Der TV-Auftritt von Noelia Castillo kurz vor ihrer Euthanasie hat in sozialen Netzwerken viel Echo ausgelöst, darunter Falschmeldungen über Krankengeschichte, Entscheidungsfähigkeit und Gründe ihres Antrags.
Der Fernsehauftritt von Noelia Castillo nur wenige Stunden vor der Sterbehilfe hat in den sozialen Netzwerken heftige Reaktionen ausgelöst. Dort kursieren Solidaritätsbekundungen, aber auch scharfe Kritik und Behauptungen, die durch die medizinischen und verwaltungsrechtlichen Unterlagen des Falls in Frage gestellt werden.
Die junge Frau, seit einem Suizidversuch im Jahr 2022 querschnittsgelähmt, gab dem Antena-3-Magazin „Y ahora Sonsoles“ ein Interview. Darin schilderte sie ihren Lebensweg und die Gründe für ihren Antrag auf gesetzlich geregelte Hilfe zum Sterben. Nach der Ausstrahlung verbreiteten verschiedene Profile und Nutzer in den Netzwerken eigene Deutungen ihrer gesundheitlichen und persönlichen Situation.
Behauptungen über angeblichen Übergriff in einem Heim
Einer der meistgeteilten Beiträge in sozialen Netzwerken behauptet, Noelia sei in der Zeit, in der sie unter der Vormundschaft der Sozialdienste der Generalitat stand, von mehreren unbegleiteten minderjährigen Ausländern Opfer eines Gruppenmissbrauchs geworden. Diese Version wurde von unterschiedlichen Accounts und öffentlichen Persönlichkeiten aufgegriffen.
Laut den medizinischen und verwaltungsrechtlichen Akten des Falls gibt es jedoch keine Hinweise auf einen Vorfall dieser Art in den Wohneinrichtungen, in denen die junge Frau zwischen Juli 2015 und Februar 2019 lebte. Nach Angaben der Generaldirektion für Prävention und Schutz von Kindern und Jugendlichen der Generalitat ist in diesem Zeitraum kein sexueller Übergriff registriert.
In dem Fernsehinterview schilderte Noelia drei verschiedene Vorfälle von Übergriffen oder versuchtem Missbrauch. Der erste betraf einen Partner, mit dem sie vier Jahre zusammen war. Beim zweiten, in einer Diskothek, erklärte sie, zwei Männer hätten versucht, sie zu missbrauchen. Der dritte ereignete sich ebenfalls in einem Lokal, wo sie nach eigenen Angaben von drei Personen angegriffen wurde. Nach ihrer Darstellung geschah dieser letzte Vorfall nur wenige Tage vor dem Suizidversuch, der sie am 4. Oktober 2022 im Alter von 21 Jahren querschnittsgelähmt zurückließ.
Sterbehilfe und Streit um Rolle der Depression
Eine weitere in sozialen Netzwerken verbreitete Behauptung lautet, es handle sich um die erste in Spanien gewährte Sterbehilfe „wegen Depression“. Die klinischen Unterlagen zeigen jedoch, dass der Antrag wegen der körperlichen Folgen der Querschnittslähmung und des damit verbundenen Leidens bewilligt wurde.
Die psychiatrischen Gutachten halten fest, dass die junge Frau unter chronischen depressiven Symptomen sowie einer Anpassungsstörung mit Angst und Depression leidet, schließen aber eine schwere depressive Störung aus, die ihre Entscheidungsfähigkeit einschränken würde. Außerdem finden sich Diagnosen einer Zwangsstörung und einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Die Garantien- und Bewertungskommission Kataloniens genehmigte die Leistung am 18. Juli 2024, weil sie zu dem Schluss kam, dass Noelia sich in einer irreversiblen klinischen Situation mit schwerer Abhängigkeit befand, mit Schmerzen und chronischem Leiden, die ihre Autonomie deutlich einschränkten. Mehrere spätere Gerichtsentscheidungen bestätigten die Rechtmäßigkeit des Verfahrens und die Fähigkeit der jungen Frau, diese Entscheidung zu treffen.
Der Antrag lag nach einer Klage ihres Vaters ein Jahr und acht Monate lang auf Eis, da er ihre Fähigkeit, selbst zu entscheiden, anzweifelte. Die Fachleute, die den Fall begutachteten, kamen jedoch zu dem Schluss, dass die junge Frau die Tragweite ihres Entschlusses verstand und autonom handeln konnte.
Ausmaß der körperlichen Folgen
Nach Ausstrahlung des Interviews verbreiteten sich auch Beiträge, die die Schwere ihres körperlichen Zustands infrage stellten, weil zu sehen war, dass die junge Frau mit Unterstützung bestimmte Tätigkeiten ausführen konnte.
Laut Krankenakte führte eine vollständige Rückenmarksverletzung auf Höhe L3 zu Querschnittslähmung, neuropathischen Schmerzen, Sensibilitätsstörungen, Stuhlinkontinenz und der Notwendigkeit eines Blasenkatheters alle sechs Stunden sowie zu einer erheblichen funktionellen Abhängigkeit. Sie verfügt zudem nur über eine eingeschränkte Mobilität: Sie ist auf einen Rollstuhl angewiesen und kann in angepassten Innenräumen nur unsicher gehen.
Die ärztlichen Berichte bewerten diese Folgen als dauerhaft und irreversibel. Nach dem Unfall wurde Noelia zunächst im Hospital Joan XXIII in Tarragona aufgenommen und später in die Klinik Guttmann verlegt, wo sie bis Juni 2023 eine intensive neurorehabilitative Behandlung erhielt. Zehn Monate später beantragte sie die Hilfe zum Sterben.
In ihrer Aussage vor Gericht erklärte die junge Frau, die körperlichen Schmerzen und die Auswirkungen auf ihr tägliches Leben seien konstant. Den Unterlagen zufolge stuften die Fachleute ihr Leiden als dauerhaft und mit einer nennenswerten funktionellen Erholung unvereinbar ein, was schließlich zur Bewilligung der Sterbehilfe im Rahmen der geltenden Gesetzgebung führte.