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22 Jahre Haft für George Floyds Tod - Familie enttäuscht

Von su mit dpa
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22 Jahre Haft für George Floyds Tod - Familie enttäuscht
Copyright  Julio Cortez/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved.
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22 Jahre und sechs Monate Haft für den Ex-Polizisten, der das Leben
des Afroamerikaners George Floyd beendete. Die Familie des getöteten
Afroamerikaners George Floyd und deren Anwälte werten die Haftstrafe
für den verurteilten Ex-Polizisten Derek Chauvin als einen möglichen

Schritt zu mehr Gerechtigkeit für Schwarze in den USA – ein weiter Weg, meint seine Schwester, enttäuscht vom Strafmaß.

LaTonya Floyd, George Floyds Schwester:

"Was wär denn passiert, wenn ein Schwarzer den Hals eines Weißen zugedrückt hätte? Hätte der 22 Jahre bekommen? Er hätte ein verdammtes Todesurteil bekommen. Es ist nicht richtig. Nein. Nein. Zur Hölle nein."

Floyds Neffe Brandon Williams sagte: «22,5 Jahre sind nicht genug. (...) Wir kriegen George niemals zurück.» Nur lebenslange Haft wäre als Urteil angemessen gewesen. Deshalb werde er an diesem Tag nicht feiern. Mit Blick auf die offenen Anklagen auf Bundesebene gegen Chauvin und die anderen beteiligten Polizisten forderten Familienmitglieder Höchststrafen.

Auch der prominente Bürgerrechtler Al Sharpton sagte, es gebe keinen Grund zum Feiern. George Floyd sei tot. Gerechtigkeit wäre allein, wenn er noch am Leben wäre. Sharpton sagte mit Blick auf Chauvins Strafmaß: «Wir haben mehr bekommen, als
wir dachten – nur weil wir vorher so oft enttäuscht worden sind.» Floyds Schicksal steht für viele Amerikaner stellvertretend für strukturellen Rassismus in den USA.

Ich krieg keine Luft
George Floyd, 25. Mai 2020, im Sterben
Parole der Bewegung Black Lives Matter

Floyd war im vergangenen Jahr am 25. Mai in Minneapolis bei einem brutalen Polizeieinsatz zu Tode gekommen. Beamte nahmen den 46-Jährigen fest, weil er eine Schachtel Zigaretten mit einem falschen 20-Dollar-Schein bezahlt haben soll. Videos von Passanten dokumentierten, wie Polizisten den unbewaffneten Mann zu Boden

drückten. Chauvin presste dabei sein Knie gut neun Minuten lang auf Floyds Hals, während der immer wieder flehte, ihn atmen zu lassen. Floyd verlor das Bewusstsein und starb wenig später.

Ben Crump, Anwalt der Familie Floyd:

"Heute könnte ein Wendepunkt in Amerika sein. Dies ist die längste Strafe, zu der jemals ein Polizist in der Geschichte des Staates Minnesota verurteilt wurde."

Joe Biden, Präsident der Vereinigten Staaten über das Strafmaß:

"Nun, ich kenne nicht alle Umstände, die berücksichtigt wurden, aber im Prinzip scheint es mir angemessen."

Chauvin selbst sprach Floyds Familie nur knapp sein Beileid aus und verfolgte das Geschehen ansonsten, ohne nach außen hin eine Regung erkennen zu lassen. Die Verteidigung hatte eine Bewährungsstrafe für den 45-Jährigen gefordert, die Staatsanwaltschaft dagegen 30 Jahre Haft. Bei guter Führung könnte Chauvin Experten zufolge nach zwei Dritteln der nun verhängten Haft auf Bewährung freikommen, also nach 15 Jahren.

THEMA RASSISMUS

Die Videoclips der Szene seines Einsatzes hatten sich rasant verbreitet. Floyds Tod wühlte die USA auf und löste mitten in der Corona-Pandemie eine Welle von Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt aus.

Kurz vor der Strafmaßverkündung gegen Chauvin hatten sich mehrere Angehörige Floyds auf emotionale Weise vor Gericht zu Wort gemeldet. Floyds Bruder Philonise etwa sagte unter Tränen, er habe seit dessen Tod keine Nacht ruhig schlafen können, weil er von Alpträumen geplagt sei und das Leiden seines Bruders immer und immer wieder vor sich sehe. Floyds kleine Tochter Gianna sagte per Videobotschaft an ihren
Vater gerichtet: «Ich vermisse dich und liebe dich.» Auch Chauvins Mutter, Carolyn Pawlenty, trat auf, beschrieb ihren Sohn als liebevollen und fürsorglichen Menschen mit einem großen Herz, von dessen Unschuld sie überzeugt sei.

Richter Peter Cahill verwies bei der Verkündung des Strafe auf den Schmerz der Floyd-Familie. Er betonte aber, das Strafmaß richte sich nicht nach Emotionen, Mitgefühl oder öffentlicher Meinung, sondern nach der Rechtslage. Cahill veröffentlichte eine 22-seitige
Begründung der Entscheidung. Chauvin kam demnach zu Gute, dass er nicht vorbestraft ist. Zugleich erkannte Cahill jedoch die besondere Schwere der Tat an und argumentierte, Chauvin habe als Polizist seine Machtstellung missbraucht, keine Erste Hilfe geleistet und Floyd in Anwesenheit von Kindern mit «besonderer Grausamkeit» behandelt.

Im April hatten die Geschworenen Chauvin in allen Anklagepunkten für schuldig befunden. Der schwerwiegendste Anklagepunkt lautete Mord zweiten Grades ohne Vorsatz. Nach deutschem Recht entspräche dies eher Totschlag. Zudem wurde Chauvin auch Mord dritten Grades vorgeworfen – und Totschlag zweiten Grades. Chauvin hatte auf "nicht schuldig" plädiert.

su mit dpa