Von der AfD kursiert ein Strategiepapier zur "ländlichen Raumnahme". Von Dämmerschoppen über Events bis hin zu lokalen Zentren - bis 2029 will die Partei in der Hälfte aller Gemeinden präsent sein. Doch welche Strategien haben andere Parteien? Euronews hat nachgefragt.
Nach dem deutlichen Wählerzuwachs in der AfD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz scheint die Strategie der Rechtsaußen-Partei, die in vier Bundesländern vom jeweiligen Landesverfassungsschutz als "gesichert rechtsextrem" eingestuft wird, erfolgreich zu wirken.
Die AfD hat in Rheinland-Pfalz ihr bestes Ergebnis einer westdeutschen Landtagswahl eingefahren. Für den Landes-Fraktionsvorstand Sebastian Münzenmaier "ein Paukenschlag", wie Medien zu Protokoll gab. Münzenmaier ist zudem Autor des Strategiepapiers zur "ländlichen Raumnahme".
Bei der nächsten Bundestagswahl sollen es ein noch besseres Ergebnis geben als die 19,5 Prozent jetzt bei der Landtagswahl. Mit der Strategie für den ländlichen Raum will die AfD mehr als die Hälfte aller Direktwahlkreise erobern: mit Kneipen und Zentren, aufgebaut durch anfängliche unverbindliche Treffpunkte, später selbstorganisiert durch Sympathisanten und die neu gewonnene Wählerschaft.
Intern geht man davon aus, dass dem Rekordergebnis in Westdeutschland die ländliche Prägung sowie die akute Belastung durch hohe Benzinpreise zugrunde liegen, wie table.media berichtet. In Rheinland-Pfalz konnte die Partei vor allem Nichtwähler und Erstwähler mobilisieren. Beim aktuellen ARD-Deutschland-Trend sprechen sich 25 Prozent, ein Viertel der Deutschen, für die AfD-Partei aus.
Das Strategiepapier trifft einen wunden Punkt: Das Defizit der deutschen Kommunen hat 2025 ein neues Rekordhoch erreicht. Laut dem Statistischen Bundesamt liegt das Minus bei 31,9 Milliarden Euro.
Die Vorschläge der AfD: CO2-Bepreisung abschaffen, Energiesteuer senken, Pendlerpauschale erhöhen und weiter: die Landwirtschaft entlasten, das Heizungsgesetz abschaffen und für Eigenheimbesitzer die Grundsteuer streichen. Euronews hat auch die anderen Parteien im Bundestag nach ihren Strategien für den ländlichen Raum gefragt. Ein Strategiepapier mit ganz genauen Punkten wie das der AfD scheint keine der anderen Partei zu haben. Ein Fehler?
Dämmerschoppen, bis die Leute zu Wählern werden
Mit Anlaufzentren und Treffpunkten nimmt sich die AfD vor, "Macher statt nur Dagegen-Partei" zu werden, so steht es in ihrem Strategiepapier. Dabei gilt am Anfang: "keine langen politischen Reden", zunächst liegt der Fokus auf einem "sympathischen" direkten Kontakt zu den Bürgern vor Ort - bestenfalls auf ehemaligen Weingütern, Gaststätten und Discos.
Oder passend zur Jahreszeit mit Osterfeuern, wie sie der AfD-Kreisverband Minden-Lübbecke in Nordrhein-Westfalen für das Osterwochenende organisiert. Aus den vergangenen Jahren berichtete der Kreisverband von gut besuchten Veranstaltungen mit Hunderten Teilnehmern, Bratwurst und Stockbrot.
Erst danach sollen die Besucher als Neumitglieder rekrutiert werden, schließlich Infostände, Stammtische und Grillfeste selbst organisieren und die Nachbardörfer einladen. Dann die Eröffnung neuer Zentren mit prominenten Gästen interessant machen. Mit dem, der AfD nahestehenden "Vorfeld" kooperieren und die Presse "nutzen".
Die AfD will dort ansetzen, wo andere Parteien "aufgegeben" hätten. In einem dritten Schritt soll das Wahlprogramm bei den potenziellen Wählern ankommen: Spritkosten senken, Verbrenner-Aus stoppen, Pendlerpauschale erhöhen. "Machen wir den ländlichen Raum zum Machtfaktor", fordert Münzenmaier in dem Strategiepapier.
Zunächst keine herausstechende Strategie. "Jede Partei kann unterschiedliche Wege nutzen, um Aufmerksamkeit der Wählerinnen und Wähler zu erreichen und diese zur Stimmabgabe zugunsten ihrer Partei zu bewegen", so Parteienforscher Professor Dr. Uwe Jun von der Universität Trier bei einem Euronews-Interview im September 2025.
