Der libanesische Präsident Joseph Aoun attackiert Iran scharf. Er berichtet von einer „großen“ Sehnsucht nach Frieden in allen Teilen der libanesischen Gesellschaft, auch in der schiitischen Gemeinschaft.
Der libanesische Präsident Joseph Aoun wirft Iran vor, den Libanon als Druckmittel in seinem Konflikt mit den USA und Israel zu benutzen. Teheran weist diese Anschuldigungen zurück. Außenminister Abbas Araghchi erklärt, „wäre Libanon tatsächlich nur eine Verhandlungsmasse in Irans Hand, hätte man schon vor langer Zeit ein Abkommen geschlossen“.
In einem Interview mit dem US‑Sender „CNN“ richtet Aoun eine Botschaft an die Revolutionsgarden: „Das ist nicht euer Land, es ist unser Land.“ Er sagt weiter: „Ihr versucht nicht, uns zu helfen. Die Libanesinnen und Libanesen zahlen den Preis für eure eigenen Interessen, und unsere Interessen decken sich nicht mit euren.“
Aoun betont, er sei entschlossen, „alles Nötige“ zu tun, um Libanon vor weiterer Eskalation zu bewahren. Die Menschen im Land seien der immer neuen Kriege zwischen Israel und der von Iran unterstützten Hisbollah müde.
„Wir sind müde und wollen in Frieden leben“, sagt er. Die Libanesinnen und Libanesen „verdienen ein Leben in Frieden und Würde. Sie haben es nicht verdient, dass ihre Häuser alle fünf oder zehn Jahre zerstört werden“.
Libanon offenbar bereit für Verhandlungen mit Israel
Der Präsident erklärt, Libanon sei bereit für direkte Verhandlungen mit Israel über einen Waffenstillstand. „Wir sind bereit, wir wollen und wir sind verpflichtet zu verhandeln. Es gibt eine große Chance, den Kriegszustand zwischen Libanesen und Israelis zu beenden“, so Aoun. Beide Seiten seien „seit 1948 des Krieges überdrüssig“.
Er berichtet von einer „großen“ Sehnsucht nach Frieden in allen Teilen der libanesischen Gesellschaft, auch in der schiitischen Gemeinschaft. Einige hätten ihm gesagt, sie seien der wiederkehrenden Kriege müde. Aoun betont mit scharfer Stimme: „Das sind Libanesen, keine Anhänger von Naim Kassim.“
Trotzdem kritisiert Aoun Israels Militärstrategie gegen die Hisbollah. Den Einfluss der Organisation könne nur der libanesische Staat begrenzen, und das erst nach einem Rückzug Israels. „Sie können das Land überfallen oder vollständig zerstören, aber ihr Ziel werden sie nicht erreichen“, sagt er. „Hisbollah ist eine Idee.“
Vor seiner Wahl zum Präsidenten stand Aoun acht Jahre lang an der Spitze der Armee. In einem Gefecht wurde er verletzt; Splitter stecken noch immer in seinem Körper, zudem leidet er seitdem an Hörschäden. Dennoch lehnt er Krieg ab und bevorzugt diplomatische Wege. „Ich ziehe Verhandlungen einem Krieg vor. Ich will nicht, dass meine Kinder oder das libanesische Volk dieselben Leiden durchmachen“, sagt er.
Zum Schluss kündigt Aoun an, er werde versuchen, mit der Hisbollah zu verhandeln und sie von einer Entwaffnung zu überzeugen. Er hält das für möglich, „aber zu einem hohen Preis“.
Die Position des Präsidenten stimmt mit früheren Aussagen von Premierminister Nawaf Salam überein. Auch er hat Teheran aufgefordert, Beirut nicht länger als „Druckmittel“ zu benutzen.
Araghchi an Aoun: „Rette Libanon vor seinem wahren Feind“
Als Reaktion auf Aouns Äußerungen weist Irans Außenminister Abbas Araghchi die Vorwürfe einer Einmischung Teherans in die inneren Angelegenheiten Beiruts zurück.
In einem Beitrag auf der Plattform „X“ schreibt Araghchi: „Wer nur die Aussagen von Herrn Aoun hört, könnte glauben, Iran besetze ein Fünftel des Libanon, habe ein Viertel der Bevölkerung vertrieben und bombardiere das Land täglich.“ Und weiter: „Wäre Libanon eine Verhandlungsmasse in Irans Hand, hätten wir schon vor langer Zeit ein Abkommen erreicht.“
Er schließt mit den Worten: „Rette Libanon vor deinem wahren Feind, Herr Präsident.“
Israelischer Luftangriff tötet libanesische Soldaten
Während der Präsident seine Bereitschaft zu Verhandlungen mit Tel Aviv signalisiert, erleiden die Bemühungen um Deeskalation einen Rückschlag: Ein israelischer Luftangriff trifft ein libanesisches Militärfahrzeug auf der Straße zwischen Chardali und Nabatieh. Mehrere Soldaten kommen ums Leben, darunter zwei Offiziere.
Außerdem greift die israelische Armee ein Auto im Ort al-Jarmaq im Süden des Landes an.
Neue Abschreckungsformel: südliche Beiruter Vororte gegen Nordisrael
Israel hatte zuvor eine neue „Formel“ angekündigt: Demnach würden die südlichen Vororte Beiruts angegriffen, falls der Norden Israels von der Hisbollah beschossen wird. Außenminister Abbas Araghchi warnte, ein Angriff auf die Hauptstadt Libanons könne eine neue Eskalation im Nahen Osten auslösen.
Die Hisbollah lehnt jede Diskussion über eine Entwaffnung vor einem israelischen Rückzug ab. Generalsekretär Naim Kassim bezeichnet Verhandlungen als „Kapitulation“ und betont, dieser Kurs stoße in weiten Teilen des Libanon auf Ablehnung.
Seit ihrer Gründung in den achtziger Jahren hat die Hisbollah immer wieder mit Israel gekämpft. Diese Auseinandersetzungen führten im Jahr 2000 zum Rückzug Israels aus dem Grenzstreifen, den die Armee seit 1978 besetzt gehalten hatte.
In diesem Jahr feuert die Organisation erneut Raketen auf Israel ab – als Antwort auf einen gemeinsamen US‑israelischen Angriff auf Iran, bei dem es zum Tod von Irans oberster religiöser Autorität Ali Chamenei und mehrerer hochrangiger Militärkommandeure kam.
Vor zwei Tagen haben Libanon und Israel ein Abkommen geschlossen, das die Umsetzung eines Waffenstillstands vorsieht. Es sieht außerdem „Testzonen“ unter Kontrolle der libanesischen Armee vor. Der Waffenstillstand ist an einen „vollständigen Stopp der Angriffe durch die Hisbollah“ sowie den „Abzug aller ihrer Kämpfer aus dem Gebiet südlich des Litani-Flusses“ gebunden.
Nach offiziellen libanesischen Angaben haben die israelischen Militäroperationen seit Ende Februar mehr als 3.516 Menschen getötet und über 10.670 weitere verletzt. Mehr als eine Million Menschen mussten ihre Wohnorte verlassen. Der Beginn dieser Phase fällt mit der Ermordung von Ali Chamenei, der höchsten Autorität der iranischen Revolution, zusammen; dieses Attentat zog die Hisbollah in die offene Konfrontation zwischen Teheran einerseits und Washington sowie Tel Aviv andererseits hinein.
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO sind seit dem 17. April mehr als 600 Menschen infolge der Militäroperationen in Libanon ums Leben gekommen.