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Ökozid im andalusischen Tinto: Winterregen lässt Phosphorgipsteiche überlaufen

Ein Drohnenflug fängt giftige Abfälle ein, die nach den Winterregenfällen nur wenige Meter von der Stadt Huelva entfernt aus dem Untergrund aufsteigen (links).
Ein Drohnenflug fängt giftige Abfälle ein, die nach den Winterregenfällen nur wenige Meter von der Stadt Huelva entfernt aus dem Untergrund aufsteigen (links). Copyright  Mesa de la Ría
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Von Javier Iniguez De Onzono
Zuerst veröffentlicht am
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In einem Flussabschnitt nahe der andalusischen Stadt Huelva sammeln sich seit Jahrzehnten giftige Abfälle aus Düngemitteln in Teichbecken an. Eine Organisation klagt dagegen - unter anderem, weil die Becken mit den Regenmassen des vergangenen Winters über die Ufer getreten sind.

An der Südküste Spaniens mündet der Fluss Río Tinto in den Atlantik, direkt neben der Stadt Huelva. Die andalusische Stadt hat rund 150.000 Einwohner und ein Problem etwa 300 Meter von den Stadtrandhäusern entfernt.

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Denn in diesem Flussabschnitt nahe der Provinzhauptstadt Huelva haben sich über Jahrzehnte hinweg giftige Abfälle angesammelt, die vom Unternehmen Fertiberia verursacht wurden. In mehreren Teichbecken wird das angereicherte Wasser gelagert: Es enthält Phosphorsäure.

Seit dem vergangenen Winter ist Bewegung in ein laufendes Gerichtsverfahren gekommen. Denn die Winterstürme in Andalusien sollen dafür gesorgt haben, dass die Becken mit der chemischen Lösung über die Ufer treten. Ein Risiko für die Anwohner und ein nahegelegenes Naturschutzgebiet.

Organisation klagt gegen Regierung: umweltschädliches Phosphorgips in Huelva

Jetzt wurde ein weiteres Projekt zur Vergrabung von umweltschädlichen Abfällen an der Mündung des Flusses Tinto genehmigt. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung ist positiv ausgefallen. Dagegen will der Verein Mesa de la Ría (MRH) nun jedoch vorgehen und kämpft dafür, dass das grüne Licht wieder gekippt wird.

Dieses Projekt mobilisiert die Bürger von Huelva bereits seit Jahrzehnten, sodass sie in zwei Legislaturperioden (2011, 2015 und 2019) sogar Vertretung im Stadtrat der andalusischen Gemeinde erlangten, um dieses Vorhaben zu stoppen. Über die Jahre hat es Gerichtsverfahren vor dem Stadtradt, vor der andalusischen Regionalregierung und der Regierung eingeleitet.

Konkret reicht MRH eine neue Berufung zu seiner Klage vor dem Nationalen Gerichtshof Audiencia Nacional ein. Damit soll nachgewiesen werden, dass die Becken, in denen die Abfälle von Phosphorsäure vergraben werden sollen, nicht nur unwirksam sind, sondern das Problem sogar verschärfen. Dies sei nach den Unwettern, die den Westen Andalusiens im vergangenen Winter heimgesucht haben, deutlich zu sehen gewesen, so die Kläger.

Phosphorsäure wurde, gemischt mit Schwefelsäure, als Düngemittel verwendet. Die Produktion des Stoffes durch das Unternehmen Fertiberia wurde im Jahr 2010 auf gerichtliche Anordnung eingestellt.

Unwetter: Rückhaltebecken mit Phosphorgips über die Ufer getreten

Aufgrund der Unwetter seien die Teichbecken, die zur Lagerung dienen, durch die vergangenen Stürme und Regenfälle über die Ufer getreten. So hätten Stoffe in das Grundwasser versickern können. Die gelagerten Rückstände laufen in den Abschnitt des Flusses Tinto gegenüber von Huelva (300 Meter von einigen Häusern dieser Gemeinde entfernt) und Palos de la Frontera auf der anderen Seite des Flusses über.

Dies beeinträchtigt nicht nur die Gesundheit der Anwohner, sondern auch die Artenvielfalt des Naturschutzgebiets Marismas del Odiel, das nur wenige Kilometer flussabwärts liegt, sowie die Mündung beider Flüsse in den Golf von Cádiz, was unter anderem zu einem Anstieg des Arsengehalts führt.

"Problem hat sich vervielfacht"

"Das Ministerium genehmigte ein Projekt, bei dem man darauf vertraute, dass das Wasser von selbst abfließen würde. Tatsächlich sind die Stauseen voll, und das Problem hat sich vervielfacht", heißt es seitens MRH.

