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Marc Dutroux - kann der Kinderschänder nach 23 Jahren freikommen?

Marc Dutroux - kann der Kinderschänder nach 23 Jahren freikommen?
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Am 20. Oktober 2019 demonstrierten etwa 400 Menschen in den Straßen von Brüssel bei einem so genannten "Schwarzen Marsch", um gegen die mögliche vorzeitige Entlassung des Pädophilen Marc Dutroux aus dem Gefängnis zu protestieren. "Dutroux rest au trou" ("Dutroux bleib im Loch") war einer der Slogans bei der Kundgebung.

Die Demonstration war eine Erinnerung an den historischen "Weißen Marsch" vom Oktober 1996. Damals gingen - verschiedenen Schätzungen zufolge - zwischen 275.000 und 350.000 Menschen nach der Verhaftung von Marc Dutroux auf die Straße. Sie wollten seiner zwischen acht und 14 Jahre alten Opfer gedenken, es war bei der größten Protest der Geschichte Belgiens.

Die "Affaire Dutroux" ist ein Justizskandal, der sich ganz Europa in die Erinnerung vieler Menschen eingebrannt hat. Der 1956 im Brüsseler Stadtteil Ixelles geborene dreifache Vater hat in den 90er Jahren monatelang immer wieder Schlagzeilen gemacht: der "Kinderschänder Marc Dutroux".

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"Dutroux bleib im Loch" - einer der Slogans 2019AFP
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Brüssel 1996AFP

2004 wurde Marc Dutroux wegen der Entführung und Vergewaltigung sowie der Ermordung von sechs Mädchen in den Jahren 1995 und 1996 sowie wegen der Entführung und Freiheitsberaubung von zwei weiteren Mädchen, zu lebenslanger Haft verurteilt.

Zwei Mädchen starben, als sie in der provisorischen Zelle, die Dutroux in seinem Keller gebaut hatte, verhungerten. Der gelernte Elektriker musste vier Monate lang eine Gefängnisstrafe absitzen - und er hatte die gekidnappten Kinder An und Eefje eingesperrt zurückgelassen. Seine damalige Frau, die Grundschullehrerin Michelle Martin, hatte er beauftragt, ihnen Essen und Wasser zu bringen, sie tat es aber nicht.

Diese Mädchen waren offensichtliche noch am Leben, als die Polizei zum ersten Mal das Haus von Dutroux durchsuchte. Die Beamten hörten, was sie als die "Schreie von Kindern" bezeichneten, aber sie glaubten, die Schreie kämen von außerhalb des Hauses.

Die letzten beiden Opfer wurden bei der Verhaftung von Dutroux lebendig in derselben unterirdischen Zelle gefunden.

Keine vorzeitige Entlassung für Kinderschänder?

Die Organisatoren des Weißen Marsches von 1996 verlangten eine Reform des belgischen Bewährungssystems und forderten den Gesetzgeber auf, dafür zu sorgen, dass diejenigen, die wegen Verbrechen wie denen von Dutroux verurteilt wurden, niemals Anspruch auf vorzeitige Entlassung haben.

Dutroux war zum Zeitpunkt seiner Gewalttaten von 1995 und 1996 auf Bewährung freigelassen worden, nachdem er 1989 wegen fünffacher Vergewaltigung von Kindern verurteilt worden war und drei Jahre der Haftstrafe von insgesamt 13 Jahren verbüßt hatte, bevor er wegen guter Führung vorzeitig entlassen wurde.

Vertrauen in die Justiz erschüttert

Die Verbrechen von Dutroux haben die Menschen traumatisiert und - was in Belgien selten ist - die Nation vereint. Sie erschütterten das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Justiz. Der Fall Dutroux wird als das Schlimmste beschrieben, was dem Land seit dem Zweiten Weltkrieg passiert ist. Mehr als ein Drittel der Belgier mit dem Familiennamen Dutroux beantragten zwischen 1996 und 1998 eine Namensänderung.

An diesem Montag, den 28. Oktober, hat die belgische Justiz entschieden, dass bis spätestens zum 11. Mai 2020 ein psychiatrisches Gutachten angefertigt werden soll. Nur wenn diese Expertise feststellt, dass Dutroux keine Gefahr für die Gesellschaft ist, kann der Antrag auf vorzeitige Freilassung auf Bewährung gestellt werden.

Dutroux-Anwalt Bruno Dayez sprach zuvor in einer Diskussionsrunde davon, dass 23 Jahre eine "exorbitant lange Zeit" seien.

Die Verbrechen

Julie und Melissa starben, nachdem die Ex-Frau von Dutroux, Michelle Martin, behauptete, dass sie zu viel Angst hatte, in den Kerker zu gehen, um die Mädchen wie angewiesen zu versorgen. Dutroux begrub die Leichen im Garten eines Hauses im Dorf Sars-la-Buissière.

