Euronews beleuchtet mit seinen griechischen und türkischen Redaktionen den boomenden, aber einseitigen Tourismus sowie die Handelsbeziehungen. Was berichten Griechen in Istanbul und türkische Gäste in Griechenland?
In den vergangenen Jahren haben sich die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Griechenland und der Türkei stark gewandelt. Die beiden Nachbarn erleben auf politischer Ebene immer wieder Spannungen, dann wieder eine Phase der "ruhigen See“, wie Beobachter das jüngste Klima in Anspielung auf das Meer beschreiben.
Der Gesamtumfang von Handel und Tourismus zwischen den beiden Staaten hat sich in den letzten fünf Jahren etwa verdoppelt. Von diesem Boom profitiert allerdings die eine Seite deutlich stärker als die andere, anders als noch in den Jahren zuvor.
"Früher kamen viele Menschen aus Griechenland zum Einkaufen in die Türkei, vor allem nach Istanbul, Edirne und Keşan. Heute sehen wir viel mehr Besucher aus der Türkei, die nach Griechenland fahren, weil dort fast alles, was sie kaufen wollen, günstiger ist", sagt Maria Dimou, die in Istanbul lebt.
"In der Türkei sind Grundnahrungsmittel und das Allernötigste zum Leben zwar relativ billig. Sobald man aber etwas Besseres oder Teureres kaufen möchte, schießen die Preise in die Höhe. Deshalb kommen viele nach Griechenland, besuchen Thrakien, vor allem Alexandroupoli, fahren aber auch bis Kavala, entweder zum Urlaub oder zum Einkaufen, vor allem für Lebensmittel, Getränke und Wurstwaren, die hier sehr teuer sind", erklärt Dimou.
Zahl türkischer Griechenland-Besucher verdreifacht sich in vier Jahren
Die Zahl der Griechinnen und Griechen, die jedes Jahr in die Türkei reisen, bleibt mit etwas mehr als 500.000 pro Jahr relativ stabil. Die Zahl der Türkinnen und Türken, die nach Griechenland kommen und die vor einigen Jahren noch auf ähnlichem Niveau lag, hat sich in den vergangenen vier Jahren jedoch etwa verdreifacht. Nach Schätzungen der zuständigen Behörden, die sich auf mehrere Quellen stützen, überschritt sie im vergangenen Jahr die Marke von anderthalb Millionen, auch wenn die Statistikbehörde Elstat offiziell einen etwas niedrigeren Wert ausweist.
"Im vergangenen Monat war ich im Urlaub in Griechenland. Ich bin mit dem Auto bis nach Kavala und Thessaloniki gefahren und, um ehrlich zu sein: Griechenland hat mir sehr gut gefallen. Das Essen war ausgesprochen lecker, die Portionen groß und alles war günstig, die Preise wirkten auf mich fair. Ich würde gerne bald wieder hinfahren“, sagt Doruk, ein Informatikingenieur aus Ankara, den wir in einem beliebten Einkaufszentrum in Istanbul treffen.
"Sehr viele Türkinnen und Türken machen Tagesausflüge in die Region von Edirne und setzen von dort nach Orestiada über oder kommen als Urlauber nach Griechenland. Aus touristischer Sicht ist Griechenland aus wirtschaftlicher Perspektive deutlich günstiger als die Türkei. Deshalb reisen inzwischen aus Ayvalık und anderen Küstenorten Tausende Menschen, vor allem im Sommer, auf die griechischen Inseln", erläutert Symeon Soltaridis.
Griechisches Konsulat in Istanbul stellt täglich 1.300 Visa aus
Für viele Menschen in der Türkei ist Griechenland inzwischen ein besonders attraktives Reiseziel. Diplomatenkreise berichten, dass allein das griechische Konsulat in Istanbul rund 1.300 Visa pro Tag ausstellt, mit der Möglichkeit für Mehrfacheinreisen. Meist handelt es sich um türkische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, die sich so das Recht sichern, Griechenland mehrfach zu besuchen, vor allem für Ferien, manche nutzen die Gelegenheit aber auch zum Einkaufen.
In dieser Zahl nicht enthalten sind die rund 25.000 Türkinnen und Türken, die bereits eine Aufenthaltserlaubnis im Rahmen von Programmen wie der "Golden Visa" erhalten haben oder deren Antrag aus Arbeits- oder Investitionsgründen kurz vor der Bewilligung steht. Ebenfalls nicht eingerechnet ist die große Zahl von Einwohnerinnen und Einwohnern aus Izmir und anderen Städten an der kleinasiatischen Küste, die für bis zu sieben Tage auf zwölf Inseln in der nordöstlichen Ägäis und im Dodekanes reisen, mit Kurzzeitvisa, die direkt bei der Ankunft in den Inselhäfen im Eilverfahren ausgestellt werden.
