Budapest beharrt auf seiner Abhängigkeit von russischem Rohöl, doch Analysten vermuten, dass dabei eher wirtschaftliche und politische Erwägungen eine Rolle spielen als technische Zwänge.
Schäden an der Druschba-Pipeline – der längsten Ölleitung der Welt, die bislang von den EU-Sanktionen ausgenommen war – haben die Öllieferungen von Russland über die Ukraine nach Ungarn zum Stillstand gebracht. Zugleich sind sie ein maßgebliches Hindernis für die EU, der Ukraine einen milliardenschweren Kredit zu gewähren.
Ukrainische Behörden führen die Schäden auf einen russischen Angriff zurück. Die Reparaturen gestalten sich schwierig, nicht zuletzt, weil ukrainische Ingenieure wegen nächtlicher Luftangriffe nur tagsüber arbeiten können.
Ungarn hingegen wirft Kyjiw Sabotage sowie eine verzögerte Behebung der Schäden vor. Die Europäische Kommission hat in der Angelegenheit inzwischen offiziell eine Inspektions- und Erkundungsmission vorgeschlagen.
Der Vorfall hat erneut die Frage aufgeworfen, warum Ungarn weiterhin so stark auf russische Energie angewiesen ist, während viele andere EU-Staaten ihre Abhängigkeit bereits deutlich reduziert haben.
Ministerpräsident Viktor Orbán argumentiert seit Jahren, russisches Rohöl sei für die Energiesicherheit des Landes unverzichtbar. Eine Umstellung würde die Kosten erhöhen und die Effizienz beeinträchtigen.
Einige Experten sehen die Lage jedoch differenzierter. Laut dem Centre for the Study of Democracy (CSD) ist Ungarn zwar weiterhin stark abhängig von russischem Öl, hat jedoch Warnungen zur Diversifizierung ignoriert, obwohl praktikable Alternativen existieren. Zudem habe der fortgesetzte Bezug von russischem Rohöl nicht zu niedrigeren Kraftstoffpreisen im Inland geführt.
Das Euronews-Faktencheck-Team "The Cube" hat die wichtigsten Behauptungen überprüft.
Ungarn bleibt abhängig von russischem Öl
Ungarn gehört zu den EU-Ländern mit der größten Abhängigkeit von russischem Erdöl. Nach Angaben des CSD bezog das Land bis 2025 rund 90 % seiner Ölimporte aus Russland.
Damit stellt es eine Ausnahme in Europa dar: Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 haben viele EU-Staaten ihre Abhängigkeit von russischen Energieträgern deutlich reduziert.
Der ungarische Energiekonzern MOL, der Kraftstoffe für Ungarn und die Slowakei produziert, gilt als letzter großer Abnehmer russischen Rohöls in der EU.
Trotz wiederholter Warnungen zeigt eine Analyse des CSD, dass Ungarn seine Abhängigkeit zwischen 2021 und 2025 sogar von 61 % auf 93 % erhöht hat.
Selbst nach Störungen der Pipeline-Lieferungen durch Maßnahmen gegen den russischen Anbieter Lukoil ist Ungarn dem allgemeinen EU-Trend nicht gefolgt. Stattdessen schloss MOL im September 2025 einen neuen Liefervertrag ab, der es ermöglicht, weiterhin russisches Rohöl zu beziehen.
Welche Alternativen gibt es?
Als wichtigste Alternative nennt die Europäische Kommission die Adria-Pipeline, betrieben vom kroatischen Unternehmen JANAF. Sie verbindet das Terminal Omišalj auf der Insel Krk mit Raffinerien in mehreren süd- und osteuropäischen Ländern, darunter Ungarn.
Nach Angaben des CSD sind die Transportkosten für nicht-russisches Öl über diese Route sogar niedriger: etwa 12 Euro pro Tonne gegenüber 21 Euro über die Druschba-Pipeline.
JANAF betont, seine Infrastruktur könne die Nachfrage Ungarns und der Slowakei vollständig decken. Kapazitätstests, auch in Anwesenheit von MOL, hätten dies bestätigt.
Streit um die tatsächliche Kapazität
Ungarn und MOL widersprechen dieser Darstellung. Ihrer Ansicht nach hat die Adria-Pipeline in der Praxis nie zuverlässig ausreichende Mengen geliefert. Die tatsächlichen Durchflussmengen hätten bei etwa 2 Millionen Tonnen jährlich gelegen – deutlich weniger als die von JANAF genannten 14 bis 15 Millionen Tonnen.
Zudem ist russisches Rohöl nach Daten des Centre for Research on Energy and Clean Air weiterhin günstiger: 2024 zahlte Ungarn im Schnitt rund 471 Euro pro Tonne, gegenüber etwa 564 Euro für alternative Lieferungen.
Regierungssprecher Zoltán Kovács betonte zudem, dass ungarische Raffinerien historisch auf russisches Ural-Rohöl ausgelegt seien. Auch verwies er auf Unsicherheiten bei der Zuverlässigkeit der Adria-Pipeline.
MOL warnt darüber hinaus vor Risiken einer stärkeren Abhängigkeit von Seewegen, die anfällig für geopolitische Spannungen und Störungen im globalen Schiffsverkehr seien.
Analysten halten dagegen, dass genau diese Argumente die Risiken einer einseitigen Abhängigkeit von Russland verdeutlichen. Laut CSD sind die technischen Einschränkungen der Adria-Pipeline nicht unüberwindbar. Zudem haben MOL-Raffinerien bereits in der Vergangenheit erfolgreich nicht-russisches Rohöl verarbeitet.
Wirtschaftliche Gründe statt technischer Zwänge?
Zwar ist russisches Rohöl günstiger, doch laut CSD spiegelt sich dieser Vorteil nicht in niedrigeren Kraftstoffpreisen wider. Im Jahr 2024 lagen die Preise vor Steuern in Ungarn sogar über denen in Nachbarländern wie der Tschechischen Republik.
Der Bericht legt nahe, dass MOL von der Situation profitiert: Das Unternehmen kauft günstigeres russisches Öl ein, verkauft seine Produkte jedoch zu regionalen Marktpreisen.
Auch Energieanalyst Ben McWilliams von der Denkfabrik Bruegel sieht die Hauptgründe nicht in technischen, sondern in wirtschaftlichen Faktoren. Die Entscheidung, an russischem Öl festzuhalten, sei vor allem kommerziell motiviert.
Ein Ausstieg sei grundsätzlich möglich, so McWilliams.
Ungarn hält an Kurs fest
Die ungarische Regierung weist die Kritik zurück. Kovács betont, die Preise für Verbraucher hätten in den vergangenen Jahren dem regionalen Durchschnitt entsprochen.
Maßnahmen wie Preisobergrenzen und die Nutzung strategischer Reserven hätten geholfen, die Bevölkerung zu entlasten. Ein Verzicht auf russische Energie wäre hingegen mit erheblichen Kosten verbunden.
"Die Regierung wird weiterhin alles in ihrer Macht Stehende tun, um eine sichere und erschwingliche Versorgung zu gewährleisten", so Kovács.