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Transitland Niger - Europas Schutzwall vor Migranten?

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Transitland Niger - Europas Schutzwall vor Migranten?

Transitland Niger - Europas Schutzwall vor Migranten?
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Es ist eines der wichtigsten Transitländer in Afrika für Migranten, die nach Europa kommen wollen: Niger. Das westafrikanische Land scheint der Europäischen Union eine kluge Wahl, um ihr Konzept von "Hotspots" zu verwirklichen - Zentren, die man außerhalb Europas schaffen will, um illegale Migranten von Asylbewerbern zu unterscheiden. Die nigerischen Behörden experimentieren bereits seits Jahren mit einem solchen System zur Bekämpfung des Menschenhandels. Für die Sendung Insiders hat sich euronews-Journalistin Valérie Gauriat der Realität vor Ort gestellt.

Viele Autos aus Libyen passieren den Kontrollpunkt der Stadt Agadez in Niger - das Tor Westafrikas zur Sahara. Jede Woche fahren solche Konvois in beide Richtungen, durchqueren die 1000 Kilometer Wüste, die zwischen den beiden Ländern liegt. Nach der fünftägigen Fahrt sind die Menschen erschöpft. Unter ihnen nigerianische Arbeiter, die zurückkehren aus Libyen, auch dort vor der Gewalt flohen. Dazu kommen viele Migranten aus anderen westafrikanischen Ländern.

"Wenn sie sehen, dass sie keine Zukunft haben, sind sie bereit, alles zu riskieren."

Drogba Sumaru Flüchtling von der Elfenbeinküste

Ein Migrant aus Senegal erzählt: "Als wir in Libyen ankamen, haben sie uns eingesperrt. Unsere Arbeit wurde nicht bezahlt."

Ein Mann aus Burkina Faso sagt: "Es ist unbeschreiblich, was uns passierte. Es war so schlimm, man kann nicht alles erzählen."

Viele wollten über das Mittelmeer nach Europa: "Wir haben dafür bezahlt, aber es hat nicht geklappt. Sie haben uns erwischt und eingesperrt. Ich will jetzt nach Hause zurück", sagt ein Senegalese.

Foto: Valêrie Gauriat

Das Schleusergeschäft ist eine der wenigen Verdienstmöglichkeiten

Mohamed Tchiba organisierte diesen Konvoi. Der Touareg ist einer der vielen Schlepper in Agadez. Ein florierendes Geschäft. Es brach ein, als die Regierung auf Druck der EU vor zwei Jahren ein Gesetz erließ, das Schlepperei unter Strafe stellt. Es drohen bis zu 30 Jahre Gefängnis. Von der EU gab es viel Geld und Ausgleichsprojekte. Aber Mohamed blieb in seinem altem Geschäft:

"Ich bin und bleibe Schlepper, auch heute noch. Ich höre immer wieder, dass sie uns etwas geben wollen, wenn wir mit dieser Arbeit aufhören. Aber man hat uns nichts gegeben. Ich kenne keine andere Arbeit als diese."

Wir fahren nach Agadez. Dort stehen Dutzende von Fahrzeugen von Schleppern, die von der Polizei verhaftet wurden. Ein Symbol für den Kampf gegen den illegalen Flüchtlingsstrom. Was bei der Bevölkerung vor Ort nicht gut ankam. Das Gesetz traf die lokale Wirtschaft hart.

Durchreisende aus Libyen waren einst Ibrahims Haupteinnahmequelle. Aber die Kunden für seine Wasserkanister bleiben heute aus. Auch die Arbeiter, die nach der Schließung der Goldminen entlassen wurden, sind keine guten Kunden:

"Früher verkauften wir jede Woche 400 bis 500 Wasserkanister an Migranten, es gingen auch Kanister in die Minen. Aber sie haben die Straße nach Libyen gesperrt, sie haben die Minen geschlossen, alles ist geschlossen. Was blieb, sind diese jungen Menschen, arbeitslos, ohne Aufgabe, ohne Essen. Wenn sie morgens aufstehen und ohne Nahrung abends ins Bett gehen, was wird sie daran hindern, eines Tages etwas zu stehlen", fragt der Wassehändler Oumaru Ghehou.

