutlich größeren Block einzutauschen – haben sich seit den 1990er-Jahren kaum verändert.

Island teilt viele dieser Sorgen. Das Referendum am Samstag richtet sich jedoch nicht auf die EU-Mitgliedschaft selbst. Zur Abstimmung steht, ob die Regierung ein Mandat erhalten soll, die 2015 ausgesetzten Beitrittsverhandlungen wieder aufzunehmen.

Ein zweites Referendum soll später klären, ob die Wählerinnen und Wähler einem ausgehandelten Beitrittsvertrag zustimmen.

Damit geraten die isländischen Verhandlungen in Oslo unter die Lupe. Sie könnten die Position der EU-Skeptiker in Norwegen schwächen.

Hallgrimur Oddsson, Direktor des Thinktanks Evrópustraumar, sagte Euronews, die Norweger verfolgten „sehr genau“, wie die Gespräche liefen – vor allem bei heiklen Themen wie der Fischerei.

Er erwartet, dass proeuropäische Parteien jeden Rückenwind nutzen, um die Mitgliedschaftsdebatte neu zu beleben. Zugleich verweist er darauf, dass Norwegen bereits zwei Volksabstimmungen zu dieser Frage abgehalten hat.

„Ihre Geschichte ist auch eine andere“, sagte er.

Islands Votum könnte neue Dynamik bringen. Doch Norwegen müsste eigene Gründe für einen EU-Beitritt finden. Dafür wäre eine breite nationale Debatte nötig, und daran besteht bislang wenig Interesse.

Alte Wunden

Norwegens grundlegende Sorgen haben sich seit der letzten Beitrittsdebatte kaum verändert – ebenso wenig die Positionen der großen politischen Parteien.

Eine ernsthafte Diskussion über eine Wiederaufnahme der Beitrittsfrage hat es bislang nicht gegeben. Viele Politikerinnen und Politiker, aber auch Wählerinnen und Wähler, scheuen die tiefen gesellschaftlichen Gräben, welche die früheren Referenden in Norwegen hinterlassen haben.

Angesichts der aktuellen geopolitischen Lage warnen manche zudem, die Wiederöffnung einer derart sensiblen Frage – die das Land und sogar Familien gespalten hat – sei das Letzte, was Norwegen jetzt brauche.

Als die isländische Regierung das Parlament offiziell um die Abhaltung eines Referendums bat, warnte Trygve Slagsvold Vedum, der Vorsitzende der europakritischen Zentrumspartei, dies könne Norwegens eigene proeuropäische Bewegung neu beleben.

„Die EU-Kräfte in Norwegen werden ein Schreckensbild eines Norwegens außerhalb der EU zeichnen. Wir werden eine bisher beispiellose Schwarzmalerei erleben“, sagte Vedum. Den Widerstand gegen eine EU-Mitgliedschaft nannte er das wichtigste Thema der norwegischen Politik.

Im Gegensatz dazu erklärte Guri Melby, die Vorsitzende der proeuropäischen Liberalen Partei, das isländische Referendum sollte der Debatte über eine norwegische Mitgliedschaft neuen Schwung verleihen. Norwegen müsse aus dem weniger polarisierten Vorgehen Islands lernen, meinte sie.

Bei einer Anhörung im Parlament in Oslo im März argumentierte die konservative Abgeordnete Ine Eriksen Søreide, die Rahmenbedingungen in Europa und weltweit hätten sich grundlegend verändert. Mit der weiteren Vertiefung der EU-Integration werde es für Norwegen immer schwieriger, seine Interessen von außerhalb der Europäischen Union zu wahren.

Unabhängig davon, wie Island am Samstag abstimmt, wird Norwegen die Folgen spüren. Und je wahrscheinlicher ein EU-Beitritt Reykjavíks erscheint, desto stärker könnte Norwegen gezwungen sein, die heikle Frage nach der eigenen Rolle in Europa erneut zu stellen.

Jorge Liboreiro hat zu diesem Bericht beigetragen.

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