Eine Recherche deckt auf: In Sierra Leone haben ranghohe Beamte den illegalen Bau von Luxusvillen in einem der wichtigsten Nationalparks des Landes ermöglicht.
Zahlreiche illegale Luxusvillen sind in einem UNESCO-gelisteten Nationalpark in Sierra Leone entstanden, und die Regierung unternimmt nach einer neuen Untersuchung wenig bis gar nichts dagegen.
Mindestens fünfzig dieser Häuser wurden auf Flächen gebaut oder sind dort im Bau, die noch 2019 Regenwald waren.
Diese Abholzung sei „eine ökologische Zeitbombe, die im Keim erstickt werden müsse“, warnt der Bericht.
Die Villen stehen im Viertel Bio Barray. Teile davon wurden illegal im bergigen Western Area Peninsula National Park errichtet, den die Regierung von Sierra Leone als UNESCO-Welterbestätte vorgeschlagen hat.
Der Park dient der Hauptstadt Freetown als wichtiger ökologischer Schutzgürtel.
„Mächtige durften das Gesetz ignorieren“
Die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) und das Projekt The Gecko Project haben exklusiv die Ergebnisse einer Regierungsuntersuchung zur illegalen Bautätigkeit erhalten, die fast vier Jahre nach ihrer Einsetzung nie veröffentlicht wurde. Demnach stellten hochrangige Regierungsvertreter Landbesitzdokumente aus.
Bei einem Ortsbesuch stellte AP fest, dass die Bautätigkeit weitergeht.
Präsident Julius Maada Bio hatte 2022 die Untersuchung beauftragt. Sie sollte klären, wie es zu der illegalen Landnahme kommen konnte und welche Folgen die damit verbundene Abholzung hat.
Die Regierung sei „voll und ganz im Bilde, was dort geschieht“, sagt Yvonne Aki-Sawyerr, Bürgermeisterin von Freetown und Umweltschützerin. Sie will Bio bei der nächsten Wahl im Rennen um die Präsidentschaft herausfordern.
Bio Barray sei Heimat mächtiger Kreise, die das Gesetz ignorieren dürften, sagt sie. „Sie bekommen einfach die Erlaubnis, ganz simpel“, fügt sie hinzu.
Illegales Bauen könnte „Wasserkrise“ auslösen
Sierra Leones Hauptstadt liegt auf einem schmalen Landstreifen zwischen dem Nationalpark und dem Atlantik. In den vergangenen zehn Jahren wurden viele der bewaldeten Hügel darüber gerodet. Grund sind Bauprojekte, Bergbau, Cannabis-Anbau und die Holzkohleproduktion.
Die Bauarbeiten von Bio Barray im Inneren des Parks sind für jeden sichtbar, der von der Hauptstadt aus auf einer der Hauptverkehrsstraßen nach Süden fährt.
Oberhalb der Villen von Bio Barray liegt ein Stausee, der 90 Prozent des Wassers für die Einwohner Freetowns liefert. Die Regierungsuntersuchung kam zu dem Schluss, dass Abholzung und andere menschliche Aktivitäten im Nationalpark zu einer „akuten Wasserkrise“ führen könnten.
Bio gab die Untersuchung nach einem verheerenden Brand nahe des Stausees im Jahr 2022 in Auftrag.
Auch Erdrutsche sind eine Gefahr. Ein Erdrutsch am Rand des Nationalparks tötete 2017 mehr als 1.000 Menschen.
Untersuchung deckt „wahllose Rodung von Waldflächen“ auf
Die 13 Mitglieder des Untersuchungsausschusses – darunter Polizisten, Juristen, Mitarbeitende von Nichtregierungsorganisationen und ein Vertreter der Anti-Korruptionskommission Sierra Leones – werteten Satellitenbilder aus und prüften Unterlagen, um nachzuvollziehen, wie Baugenehmigungen für Häuser im Park erteilt werden konnten.
Das Gremium stellte „weit verbreitete und wahllose Rodung von Waldflächen“ fest, obwohl das Bauen dort verboten ist.
Die größte einzelne Landnahme fand in und um Bio Barray statt, wo die Abholzung sich in den Monaten vor Beginn der Untersuchung „sprunghaft ausgeweitet“ hatte. Maada Kpenge, bis Ende vergangenen Jahres Geschäftsführer der Wasserwerke von Freetown, sagte AP, dies gefährde die Stabilität des Stausees, weil das Risiko von Erdrutschen steige.
Verantwortliche im Ministerium für Land, Wohnungsbau und Raumplanung wussten dem Bericht zufolge, dass „weite Flächen“ von Staatsland unrechtmäßig besetzt wurden, zögerten aber „aus unbekannten Gründen, entschlossen gegen die Täter vorzugehen“.
Einige Beamte sollen die Landnahme sogar ermutigt und aus persönlichem Interesse aktiv befördert haben.
Wie gelangte Staatsland in Privatbesitz?
Nach dem State Land Act kann das Ministerium Staatsland an Privatpersonen übertragen. Das Verfahren beginnt mit einem einfachen Schreiben. Rodung und Bauarbeiten in einem Nationalpark sind nach dem Forstgesetz jedoch illegal, stellte die Untersuchung klar.