Foto: Valêrie Gauriat

Ausgleichsprojekte der EU

Das Freitagsgebet ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen die Stadt zum Leben erwacht. Wir sind mit dem Präsidenten der Vereinigung für ehemalige Arbeiter im Migrantengeschäft (Association for former migration workers) verabredet. Über ihn treffen wir einen ehemaligen Schlepper, der von einem EU-finanzierten Umstellungsprogramm profitierte. Abdouramane bekam Stühle, Töpfe und Lautsprecher, die er für Feste vermietet.

Euronews-Reporterin Valérie Gauriat: "Wie geht das Geschäft?"

Abdouramane Ghali: "Es geht so."

Euronews: "Es läuft ein bisschen?"

Abdouramane Ghali: "Es hängt von Gottes Willen ab. Früher habe ich viel mehr Geld verdient; bis zu 800 Euro pro Woche, jetzt sind es kaum 30 Euro die Woche."

Abdouramane zeigt uns sein Umstellungsprojekt. Er hat noch Glück gehabt. Von den rund 7000 Menschen, die mit den Migranten ihr Geld verdienten, haben bisher weniger als 400 Personen von der Umstellungshilfe profitiert. Die etwa 2000 Euro pro Projekt reichen nicht aus, um zurechtzukommen, sagt der Präsident der Vereinigung Bachir Amma:

"Wir haben das Gesetz respektiert, wir haben aufgehört, unser Geld damit zu verdienen und uns auf den nigerischen Staat und die Europäische Union verlassen. Aber die Menschen müssen leben, sie haben Familien, sie haben Kinder, und sie haben nichts. Wir leben von unseren Ersparnissen. Das Geld, das wir vorher verdient haben, ernährt uns jetzt. Es ist wirklich schwierig, eine sehr harte Situation für uns."

Wir treffen Abdouramane am nächsten Morgen. Er hat gerade seine Ausrüstung an einen Kunden geliefert - an einen Taxifahrer, der früher ebenfalls als Schlepper arbeitete. Abba Seidou feiert die Geburt seines ersten Kindes. Eine der seltenen Gelegenheiten, die Alltagssorgen zu vergessen:

"Für mich ist es ein wundervoller Tag, deswegen habe ich Stühle besorgt, damit sich die Leute - auch wenn es sonst nichts gibt, - wenigstens setzen können, wenn sie zu mir kommen. Es sind harte Zeiten, aber mit den kleinen Zuwendungen, die wir bekommen, können die Menschen auskommen. Es wird schon werden."

Euronews-Reporterin Valérie Gauriat: "Diese Kinder werden 'Talibe' genannt, Straßenkinder. Die Feier ist eine Möglichkeit für sie, etwas zu essen zu bekommen. Seit das Gesetz gegen die illegale Migration in Kraft ist, sieht man immer mehr von ihnen auf den Straßen von Agadez."

Foto: Valêrie Gauriat

Versickert die Entwicklungshilfe?

Bis 2020 erhält Niger, das als eines der ärmsten Länder der Welt gilt, rund eine Milliarde Euro Entwicklungshilfe von der Europäische Union. Niger ist auch einer der Hauptnutznießer des Nothilfe-Treuhandfonds, der 2015 eingerichtet wurde, um Migrationsprobleme in Afrika zu lösen.

Aber für den Vizepräsidenten der Region Agadez waren diese Mittel nur das Druckmittel für das Gesetz gegen die illegale Einwanderung, das in seinen Augen nur den Interessen Europas dient.

Euronews-Reporterin Valérie Gauriat: "Niger hat von der Europäischen Union erhebliche Mittel erhalten. Glauben Sie, dass diese Mittel nicht ordnungsgemäß verwendet wurden?"

Aklou Sidi Sidi, Vizepräsident der Region Agadez: "Die Mittel sind unzureichend. Die Türkei hat riesige Summen erhalten, viel mehr als Niger. Und selbst bewaffnete Gruppen in Libyen erhielten viel mehr Geld als Niger. Heute sind wir es, wir sind ein Auffangbecken für Asylbewerber, Flüchtlinge, Migranten, Vertriebene. Agadez ist ein Auffangbecken."

