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Von der Leyen-Vorstoß: Streit um Merkels Atom-Erbe

Kernkraftwerk Isar in der Nähe von Landshut, 13. September 2007
Kernkraftwerk Isar in der Nähe von Landshut, 13. September 2007 Copyright  Copyright 2007 AP. All rights reserved.
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Von Laura Fleischmann
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Von der Leyen wirbt für Atomkraft, während Deutschland Rekord-Strompreise zahlt. Kritik von der grünen Partei, Skepsis bei Kanzler Merz Zustimmung von Ökonomen – droht Deutschland eine Mini-Atomkraftwerke-Debatte?

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sich beim internationalen Kernenergie-Gipfel in Paris klar für Atomkraft ausgesprochen. Sie könne eine erschwingliche und klimafreundliche Stromversorgung von Bevölkerung und Industrie sicherstellen. Die Abkehr von Atomenergie bezeichnete sie rückblickend als "strategischen Fehler".

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Als Ministerin für Arbeit und Soziales wirkte Ursula von der Leyen (CSU) maßgeblich am deutschen Atom-Aus unter Kanzlerin a. D. Angela Merkel (CDU) mit. Letztere hat sich bislang nicht zur heutigen Energiepreiskrise geäußert. Nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima im Jahr 2011 entschied die damalige schwarz-gelbe Koalition, den zuvor bereits geplanten Atomausstieg rasant zu beschleunigen. 2023 wurden die letzten noch bis dahin betriebenen Reaktoren in Deutschland abgeschaltet. Auf Nachfrage von Euronews hat das Büro von Bundeskanzlerin a. D. Merkel nicht reagiert.

Der damalige CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach bezeichnet die Entscheidung für ein Ende der deutschen Kernenergie als "Fehler". Bedenken und kritische Nachfragen der Fraktion seien damals als "mehr oder weniger grundlos" abgetan worden. "Aber dass Angela Merkel den Ausstieg handstreichartig alleine durchgesetzt hätte, ist ein Märchen. Sie war natürlich pro Ausstieg, aber alle Ministerpräsidenten der Union ebenfalls", so Bosbach zu Euronews. "Die Fraktion ist ihr am Ende brav gefolgt – wie immer. Interessant, mit welchen dürren Worten Ursula von der Leyen die damalige Politik einkassiert hat."

Hohe Strompreise belasten Deutschland

Nach dem Atomausstieg bezog Deutschland große Teile seiner Energie aus Russland. Mit Beginn des Ukraine-Kriegs wurden diese Lieferungen stark reduziert. Mittlerweile ist Deutschland Spitzenreiter im EU-Strompreis-Vergleich, wie Euronews berichtete. Im ersten Halbjahr 2025 lag der Strompreis für Haushalte je 100 kWh bei 38,4 €. EU-Durchschnitt sind 28,7 €. 2010 lag der deutsche Strompreis für Haushalte noch bei 23,7 €, so das Bundeswirtschaftsministerium. Für Haushalte sowie die Industrie sind die hohen Energiekosten eine andauernde Herausforderung.

Deutschland hätte seine heutigen Strompreise sowie "Deindustrialisierungstendenzen selbstverschuldet verstärkt", erklärt der Ökonom Daniel Stelter im Gespräch mit Euronews. Eine Rückkehr zur Kernenergie hält der Wirtschaftswissenschaftler für "sinnvoll". Internationale Studien würden zeigen, dass Kernenergie kostenmäßig günstiger sei als erneuerbare Energien, wenn bestimmte Bedingungen berücksichtigt werden.

Ökonom Daniel Stelter
Ökonom Daniel Stelter Robert Recker/Berlin.

Stelter prognostiziert bei einem Energie-Mix aus erneuerbaren Energien sowie Kernkraft langfristige Einsparungen in "Milliardenhöhe".

Deutliche Kritik kommt hingegen von den Grünen. "Ein strategischer Fehler ist 15 Jahre nach Fukushima, Atomkraft wieder als Zukunft zu verkaufen. Dabei wissen wir: teuer, langsam, riskant", schreibt die Grünen-Bundestagsabgeordnete Katrin Göring-Eckardt auf X. "Die Atommüllfrage bleibt ungeklärt. Europa braucht keine Atom-Renaissance – sondern Tempo bei Erneuerbaren. Das wäre Energiesouveränität."

Merz und Schneider bleiben skeptisch

Gegen eine mögliche Atom-Renaissance ist offenbar auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Zwar kritisierte er in der Vergangenheit den Atomausstieg unter seiner langjährigen Partei-Kontrahentin Merkel, deutsche Kernkraft schließt er dennoch kategorisch aus: "Der Beschluss ist irreversibel. Ich bedauere das, aber es ist so", sagte er Anfang der Woche, wie der WDR zitiert.

Ähnlich kritisch steht Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) der Thematik gegenüber: "Deutschland ist zu Recht ausgestiegen aus der Atomkraft. Wir sind beim Ausbau der erneuerbaren Energien extrem schnell."

Damit scheint Deutschland sich gegen die Pläne der EU zu stellen. "Europa soll ein globales Zentrum der Kernenergie der nächsten Generation werden", erklärte Kommissionschefin von der Leyen bei ihrer Rede beim Kernenergie-Gipfel weiter. Dabei setzt die EU offenbar auf die Entwicklung von Mini-Atomkraftwerken, die herkömmliche Kernkraftwerke flexibel unterstützen sollen. Bis 2030 sollen die Mini-AKW einsatzbereit sein.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beim Kernenergie-Gipfel der IAEA in Paris, 10. März 2026
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beim Kernenergie-Gipfel der IAEA in Paris, 10. März 2026 Abdul Saboor/Pool Photo via AP

Die Atom-Aktivistin Anna Veronika Wendland beäugt die Mini-Meiler skeptisch: "Ihr Vorteil soll sein, inhärent sicher zu sein und am Fließband produzierbar. Das soll dann ermöglichen, sie in Industrieparks und in Städte zu bauen. Aber noch haben wir keine einzige Anlage im Industriemaßstab, die in der EU lizenziert ist und die man hier bauen könnte."

In der Vergangenheit sprach sich unter anderem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für Mini-AKW in Deutschland aus. "Wir kaufen Atomstrom aus Frankreich und Tschechien, lehnen aber Kernkraft bei uns ab", so Söder Ende 2025 im Interview mit der Welt am Sonntag. Um eine Rückkehr zur Kernkraft zu ermöglichen, müsste der Bundestag jedoch das Atomverbot im Atomgesetz ändern.

In der EU ist Kernenergie derzeit in Deutschland und Österreich gesetzlich verboten. In Italien wurde sie durch ein Referendum abgeschafft. Produziert wird Kernenergie in mehreren EU-Ländern, darunter Frankreich und die Slowakei. Tschechien plant bis 2050 Milliarden in Reaktoren zu investieren.

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