Damals war Denis Sandy zuständiger Minister. Er unterschrieb nach den Ermittlungen mindestens 175 Dokumente, mit denen Landpachtverträge an Privatpersonen vergeben wurden. Der Bericht sprach von einem „eklatanten Verstoß“. Wie viele dieser Verträge Flächen in Bio Barray betrafen, blieb offen.
Der Ausschuss empfahl disziplinarische Schritte gegen Sandy und 16 weitere namentlich genannte Beamte. Sandy reagierte nicht auf mehrere Anfragen um Stellungnahme.
Die Ergebnisse der Untersuchung wurden dem damaligen Kabinettschef, der zwischen Präsident und Regierungsbehörden vermittelt, im September 2022 übergeben.
Ein Jahr später veröffentlichte das Büro des Präsidenten ein Foto, das Bio bei der offiziellen Entgegennahme des Berichts von einem Ko-Vorsitzenden der Kommission zeigt. In der dazugehörigen Erklärung hieß es, „Leute in hohen Positionen“ seien in die Abholzung verwickelt, ohne weitere Details zu nennen.
„Wir werden sehr bald handeln und alles Nötige tun“, sagte Bio damals.
Illegales Bauen geht trotz Untersuchung weiter
Eine Auswertung von Satellitenbildern von Bio Barray durch AP zeigt jedoch, dass die illegalen Villen weiterhin stehen und weitergebaut wird. In den Monaten, nachdem der Kabinettschef den Bericht nach Angaben der Regierung erhalten hatte, kamen mehrere Neubauten hinzu.
Beim AP-Besuch im vergangenen Jahr arbeiteten Bauarbeiter daran, Häuser fertigzustellen.
Im November sagte der heutige Kabinettschef David Sengeh gegenüber AP, verschiedene staatliche Stellen hätten auf die Erkenntnisse der Untersuchung reagiert. Ob das Kabinett Sanktionen beschlossen habe, wollte er nicht sagen. Beratungen des Kabinetts seien nicht öffentlich, betonte er.
Sandy ist inzwischen Minister für Bauwesen und öffentliche Güter. Auf die Frage nach den Vorwürfen gegen Sandy sagte Sengeh: „Ich glaube nicht, dass eine Regierung Entscheidungen nur auf Basis von Anschuldigungen trifft.“
Sengeh sagte, die Anti-Corruption Commission sei die zuständige Behörde, um die Vorwürfe zu prüfen. Deren Leiter Ben Kaifala erklärte in einem Interview jedoch, es sei keine Untersuchung eingeleitet worden. Er bestreitet, den ursprünglichen Untersuchungsbericht gesehen zu haben.
Die Kommission werde den Bericht prüfen und handeln, sagte Kaifala. Für den Schutz der Nationalparks seien aber andere Behörden zuständig.
„Andere Institutionen müssen ihre Arbeit machen“, sagte Kaifala. „Ich kann es nicht für sie tun.“
Ein weiterer ranghoher Beamter, der nach eigenen Angaben nichts von dem Bericht wusste, ist Thomas Kamara, Direktor der National Protected Area Authority, die die Nationalparks verwaltet. In den Untersuchungsergebnissen heißt es, es gebe Vorwürfe, dass Mitarbeiter seines Vorgängers am Verkauf von Flächen innerhalb des Nationalparks beteiligt gewesen seien.
Kamara, der zwei Monate nach der öffentlichen Übergabe des Berichts an den Präsidenten ernannt wurde, behauptete, alle neuen Eingriffe in den Park seien gestoppt worden. Belege dafür, dass Mitarbeitende in Landgeschäfte verwickelt waren, habe er nicht, sagte er. Ende vergangenen Jahres wurde Kamara abgesetzt, der Umweltminister warf ihm vor, die Landnahme nicht ausreichend bekämpft zu haben.
Staatsbedienstete sollen Villen im Nationalpark besitzen
Mitte 2025 erklärte Bio, beim illegalen Verkauf von Staatsland stehe niemand über dem Gesetz. Zuvor hatte er mit Blick auf illegale Häuser im Nationalpark gesagt: „Selbst wenn ein Haus mir oder meiner Familie gehört, wird es abgerissen.“
Die Untersuchung nannte keine Einzelpersonen, die in Bio Barray Häuser besitzen. Insgesamt identifizierte sie 876 Grundeigentümer im Nationalpark, doch nur 301 meldeten sich und legten Unterlagen zu ihren Besitzansprüchen vor.
AP identifizierte 46 Villen innerhalb der Nationalparkgrenze. Eine Tür-zu-Tür-Befragung Ende vergangenen Jahres ergab, dass 14 Eigentümer im Staatsdienst arbeiten, wie Bewohner, Hausangestellte und Sicherheitskräfte berichteten.
Darunter sollen Mitarbeitende im Büro des Präsidenten, im Landministerium und bei der Umweltbehörde Environment Protection Agency sein.
Sierra Leones Präsident stimmte zunächst einem Interview zu, reagierte später aber nicht mehr auf entsprechende Anfragen.
Dieser Bericht entstand in Zusammenarbeit mit The Gecko Project, einem gemeinnützigen Recherchebüro für Umweltthemen. Unterstützt wurde die Recherche vom Pulitzer Center. Für den Inhalt ist allein AP verantwortlich.