Gestrandet in Agadez

Das westafrikanische Niger in der Sahelregion ist eines der wichtigsten Transitländer für Migranten: Dort leben ungefähr 300.000 Vertriebene und Flüchtlinge. Eine Belastungsprobe für die Region Agadez. Dieses Zentrum der Internationalen Organisation für Migration betreut Migranten, die bereit sind, in ihr Herkunftsland zurückzukehren. Aber die Verfahren dauern manchmal Monate und das Transitzentrum ist ausgelastet:

"80 Prozent der Migranten haben keinen Ausweis, sie haben keine Dokumente. Das heißt, sie müssen nach der Registrierung ein Reisegenehmigungsverfahren durchlaufen, d.h. wir müssen uns mit den Botschaften und Konsulaten der einzelnen Länder abstimmern. Das ist unser Hauptproblem, das uns täglich vor neue Herausforderungen stellt. Es gibt ungefähr 1000 Leute hier, in einem Zentrum, das für 400 oder 500 Menschen gedacht ist. All diese Matratzen hier sind für die Menschen, die draußen schlafen müssen, weil wir überbelegt sind. Viele Menschen warten auf der anderen Seite. Wir müssen also die Verfahren so schnell wie möglich abarbeiten, damit wir andere kommen lassen können", sagt Lincoln Gaingar vom Transitzentrum.

Aber für viele, die hier gestrandet sind, ist eine Rückkehr in ihr Land keine Option. Unter ihnen mehrere Hundert Sudanesen, die vom UNHCR betreut werden. Viele flohen vor dem Darfur-Konflikt und erlitten die Hölle in libyschen Haftanstalten. Einige warten seit Monaten auf die Bearbeitung ihres Asylantrags. Badererdeen träumt davon, sein Veterinärstudium im Westen abzuschließen.

"Seitdem ich mein Universitätsleben beendet habe, habe ich fast die Hälfte meines Lebens durch Kriege verloren, ich bin vom Sudan nach Libyen geflüchtet. Ich will nicht noch mehr Lebenszeit vergeuden. Ich will jetzt ein richtiges Leben anfangen, ich will arbeiten, etwas lernen. Für nichts in Niger zu bleiben, hier eine lange Zeit untätig zu sein, ist nicht gut für mich", meint Badererdeen Abdul.

Fragile Perspektiven und Jahre in Flüchtlingslagern

Aber für die Männer gibt es nur die kurzfristige Perspektive , dem Chaos dieses Registrierungszentrums zu entkommen. Angesichts des Flüchtlingszustroms eröffnete das UNHCR einen weiteren Standort außerhalb der Stadt. Dort treffen wir Ibrahim, ebenfalls ein Sudanese, der bereits Jahre in Flüchtlingslagern im Tschad und dann in Libyen verbrachte. Er ist 20 Jahre alt:

"Es war wirklich sehr schwierig... Aber Gott sei Dank bin ich am Leben.Wir können wirklich nicht nach Hause zurück, wir suchen einen Ort, an dem wir sicher sind, und ein besseres Leben führen können", sagt Ibrahim Abulaye.

Foto: Valêrie Gauriat

Manche Flüchtlinge haben bereits eine etwas konkretere Perspektive auf ein besseres Leben. Im Rahmen eines vom UNHCR im vergangenen Jahr aufgestellten Notfallrettungsplans wurden Flüchtlinge aus libyschen Gefängnissen evakuiert. Sie warten in Nigers Hauptstadt Niamey auf ihre Umsiedlung in Drittländer. So wie diese Frauen aus Somalia. Sie wurden in libyschen Gefängnissen gefoltert. Jetzt warten sie darauf, in Frankreich ein neues Leben anfangen zu können:

"Es gibt viele Probleme in meinem Land, und ich hatte meine eigenen. Ich habe schwere Bauchverletzungen. Ich habe mein Land verlassen, um diesen Problemen zu entkommen und einen sicheren Ort zu finden, an dem ich Hoffnung finde. Leute wie ich brauchen Hoffnung", sagt eine Frau aus Somalia.

Ein Dutzend vor allem europäische Länder haben zugesagt, rund 2600 Flüchtlinge aufzunehmen, die aus Libyen nach Niger evakuiert wurden. Aber bisher wurden weniger als 400 Menschen umgesiedelt.

Alessandra sagt: "Die Solidarität ist da. Aber man muss auch die Dringlichkeit begreifen, diese Menschen in den Ländern aufzunehmen, die sich dazu bereit erklärt haben. Es ist wichtig für diese Menschen, einen langen Aufenthalt in Niger zu vermeiden und ihre Reise fortzusetzen."