"Visa Express“: Kurzzeitvisa für zwölf Inseln der Ostägäis
Dieses Programm mit dem Namen "Visa Express“ gilt als Teil der sogenannten "Diplomatie der Menschen“. Es hat die Zustimmung der Europäischen Kommission erhalten und geht auf eine Initiative der griechischen Regierung von Kyriakos Mitsotakis zurück, nach dessen Treffen mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan im Rahmen eines früheren Obersten Kooperationsrats zwischen Griechenland und der Türkei.
Das Verfahren für Kurzzeitvisa richtet sich an türkische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger sowie ihre Familienangehörigen und gilt für zwölf Inseln: Kalymnos, Kastelorizo, Kos, Lesbos, Leros, Limnos, Rhodos, Samos, Symi, Chios, Patmos und Samothraki. Diese Inseln haben im vergangenen Jahr einen spürbaren touristischen Aufschwung erlebt. Die Visa gelten jeweils für sieben Tage und werden direkt an den Einreisepunkten in den Inselhäfen ausgestellt; die Inhaberinnen und Inhaber dürfen die Insel, für die sie das Express-Visum erhalten haben, allerdings nicht verlassen.
Bei den Gästen, die dieses Programm nutzen, lag im vergangenen Jahr Kos an der Spitze der Beliebtheitsskala, vor allem wegen der unmittelbaren Nähe zu Bodrum. Ebenfalls stark nachgefragt blieben Rhodos, das vor allem ein wohlhabenderes Publikum anzieht, sowie Chios; Lesbos und Samos komplettierten die fünf beliebtesten Ziele. Spitzenmonat des Programms war für das Jahr 2025 der August mit fast 281.000 Ankünften, gefolgt vom Juli mit 233.000 und dem September mit rund 188.000 Besuchen.
Griechische Besucher: Istanbul wird vielen zu teuer
In der Türkei sind Klagen zu hören, dass Griechinnen und Griechen, die nach Istanbul reisen, längst nicht mehr so viel kaufen wie früher. "Früher hatte ich viel mehr Kundschaft aus Griechenland. Heute fällt es ihnen schon schwerer, überhaupt in die Türkei zu kommen, geschweige denn hier einzukaufen, einfach wegen ihrer wirtschaftlichen Lage im Vergleich zu früher“, sagt Kantar Pehlivanoglu, die in Istanbul einen Straßenshop für Schmuck und Modeschmuck betreibt.
Auch Symeon Soltaridis, der in Istanbul lebt und der griechischen Gemeinde von Balino vorsteht, beobachtet diesen Wandel: "Die Preise für viele Produkte sind stark gestiegen. Griechische Besucherinnen und Besucher können sich das hohe Preisniveau in der Türkei, insbesondere in Istanbul, kaum noch leisten. Früher kamen sie und kauften tausend Dinge. Heute kommen sie, schauen sich um, erleben die Stadt, treffen uns als griechische Gemeinde, aber kaufen können sie kaum noch etwas, weil alles so teuer geworden ist“.
Tatsächlich zeigen offizielle Daten, dass jede Griechin und jeder Grieche, der im vergangenen Jahr in die Türkei reiste, pro Aufenthalt im Schnitt 340 Euro ausgab, rund 50 Euro mehr als noch vor drei Jahren. Das fällt jedoch kaum auf, denn das Leben in der Türkei ist erheblich teurer geworden: Für das gleiche Geld bekommen griechische Besucherinnen und Besucher heute deutlich weniger als früher.
Gleichzeitig liegt der Indikator für die durchschnittlichen Ausgaben pro Reise eines türkischen Gastes in Griechenland nur knapp über 300 Euro, genau bei 303 Euro, wie aus den jüngsten Daten der Bank von Griechenland hervorgeht.
"Es ist viel billiger, nach Griechenland zu fahren, dort in einer Taverne zu essen, Ouzo oder andere Getränke zu trinken, zu übernachten und wieder zurückzukehren, als in eine vergleichbare Taverne hier in Istanbul zu gehen. Die Qualität des Essens in Griechenland hat enorm zugelegt, und für Menschen aus der Türkei sind die Preise dort gut erschwinglich, während sie hierzulande geradezu explodiert sind“, sagt Maria Dimou zu Euronews.
Handelsbilanz zwischen Griechenland und Türkei kehrt sich um
Parallel dazu hat sich nach Angaben der griechischen Statistikbehörde Elstat das Handelsbilanzverhältnis in den vergangenen Jahren stark verschoben. So beliefen sich die Importe aus der Türkei nach Griechenland im Jahr 2020 auf 1,34 Milliarden Euro, überschritten im Jahr darauf die Marke von zwei Milliarden, lagen 2024 bereits über drei Milliarden Euro und werden für das vergangene Jahr auf 3,34 Milliarden Euro geschätzt.
Umgekehrt werden die griechischen Exporte in die Türkei für das Jahr 2025 nur noch auf 1,37 Milliarden Euro veranschlagt. Dieser Wert sinkt seit drei Jahren: 2022 hatte Griechenland noch Waren im Wert von fast drei Milliarden Euro in die Türkei geliefert, es war das letzte Jahr, in dem die Exporte in die Türkei höher lagen als die Importe von dort.