Im Mai 1996 entführte Marc Dutroux zusammen mit Michel Lelièvre die 12-jährige Sabine Dardenne, als sie mit dem Fahrrad in die Stadt Tournai nahe der französischen Grenze in die Schule fuhr. Sabine wurde vier Monate lang im Verlies von Dutroux festgehalten, wo auch sie immer wieder vergewaltigt wurde.

Im August 1996 kam die 14-jährige Laetitia Delhez hinzu, die ebenfalls von Dutroux und Lelièvre entführt wurde, als sie nach dem Schwimmbad in der Stadt Bertrix auf dem Weg nach Hause war.

Vier Tage später wurden Dutroux, Martin und Lelièvre verhaftet. Ein Augenzeuge der Entführung von Laetitia hatte sich das Nummernschild von Dutroux Lieferwagen gemerkt und der Polizei gemeldet.

Zwei Tage später gestanden Dutroux und Lelièvre, und Dutroux führte die Polizei in seinen provisorischen Kerker, wo Sabine und Laetitia lebend aufgefunden wurden. Zwei Tage später wurden die Leichen von Julie und Melissa entdeckt, 17 Tage später die Leichen von An und Eefje.

Die Ermittlungen

Im Fall Dutroux hat es bei den Ermittlungen zahlreiche Fehler und Ungereimtheiten gegeben.

Obwohl er ein verurteilter Pädophiler auf Bewährung war und nach dem Verschwinden von Julie und Melissa verdächtigt wurde, durchsuchte die Polizei das Haus von Dutroux erst fünf Monate nach der Entführung. Als die Beamten vor Ort waren, konnten sie die Mädchen nicht finden, und es wurde entschieden, den Schreien, die sie hörten, nicht nachzugehen.

Dutroux entkam während seiner Fahrt zu einem Gerichtstermin im Jahr 1998. Er wurde schnell wieder gefunden und festgenommen, aber der Polizeipräsident, der Justizminister und der Innenminister traten danach zurück. Die Anwälte von Dutroux hatten damals für dessen Freilassung plädiert und erklärt, dass die lange Zeit, in der er ohne Gerichtsverfahren festgehalten wured, ein Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention sei. Er wurde anschließend wegen seines Fluchtversuchs verurteilt.

Im Oktober 1996 wurde der Untersuchungsrichter Jean-Marc Connerotte wegen Befangenheit abberufen, nachdem er an einer Spendenaktion für die Familien der Opfer teilgenommen hatte. Connerotte war als Nationalheld angesehen worden, nachdem er Dutroux verhaftet und die letzten beiden Opfer befreit hatte, seine Abberufung löste einen Aufschrei in der Öffentlichkeit aus.

Eine halbe Million Belgier nahmen in den folgenden drei Tagen an Sit-ins, Streiks und anderen Protestaktionen teil. Der Weiße Marsch, eine friedliche Demonstration, bei der die Menschen weiß gekleidet waren und schweigend Blumen und Ballons trugen, war der Höhepunkt dieser Proteste.

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DER WEISSE MARSCH IN BRÜSSELAFP

Es wurde berichtet, dass die achtjährige Melissa Russo nach ihrer Entführung in verschiedenen Nachtclubs gesehen wurde. Doch diese Hinweise wurden nie von der Polizei verfolgt. Die Ermittler behaupteten, dass Dutroux ein einsamer Pädophiler gewesen sei, und nicht jemand, der junge Mädchen an ein Netzwerk von Männern liefert, wie er bei seinem Prozess behauptete.

Melissas Eltern und viele andere Belgier glaubten ihm und waren überzeugt, dass andere Zugang zu ihrer Tochter und deren Freundin Julie hatten. Das Versäumnis, dies zu untersuchen, wurde als Hinweis auf die Vertuschung eines breiteren pädophilen Rings gedeutet.

Julies Vater Jean-Denis Lejeune sprach öffentlich über sein fehlendes Vertrauen in die Ermittlungen, nachdem sich herausstellte, dass bei der ersten Durchsuchung der Polizei ein Video in Dutrouxs Haus beschlagnahmt wurde, während Julie und Melissa noch im Keller lebten.

Der Prozess

Dutroux lehnte ein Verbot, während des Prozesses nicht fotografiert zu werden, ab. Aus einem schützenden Glaskasten heraus , wies er alle Anklagen zurück. Er behauptete, ein kleiner Mitläufer in einem Pädophilenring der belgischen Elite zu sein, bei der Entführung der Mädchen habe ihm die Polizei geholfen.

Dutroux nannte den einflussreichen belgischen Geschäftsmann Michel Nihoul als Mittelsmann zu diesem angeblichen Kinderhandelsunternehmen. Nihoul gehörte zu den 13 Personen, die wegen Entführung, Vergewaltigung, Verschwörung und Drogendelikten angeklagt wurden. Der Geschäftsmann bezeichnete sich in einem Zeitungsinterview als "das Monster von Belgien". Vor Gericht sagte Nihoul auch, er habe "Informationen über wichtige Menschen in Belgien, die die Regierung stürzen könnten".