Doch welche Strategien verfolgen andere Parteien und wie erfolgreich sind sie damit? Wer dominiert den ländlichen Raum?
Bei der vergangenen Bundestagswahl hat sich erneut herauskristallisiert, dass nicht alle Parteien gleichmäßig auf Stadt und Land verteilt sind. "Die AfD ist stärker in den ländlichen Räumen und die Parteien SPD, die Grünen, aber auch die Linke, sind vergleichsweise stärker in den nicht ländlichen Räumen, in den Großstädten", sagt Prof. Dr. Andreas Klärner, Wissenschaftler am Thünen-Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen, im institutseigenen Podcast. Lediglich die Unionsparteien seien "in allen Raumtypen ungefähr gleich stark".
Erkennbar ist eine Stärkung der AfD insbesondere im ländlichen Raum und ein Verlust der SPD in denselben Gegenden. Laut Klärner sei besonders auffallend, dass "die Unionsparteien in den sehr ländlichen Räumen deutlich verloren haben." Das ist das Ergebnis der Thünen-Analyse nach der Bundestagswahl im Februar 2025.
Wie sprechen Parteien die Menschen auf dem Land an?
Eine stärkere Präsenz vor Ort, das wünschen sich eigentlich alle Parteien aus dem Bundestag. Auf Anfrage von Euronews sagte ein Sprecher der SPD, man setze sich "mit tausenden Ortsvereinen und engagierten Ehrenamtlichen" in den Gemeinden ein. Sie würden Kontakt durch Bürgerdialoge und Haustürgespräche führen. "Entscheidend ist, was die Menschen direkt bewegt", betonte die SPD.
Christina Stumpp, stellvertretende CDU-Generalin setzte sich auf dem CDU-Parteitag im Februar ebenso für "Präsenz und Akzeptanz" vor Ort ein. "Unsere Städte und Gemeinden sind die Orte, an denen unsere Politik unmittelbar ankommt und auf die Wirklichkeit vor Ort trifft". "Wir müssen den ländlichen Raum stärken", forderte Niedersachsens CDU-Landeschef Sebastian Lechtner vergangenes Jahr auf dem Landesparteitag. Denn dort fühlten sich die Menschen zurückgelassen.
Die AfD verfolgt die Strategie der "ländlichen Raumnahme" nicht nur in Rheinland-Pfalz. Auf Nachfrage von Euronews bestätigt Dennis Hohloch, parlamentarischer Geschäftsführer der AfD Brandenburg, dass die Landesverbände jeweils angepasste politische Lösungsstrategien verfolgen würden, "aber die Richtung ist ähnlich: starke Kommunen, Stärkung des Ehrenamts, Sicherung der Daseinsvorsorge, Schutz regionaler Wirtschaftskreisläufe und mehr politische Verankerung vor Ort."
Demnach würden die "ideologischen Projekte großstädtischer Parteien" den Interessen der ländlichen Bevölkerung widersprechen. Hohloch, dessen Landespartei vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft ist, zielt auf die Energiewende, CO2-Bepreisung sowie das Verbrenner-Vebot ab. Die Entwicklung auf dem Land beschreibt er mit ausgedünnter Infrastruktur, schlechterer ärztlicher Versorgung und immer weniger politischer Präsenz vor Ort. Damit sei die etablierte Politik an der Realität gescheitert und werde dem Anspruch gleichwertigen Lebens- und Arbeitsbedingungen nicht gerecht.
Die Grünen sprechen vom Aufbau dritter Räume für den ländlichen Raum und "lassen den Gesprächsfaden nicht abreißen", wie Claudia Müller, Parlamentarische Geschäftsführerin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen Euronews sagte. Im kommenden Sommer seien Ortsgespräche und der Besuch von Projekten, die den ländlichen Raum fördern, geplant.
"Wir haben an Hunderttausenden Haustüren geklingelt, um direkt zu fragen, was die Menschen bewegt und was ihnen fehlt", sagt hingegen Janis Ehling, Bundesgeschäftsführer der Partei Die Linke. Sie würde bewusst auch in kleineren Städten und Gemeinden wachsen, durch die vielen Neumitglieder ändere sich das spürbar. Ehling spricht von einem "echten Aufbruch" und "neuer Energie".
Diagnose: dringender Modernisierungsbedarf in den Kommunen
Worin sich alle Parteien einig sind: Kommunen müssen insbesondere auch finanziell gestärkt werden.