Kritik an der Uneinigkeit der europäischen Länder

Die Langsamkeit der aufnehmenden Asylländer, ihren Verpflichtungen nachzukommen, enttäuscht Nigers Regierung. Aber das sind laut dem nigerischen Innenminister nicht die einzigen Probleme:

"Ich bin eher für mehr Kontrolle, aber ich bin vor allem dafür, dass die europäischen Länder zusammenarbeiten, um eine andere, bessere Beziehung zu den afrikanischen Ländern zu fördern. Eine Beziehung, die auf der Erteilung von Visa basiert, die nach den Bedürfnissen europäischer Unternehmen ausgestellt werden könnten. Weil diese Arbeit nicht richtig ausgeführt wird, haben wir letztendlich akzeptiert, dass die einzig mögliche Migration die illegale Migration ist", so Mohamed Bazoum.

2015 flohen noch zwischen 5000 und 7000 Migranten wöchentlich über Niger nach Libyen. Nach Schätzungen der nigerischen Behörden haben sich diese Zahlen signifikant verringert. Aber der Menschenhandel geht weiter, auf immer gefährlicheren Routen. Die Wüste, so heißt es in Agadez, ist tödlicher geworden als das Mittelmeer.

Wir treffen einen der Schlepper, der diese Arbeit nach eigenen Angaben aus Mangel an Alternativen weiterführt. Auch wenn ihm Jahre im Gefängnis dafür drohen:

"Mit diesem Gesetz fühlen wir uns, als hätten sie uns zusammengetrieben und hätten uns Messer an die Kehle gesetzt, um sie uns durchzuschneiden. Einige von uns wurden eingesperrt, andere flohen aus dem Land, andere verloren alles."

Er führt uns zu einem Gebäude, in dem sich die Migranten, als es noch erlaubt war, für die Reise nach Libyen sammelten. Das Haus wurde inzwischen zerstört. Die Kunden sind seltener, und die Preise haben sich verdreifacht. Es besteht nicht nur die Gefahr, von Polizei und Militärpatrouillen gestoppt zu werden. Durch die Wüste streifen Waffen- und Drogenhändler, die die Migrantenkonvois angreifen:

"Oft haben die Militärs einen Einsatz, sie wollen keine Zeit verschwenden, manchmal sagen sie zu uns: 'Wir können eine Vereinbarung finden, was bietest du an?' Dann geben wir ihnen Geld. Aber es gibt auch Banditen. Überall gibt es bewaffnete Menschen. Wir müssen Umwege machen, um ihnen zu entgehen. Wir wissen, dass das gefährlich ist. Aber für uns ist das Gefährlichste, dass wir unsere Familie nicht ernähren können! Das ist die größte Gefahr", so der Schlepper.

In den Gettos von Agadez

Außerhalb der Stadt, in den sogenannten "Gettos von Agadez", verstecken sich die Menschen, die über Libyen nach Europa wollen, bis Schlepper sie abholen. Wir werden zu einem Haus geführt, in dem eine Gruppe junger Menschen darauf wartet, dass ihre Reise losgeht.

Alle haben bereits versucht, die Wüste zu durchqueren, wurden aber von ihren Fahrern im Stich gelassen oder flohen vor Armeepatrouillen. Sie wurden gerettet. Aber Mitreisende starben an Durst und Erschöpfung.

Mohamed Baldé aus Guinea: "Die Wüste ist ein großes Risiko. Es gibt viele Tote, aber die Menschen verlieren nicht den Mut. Warum kommen sie? Das ist die Frage! Ständig gibt es Treffen der europäischen und der afrikanischen Staatschefs, bei denen den afrikanischen Staatschefs viel Geld geben wird, damit sie die Migranten nicht mehr durchlassen. Das ist für uns ein Verbrechen. Sie denken nur an sich selbst und handeln nicht im Interesse unseres Kontinents. Um die Einwanderung zu stoppen, sollten sie in Afrika in Unternehmen investieren, damit junge Menschen Arbeit finden."

Foto: Valêrie Gauriat

Drogba Sumaru von der Elfenbeinküste: "Es nützt nichts, Menschen Geld zu geben, Soldaten in die Wüste zu schicken oder alle Boote aus dem Mittelmeer zu fischen, um die Einwanderung zu stoppen! Es wird nicht helfen, es werden immer weitere kommen. Es gibt Tausende von jungen Menschen in Afrika, die auf dem Sprung sind. Weil es nichts gibt. Es gibt nichts, was sie in ihren Ländern halten könnte. Wenn sie das Leiden ihrer Familien sehen, wenn sie sehen, dass sie keine Zukunft haben, sind sie bereit, alles zu riskieren. Sie sind jederzeit bereit, ihr Leben zu riskieren."