Trotz seit drei Wochen geltender Waffenruhe greift Israel den Libanon an und tötet mindestens 39 Menschen. Hisbollah antwortet mit Drohnenangriffen im Norden Israels.
Israel hat am Samstag Ziele im ganzen Libanon angegriffen. Nach Angaben der Behörden wurden dabei im Süden mindestens neununddreißig Menschen getötet. Weitere Angriffe trafen eine Autobahn unweit von Beirut, außerhalb der traditionellen Hochburgen der Hisbollah.
Die neuen Angriffe gehören zu den heftigsten seit Beginn der vor drei Wochen vereinbarten Waffenruhe zwischen Israel und der von Iran unterstützten Hisbollah. Die Feuergefechte, vor allem im Süden des Libanon, reißen dennoch kaum ab.
Die Hisbollah erklärte am Samstag, sie habe als Reaktion auf die anhaltenden Angriffe im Norden Israels mindestens zwei Mal mit Drohnen israelische Truppen ins Visier genommen.
Die israelische Armee berichtete von „mehreren“ Sprengdrohnen, die in israelisches Gebiet eindrangen. Bei einem der Angriffe wurde ein Armeereservist schwer verletzt, zwei weitere Reservisten erlitten mittelschwere Verletzungen.
Die staatliche libanesische Nachrichtenagentur NNA meldete unterdessen eine Reihe israelischer Angriffe im Süden, darunter einen auf die Ortschaft Saksakiyeh.
Nach Angaben des Gesundheitsministeriums forderte dieser Angriff zunächst sieben „Märtyrer“, darunter ein Mädchen, sowie fünfzehn Verletzte, darunter drei Kinder.
Die israelische Armee erklärte, sie habe in Saksakiyeh „Hisbollah-Terroristen getroffen, die aus einem Gebäude heraus operierten, das zu militärischen Zwecken genutzt wurde“.
Man sei sich „Berichten über Verletzte unter unbeteiligten Zivilisten in dem Gebäude bewusst, in dem die Terroristen getroffen wurden. Die Umstände würden geprüft“.
Das Gesundheitsministerium meldete zudem, ein weiterer israelischer Angriff auf ein Motorrad in der Stadt Nabatieh habe „einen syrischen Staatsbürger und seine zwölfjährige Tochter“ getroffen.
Nachdem sich die beiden vom Ort des ersten Einschlags entfernt hätten, habe die Drohne ein zweites Mal zugeschlagen und den Vater getötet, hieß es weiter. Anschließend habe die Drohne das Mädchen „ein drittes Mal direkt“ attackiert.
Das Mädchen werde derzeit in einer lebensrettenden Operation behandelt, teilte das Ministerium mit.
In der südlichen Ortschaft Bedias kam nach Angaben des Ministeriums eine Person bei einem israelischen Angriff ums Leben, dreizehn weitere wurden verletzt, darunter sechs Kinder und zwei Frauen.
Die israelische Armee hatte die Bewohnerinnen und Bewohner von neun Dörfern aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen, und angekündigt, „mit Nachdruck“ gegen die Hisbollah vorzugehen. Keiner der beiden Orte, an denen Menschen getötet wurden, stand jedoch auf der Warnliste.
NNA berichtete zudem, der „israelische Feind“ habe „zwei Angriffe auf die Saadiyat-Schnellstraße geflogen“. Gemeint ist eine Strecke rund 20 Kilometer (zwölf Meilen) südlich von Beirut, außerhalb der Gebiete, in denen die Hisbollah traditionell dominierte. Später meldete die Agentur einen dritten Angriff in der Nähe.
Hisbollah spricht von neuer Phase
Nach den von Washington veröffentlichten Waffenstillstandsbedingungen behält sich Israel das Recht vor, gegen „geplante, unmittelbar bevorstehende oder laufende Angriffe“ vorzugehen.
Bereits am Samstagmorgen teilte das Militär mit, in den vorangegangenen 24 Stunden mehr als 85 Infrastrukturziele der Hisbollah angegriffen zu haben.
Israelische Bodentruppen operieren zudem innerhalb einer von Israel ausgerufenen „gelben Linie“. Sie verläuft rund zehn Kilometer (sechs Meilen) innerhalb des Libanon entlang der Grenze. Bewohnerinnen und Bewohner wurden gewarnt, dorthin nicht zurückzukehren.
Der Hisbollah-Abgeordnete Hassan Fadlallah warnte am Samstag vor „einer neuen Phase, in der der Widerstand nicht zu den Bedingungen vor dem 2. März zurückkehren wird“.
Die Hisbollah hatte den Libanon am 2. März in den Nahostkonflikt hineingezogen, als sie Raketen auf Israel abfeuerte, um die Tötung von Irans oberster geistlicher Autorität bei US-israelischen Angriffen zu rächen.
Schon davor hatte Israel regelmäßig Ziele der Organisation angegriffen und ihr vorgeworfen, sich wieder zu bewaffnen – trotz einer Waffenruhe aus dem Jahr 2024, die den letzten Krieg zwischen den verfeindeten Seiten eigentlich beenden sollte.
Bis März hatte die Hisbollah weitgehend darauf verzichtet, zurückzuschießen.
„Wenn der Feind unsere Dörfer und Vororte angreift, muss er mit einer Antwort rechnen – und genau das tut der Widerstand“, sagte Fadlallah. Er spielte damit auf einen israelischen Angriff in dieser Woche auf die südlichen Vororte Beiruts an, bei dem nach israelischen Angaben ein Hisbollah-Kommandeur getötet wurde.
Neben dem Drohnenangriff im Norden Israels reklamierte die Hisbollah am Samstag auch mehrere Angriffe mit Raketen und Drohnen auf israelische Militärziele innerhalb des Libanon für sich.
Vertreterinnen und Vertreter des Libanon und Israels wollen in der kommenden Woche in Washington zu einer weiteren Runde direkter Gespräche zusammenkommen.
Ein erstes Treffen fand wenige Tage vor der Ankündigung des Waffenstillstands im Libanon durch US-Präsident Donald Trump statt. Die zweite Gesprächsrunde fiel mit seiner Bekanntgabe einer Verlängerung um drei Wochen zusammen.
Fadlallah bezeichnete diese Treffen als „Weg der Zugeständnisse“ und bekräftigte die Forderung seiner Partei, dass sich die Regierung zurückziehen und nur noch auf indirekte Gespräche setzen solle.
Nach Angaben der libanesischen Behörden haben israelische Angriffe seit dem 2. März fast 2.800 Menschen im Libanon getötet, darunter Dutzende seit Inkrafttreten der Waffenruhe.