In der schwarz-roten Koalition ist unter anderem ein Teil des Sondervermögens für Kommunen vorgesehen. "100 Milliarden Euro stehen für Länder und Kommunen bereit, damit Schulen saniert, Infrastruktur erneuert und öffentliche Angebote gestärkt werden können", erklärte ein Sprecher der SPD Euronews. "So werden die Kommunen handlungsfähig, und vor Ort kommt spürbar etwas voran." Es werde nach Angaben des SPD-Sprechers "endlich dort investiert, wo das Leben organisiert wird." Nach Plänen der Koalition soll es mehr Investitionen in einen zuverlässigen Bahnverkehr, mehr Geld für Verbesserungen der Kindertagesbetreuung und Fortschritte bei der Digitalisierung der Verwaltung vorantreiben.
Die AfD fokussiert sich stark auf die Entlastung von Verbrauchern, fordert "bezahlbare Energie und Mobilität, […] autofreundliche Politik". "Wir setzen auf eine Politik, die das Leben außerhalb der Großstädte wieder einfacher und planbarer macht", erklärt Hohloch und verspricht außerdem "den Ausbau von Mobilfunk und Breitband, stärkere kommunale Finanzausstattung". Nur wer die Sorgen und Nöte kenne, könne angemessene politische Entscheidungen treffen. Dazu zähle "die politische Präsenz vor Ort durch Bürger- oder Wahlkreisbüros, Infostände, Bürgerdialoge und direkte Ansprechbarkeit."
Die AfD spricht von "ausgedünnter Infrastruktur, schlechterer ärztliche Versorgung, Schwächen beim Nahverkehr […] und immer weniger politischer Präsenz vor Ort".
Auch die Linke beklagt, viele Menschen würden seit Jahren erleben, "dass ihr Alltag schwieriger wird: weniger Angebote, längere Wege, mehr Unsicherheit", sagt Ehling zu Euronews. Die Partei strebe deshalb "wohnortnahe Gesundheitsversorgung, […] gute Arbeit und faire Löhne" an, während die Grünen ihren Fokus auf Struktur und Transformation legen, wie etwa die "Stärkung der regionalen Wirtschaft". Müller verweist unter anderem auf den im April anstehenden Kommunalkongress ihrer Partei. Sie selbst kenne Orte, an denen "ohne Auto nix geht". Dementsprechend bewege die Einwohner dieser Regionen insbesondere das Thema Mobilität.
Deutlich wird, dass Grüne, SPD und Union eher pragmatisch und alltagsbezogen auf die Situation im ländlichen Raum schauen, während AfD und Linke mögliche Krisen stärker in den Fokus rücken.
AfD: Andere Parteien haben ländliche Räume aufgegeben
Als größte Oppositionspartei hat die AfD ein Leichtes, sich kritisch zu geben. Zwar steht im Strategie-Papier, sie wolle von der Dagegen-Partei zur Macher-Partei werden, doch sie findet harte Worte für die aktuelle Regierung: "Der Anspruch der etablierten Politik […] scheitert an der Realität", so Hohloch und bezeichnet Ziele der Koalition als "ideologische Projekte großstädtischer Parteien".
In ihrem Strategiepapier zeichnet die Partei ein eindeutiges Feindbild, spricht von "Gegnern", die potenzielle Vermieter unter Druck setzen würden, Antifa, Linke und Politik würden Gastwirte bedrohen, Lokalmedien würden AfD-Veranstaltungen diffamieren.
Im Strategiepapier steht auch der Vorwurf, andere Parteien hätten den ländlichen Raum aufgegeben, deshalb räume die AfD diesen Gegenden nun Priorität ein. Fakt ist, dass die Unionsparteien noch immer in vielen Kommunen und Gemeinden stärkste Kraft sind. Insbesondere die SPD hat in diesen Räumen überproportional viele Wähler verloren, doch ganz alleine steht die AfD dort nicht.
Die Grünen verteidigen auf Anfrage von Euronews ihren Anspruch, "Politik für alle Menschen" und gehen in den Angriff: "Wir unterscheiden uns hierbei grundlegend von der AfD, da diese Räume offen für alle sind und niemand ausgegrenzt wird", so Müller zu Euronews. "Wir hören zu, auch denjenigen, die frustriert sind und keine Perspektive mehr sehen. Wir haben vielleicht keine fertigen Lösungen für alle Probleme, aber wir haben Ideen, für das gute Leben auf dem Land für alle Menschen".
Die Linke gibt sich hingegen selbstkritisch und gesteht ein, dass sie "nicht überall so präsent, wie es notwendig gewesen wäre", so Linken-Bundesgeschäftsführer Ehling zu Euronews. Die Partei hat allerdings seit der vergangenen Bundestagswahl vor etwas mehr als einem Jahr deutlichen Wählerzuwachs zu verzeichnen und sieht das als Chance: "Wir bauen unsere Stärke vor Ort konsequenz aus", da bewege sich was, so Ehling.
Wie erfolgreich die Strategien der Parteien für den ländlichen Raum sein werden, werden vor allen die kommenden Landtagswahlen im September in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zeigen.