Die Organisation hat neben der bei der Nationalversammlung eingereichten Klage zwei weitere Verwaltungsklagen sowohl beim Stadtrat von Huelva als auch bei der Regionalregierung von Andalusien - der Junta de Andalucía - eingereicht. Beide Behörden hatten ihre Zustimmung durch eine Baugenehmigung bzw. eine integrierte Umweltgenehmigung erteilt.

Die Kläger werfen dem Ministerium für ökologischen Wandel zudem vor, dass es dem Unternehmen Fertiberia einen Bericht über den Stand der Umweltverträglichkeitsprüfung im sogenannten Bereich 4 der Lagerseen zur Verfügung gestellt habe. Die soll vom privaten Unternehmen Emigrisa erstellt und nicht allen Parteien zugänglich gemacht worden sein.

Die Aktivisten richten ihr Augenmerk auf die Situation des Beckens Nr. 3. "Es ist vollständig gefüllt", heißt es in der Klage vor dem Nationalen Gerichtshof, die Euronews vorliegt, "ebenso wie die Umlaufkanäle des Beckens Nr. 2, wobei die Becken der Zone 2 zum Stand vom 20. Februar ebenfalls einen Füllgrad von etwa 90 % aufweisen".

Der historische Fluch des Tinto: Bergbau, Radioaktivität, jetzt auch Düngemittel

Nach dem Beginn der Demokratie verpflichtete die Regionalregierung von Andalusien die Eigentümer dieses Chemieunternehmens Fertiberia, das in verschiedenen Teilen der Iberischen Halbinsel vertreten ist, die Einleitungen in den Fluss Tinto einzustellen.

Der Fluss ist bereits durch den Bergbau in der Region seit der Kupferzeit und durch einen radioaktiven Unfall bei Acerinox im Jahr 1998 stark verschmutzt. Das Wasser hat sich in einen Abschnitt durch den Bergbau rot verfärbt, da die Abfälle so viel Säure enthalten. Damals sind radioaktive Mengen an Cäsium 137 mit krebserregenden Stoffen wie Polonium-210, Radon-222 und Radium-226 in das Gebiet "Zone 4" des Flusses eingeleitet worden.

Laut Rafael Gavilán, Sprecher der Mesa de la Ría, versicherte das Unternehmen damals, dass das kontaminierte Wasser über einen geschlossenen Kreislauf in die Fabrik zurückgeführt werde. Es stellte sich jedoch heraus,dass neben dem radioaktiven Cäsium auch der so genannte Phosphorgips die Wasserqualität weiterhin beeinträchtigte.

Fertiberia, das diesen Abfall seit 2010 nach einem Urteil, das mehr als 40 Jahre der Einleitung beendet, nicht mehr produziert, wurde ebenfalls dazu verurteilt, eine Sanierungslösung zu finden. Die Unternehmensleitung legte den Behörden einen Plan vor, der die Installation einer Reihe von Becken vorsieht, in denen die Rückstände im Untergrund vergraben werden soll und das verschmutzte Wasser an der Oberfläche verdunsten. Gavilán prangert an, dass diese Lösung, die von der Junta, dem Stadtrat und der Regierung befürwortet wurde, nie wirksam war.

MRH: Annahmen zum Abbau der Stoffe nicht mehr zeitgemäß

"Die Realität hat das Ministerium im Stich gelassen. Das Projekt löst das Problem nicht nur nicht, sondern verschärft es sogar noch. Die Teiche sind voll, das kontaminierte Wasser ist immer noch da und es gibt keinen Plan, es zu behandeln", heißt es. Im Rahmen des Gerichtsverfahrens vor der Audiencia Nacional hat MRH einen Bericht von Wissenschaftlern der Universitäten Huelva und Sevilla zur Untermauerung seiner Argumente vorgelegt, zusätzlich zu einer zweiten Studie des Nationalen Instituts für Toxikologie, die auf Antrag der Staatsanwaltschaft selbst in Auftrag gegeben wurde.

„Die Umweltverträglichkeitserklärung basiert auf einem natürlichen Verdunstungssystem, das vor mehr als einem Jahrzehnt unter klimatischen und hydrologischen Annahmen entworfen wurde, die durch die Realität und die jüngste Entwicklung des Niederschlagsregimes völlig widerlegt wurden. Es hat sich gezeigt, dass die Verdunstung den Wasserzufluss nicht ausgleicht, sondern dass es zu einer fortschreitenden Wasseransammlung kommt, die die Durchführung der Abdichtung unter den vorgesehenen Bedingungen faktisch verhindert und die vom Nationalen Institut für Toxikologie selbst gewarnten Risiken der Boden- und Wasserverschmutzung verschärft“, heißt es abschließend in der zuletzt eingereichten Berufung.

Euronews hat die Behörde um eine Stellungnahme gebeten, hat aber zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels noch keine Antwort erhalten. Es steht offen, ob das Ministerium seine positive Umweltverträglichkeitserklärung aufrechterhalten wird.

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