Die zunehmende Vertreibung im Libanon macht eine eskalierende humanitäre Krise sichtbar, die von sich verschlechternden Lebensbedingungen, steigenden Lebenshaltungskosten, Ausbeutung und Unterbrechungen im Bildungsbereich geprägt ist.
Die Vertreibungskrise im Libanon verschärft sich von Tag zu Tag, während der Krieg andauert und die Lage vor Ort weiter eskaliert. Der israelische Verteidigungsminister Yisrael Katz kündigte an, die Operationen im Südlibanon auszuweiten – einschließlich der Einrichtung einer Pufferzone bis zum Litani-Fluss sowie der Zerstörung von Häusern in Grenzdörfern.
Vor diesem Hintergrund sehen sich Hunderttausende Libanesen mit einer erzwungenen Realität konfrontiert: Sie mussten ihre Häuser verlassen und in andere Regionen fliehen, wo sie unter schwierigen Bedingungen leben. Knappheit, steigende Preise und wachsende soziale Spannungen prägen ihren Alltag.
Unsichere Unterkünfte und die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten verschärfen die Situation zusätzlich. Die Krise geht damit längst über eine humanitäre Notlage hinaus und hat tiefgreifende wirtschaftliche und soziale Folgen.
Massive Vertreibung und harte Lebensbedingungen
Nach Angaben des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) sind mehr als eine Million Menschen im Libanon gewaltsam vertrieben worden, darunter rund 370.000 Kinder.
Ein Teil der Betroffenen hat in offiziellen Unterkünften Zuflucht gefunden, in denen nach Behördenangaben etwa 136.000 Menschen untergebracht sind. Ein großer Teil ist jedoch auf sich allein gestellt – viele kommen bei Verwandten unter oder müssen auf eigene Kosten Wohnraum anmieten.
Während einige Vertriebene in stark überfüllten Sammelunterkünften leben, sind andere in provisorischen Zelten untergebracht, denen es an grundlegender Versorgung fehlt. Die internationale Hilfe deckt bislang nur einen Teil des Bedarfs, sodass die Sicherung des täglichen Lebens für viele zur dauerhaften Herausforderung geworden ist.
Ausbeutung der Not der Vertriebenen
Mit der Ausweitung der Vertreibung ist der Wohnungsmarkt zu einem zentralen Krisenfaktor geworden. Die Mieten steigen stark und weitgehend unkontrolliert – angetrieben durch die hohe Nachfrage in als sicher geltenden Regionen. Mangels wirksamer Regulierung sind viele Vertriebene einem Markt ausgesetzt, der anfällig für Ausbeutung ist.
Zahlreiche Familien sehen sich gezwungen, Mieten zu zahlen, die ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigen. Hinzu kommen hohe Vermittlungsgebühren, die die Belastung zusätzlich erhöhen – insbesondere in einer Situation, in der viele ihre Einkommensquellen verloren haben.
In vielen Fällen geht es nicht nur um überhöhte Preise, sondern auch um problematische Vertragsbedingungen und zusätzliche finanzielle Verluste, etwa durch häufige, erzwungene Wohnortwechsel.
Samers Geschichte verdeutlicht diese Realität exemplarisch: Er war gezwungen, ein Haus im Gebiet Baalashmeh im Bezirk Aley für 1.500 Dollar pro Monat sowie 400 Dollar Provision zu mieten. Weniger als zwölf Stunden später fand er jedoch eine andere Unterkunft und versuchte, eine Rückerstattung zu erhalten. Sowohl der Vermieter als auch der Makler verweigerten dies zunächst mit der Begründung, das Haus sei bereits vergeben. Nach längeren Verhandlungen erhielt er lediglich 800 Dollar zurück – ein Verlust von 1.100 Dollar innerhalb weniger Stunden. Samer sagte, ihm sei nichts anderes übrig geblieben, als diesen Verlust zu akzeptieren.
Dieser Fall ist kein Einzelfall, sondern steht beispielhaft für die Erfahrungen vieler Vertriebener. Sie sehen sich einer schwierigen Entscheidung gegenüber: Entweder akzeptieren sie überhöhte Preise oder sie bleiben ohne angemessene Unterkunft.
Die steigenden Lebenshaltungskosten betreffen dabei alle Bereiche des Alltags – von Lebensmitteln über Transport bis hin zu Dienstleistungen. Dadurch wächst der finanzielle Druck weiter, während selbst ein Mindestmaß an Stabilität für viele unerreichbar bleibt.
Zunehmender Druck auf die Aufnahmegemeinschaften
Diese Entwicklung wirkt sich auch auf die Aufnahmegemeinden aus, die zunehmend unter Druck geraten. Der plötzliche Bevölkerungsanstieg belastet Infrastruktur und öffentliche Dienstleistungen erheblich – etwa bei Wasser- und Stromversorgung sowie im Gesundheits- und Sozialwesen.
Der libanesische Abgeordnete Bilal Abdullah erklärte, dass die Zahl der Binnenvertriebenen in der Region al-Kharoub inzwischen 130.000 überschritten habe. Die vorhandenen Gesundheits-, Sozial- und Versorgungsstrukturen seien angesichts dieses anhaltenden Drucks nicht mehr in der Lage, die Bedürfnisse der Bevölkerung ausreichend zu decken.
Geschichten von wiederholter Vertreibung und angehäuften Verlusten
Hinter diesem Gesamtbild steht individuelles Leid. Hussein, ein Bewohner des Beiruter Stadtteils Haret Hreik, verlor im November 2024 durch einen israelischen Luftangriff sein Zuhause. Anschließend zog er in eine Mietwohnung im Viertel Mreijeh, die jedoch nur wenige Tage zuvor bei einem Angriff auf ein benachbartes Gebäude beschädigt worden war.
Nach dieser erneuten Vertreibung entschied er sich, in das Gouvernement Akkar im Nordlibanon zu ziehen, wo er derzeit lebt und aus der Ferne arbeitet.
Sein größter Wunsch sei ein Ende des Krieges, sagt Hussein. Gleichzeitig sei ihm bewusst, dass die kommenden Herausforderungen groß bleiben – angesichts wachsender Verluste und anhaltender Unsicherheit.
Bildung unter dem Druck der Vertreibung
Die Krise hat sich unmittelbar auf den Bildungssektor ausgewirkt: Nach Angaben von UNICEF haben fast eine halbe Million Schüler keinen regulären Unterricht mehr. Mehr als 350 öffentliche Schulen wurden in Notunterkünfte umgewandelt, während Bildungseinrichtungen in umkämpften Gebieten geschlossen wurden.
Dies hat zu einem wachsenden Bildungsgefälle geführt: Während einige Kinder ihren Unterricht fortsetzen können, sind andere unter schwierigen Bedingungen auf Fernunterricht angewiesen. "Hani", ein Schüler der neunten Klasse aus der Stadt Sakkiya im Südlibanon, berichtet, dass er in einem beengten Raum ohne geeignete Lernumgebung lebt. Zudem fällt der Unterricht häufig mit Stromausfällen zusammen, was das Lernen erheblich erschwert.
Eine zunehmend komplexe Realität
Die Vertreibungskrise ist eng mit der wirtschaftlichen und sozialen Krise verflochten und schafft eine äußerst komplexe Lage, in der selbst alltägliche Dinge zur Herausforderung werden.
Mit der Fortdauer des Krieges dürfte sich die Situation weiter verschärfen. Die Belastungsgrenzen vieler Familien werden zunehmend erreicht, während sich das Leid auf immer mehr Lebensbereiche ausweitet.