Michel Nihoul wurde nur wegen Drogenhandels und krimineller Vereinigung zu fünf Jahren Haft verurteilt und nach zwei Jahren freigelassen. Nihoul starb am Mittwoch, den 23. Oktober, im Alter von 78 Jahren, nachdem er mehrere Monate lang an gesundheitlichen Probleme hatte. Hinweise auf einen pädophilen Ring wurden nicht gefunden.

Marc Dutroux wurde vor Gericht einem seiner Opfer gegenübergestellt: Sabine, die zum Zeitpunkt ihrer Entführung 12 Jahre alt war. Sie war betäubt, ausgezogen und mit einer Kette um den Hals festgehalten worden. Als Sabine Dutroux fragte, warum er sie nicht getötet habe, antwortete er: "Es war nie meine Absicht, ihr in irgendeiner Weise zu schaden", und behauptete, er habe sie vor "einem bösen Chef" gerettet.

Als berichtet wurde, was Dutroux Sabine angetan hatte, brach der Vater eines anderen seiner Opfer, Pol Marchal, im Gerichtssaal zusammen und musste ins Krankenhaus gebracht werden.

Im August 2012 wurde Dutrouxs Ex-Frau und Komplizin Michelle Martin, die zu einer 30-jährigen Haftstrafe verurteilt worden war, nach 16 Jahren auf Bewährung freigelassen. Das führte zu Protesten, bei denen Tausende erneut eine Reform des belgischen Justizsystems forderten. Gebastelte Särge mit Martins Namen wurden angezündet.

Die Demonstration wurde von Jean-Denis Lejeune, dem Vater von Melissa, organisiert. Eines seiner beiden überlebenden Opfer, Laetitia Delhez, nahm daran teil. Sie sprach sich dafür aus, die Opfer zu befragen, bevor Bewährung gewährt werde. Pol Marchal forderte ebenfalls mehr Rechte für die Opfer und deren Familien.

Der andere Komplize von Dutroux, Michel Lelièvre, der der Entführung, aber nicht der Vergewaltigung oder des Mordes für schuldig befunden wurde, sollte vor einem Monat auf Bewährung freikommen, nachdem er 23 Jahre seiner 25-jährigen Haftstrafe verbüßt hatte. Er hat sechs Monate Zeit, um sich einen Platz zum Leben zu besorgen und wird entlassen, wenn ihm das gelingt.

Opfer fühlen sich verraten

Der Vater von Eefje, Jean Lambrecks, war bei der Anhörung anwesend und sagte dem belgischen Fernsehsender RTBF: "Wir hatten nie Antworten auf unsere Fragen. Was geschah mit den Mädchen, wo wurden sie entführt, wie und auf wessen Wunsch? Es gibt viele Spuren, aber nur sehr wenige konkrete Antworten. Antworten von Herrn Lelièvre."

Der Anwalt von Dutroux schrieb an die Familien der Opfer, stellte Anworten seines Klienten in Aussicht sozie die Möglichkeit, "ihre Wunden zu heilen". Dieses Angebot wurde von den Familien als zynisch abgelehnt. Sie meinten, Dutroux wolle nur seine vorzeitige Freilassung sichern. Eefjes Vater, Jean Lambrecks, der aus dem niederländischsprachigen Flandern kommt, wies darauf hin, dass der Brief auf Französisch verfasst und nicht einmal übersetzt worden sei, und nannte das Schreiben einen Werbegag. Ans Vater Pol Marchal sagte dem belgischen Fernsehen: "Nach 23 Jahren ist es an der Zeit, dass dieser Zirkus einfach aufhört."

Jean-Denis Lejeune, Julies Vater, erfuhr von dem Brief am Jahrestag der Beerdigung seiner Tochter und bezeichnete ihn als "mentale Folter".

Dutroux beantragte zuletzt 2013 eine Freilassung auf Bewährung. Sein Antrag wurde mit der Begründung abgelehnt, dass er nicht in der Lage sein werde, sich wieder in die belgische Gesellschaft einzugliedern.

Seine Mutter, Jeannine Dutroux, sagte der belgischen Zeitung Le Soir in einem Interview, dass sie glaubte, ihr inzwischen 62-jähriger Sohn würde wieder straffällig, wenn er freigelassen würde. "Ich bin sicher, dass er wieder anfangen wird", sagte sie. "Marc ist nicht bereit, entlassen zu werden, weil er immer noch anderen die Verantwortung für das, was er getan hat, zuschreiben will."

Schon 2015 hatte die Mutter in Interviews erklärt, Marc Dutroux sei im Gefängnis beerdigt - und sie habe ihren Sohn aus ihrem Leben gestrichen.

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