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Mehr gefährliche Hitze: Können Europas Wasserwege Städte kühlen und Klimaanlagen ersetzen?

Ein Fernkältesystem.
Ein Fernkältesystem. Copyright  Sourced via the European Commission.
Copyright Sourced via the European Commission.
Von Liam Gilliver
Zuerst veröffentlicht am
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„Fernkälte bringt Städten, die die Gesundheit der Bevölkerung schützen und Emissionen deutlich senken wollen, spürbare Vorteile.“

Über dem Atlantik formiert sich bereits die nächste Hitzewelle in Europa. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt, dass noch weitere „tödliche Wochen“ bevorstehen könnten.

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Spaniens Wetterdienst AMET hat für drei östliche Regionen die höchste Hitzewarnstufe Rot ausgerufen, warnend, dass Temperaturen in dieser Woche auf bis zu 42 °C klettern könnten. Besonders betroffen dürften Aragón, Katalonien und die Region Valencia sein.

Auch Portugal und Frankreich stellen sich auf Temperaturen von mehr als 40 °C ein. Die Prognosen sagen zudem mehr „tropische Nächte“ voraus. Dann fällt das Thermometer in 24 Stunden nicht unter 20 °C, viele Menschen schlafen schlecht.

Die drohende Hitzewelle trifft Europa, gleichzeitig verwüsten verheerende Waldbrände weite Landstriche. Tausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen und Behörden untersagten Zuschauerinnen und Zuschauern den Zugang zu einer Etappe der Tour de France.

Das sich erwärmende Klima in Europa – eindeutig eine Folge der anhaltenden Verbrennung fossiler Energieträger – führt zu neuen Forderungen, der Kontinent solle stärker auf Klimaanlagen setzen. Selbst das Vereinigte Königreich mit seinem oft trüben Wetter wurde vom unabhängigen Climate Change Committee darauf hingewiesen, dass in einem Szenario mit 2 °C Erwärmung rund 22 Prozent der Gebäude eine aktive Kühlung benötigen.

Eine andere, innovative Lösung setzt sich jedoch zunehmend durch: Europas Wasserwege könnten Städte kühlen und viele einzelne Klimaanlagen überflüssig machen – im Rahmen der EU-Kampagne „Cities Refresh“.

Europa kühlt sich nachhaltig: Alternativen zur Klimaanlage

Klimaanlagen retten in Hitzeperioden nachweislich Leben. Die EU betont jedoch, dass sie keine „Langzeitlösung“ sind.

Der Grund: Die Geräte verbrauchen viel Strom, belasten die ohnehin stark ausgelasteten Netze und erhöhen das Risiko von Blackouts. Zudem treiben sie den Ausstoß von Treibhausgasen in die Höhe.

Klimaanlagen verstärken außerdem den Wärmeinseleffekt in Städten. Die heiße Abluft sammelt sich in Beton, Asphalt und anderer Infrastruktur, wird später wieder freigesetzt und heizt die Umgebung weiter auf.

Eine Antwort darauf ist Fernkälte. In einem zentralen Werk wird kaltes Wasser erzeugt und über ein unterirdisches Leitungssystem an lokale Netze verteilt.

„Fernkälte bietet klare Vorteile für Städte, die die öffentliche Gesundheit schützen und Emissionen senken wollen“, erklärt die Europäische Kommission.

„Sie sorgt für effiziente Kühlung in allen Gebäudetypen, benötigt weniger Energie als einzelne Klimaanlagen und kann mit lokalen, emissionsarmen Quellen betrieben werden – etwa Meer- oder Flusswasser, Geothermie oder Abwärme.“

Nach der Energieeffizienz-Richtlinie (EED) müssen Städte mit mehr als 45.000 Einwohnerinnen und Einwohnern inzwischen lokale Wärme- und Kältepläne ausarbeiten. Viele urbane Regionen setzen deshalb auf Fernkälte-Infrastruktur, die 2023 um mehr als drei Prozent zunahm.

Marseille setzt auf Meerwasser: Frischekur für die Stadt

Marseille nutzt das Mittelmeer und gewinnt aus seinem Meerwasser thermische Energie für Kühlung und Heizung.

Bereits heute gibt es zwei Netze, Massileo und Thassalia. Sie umfassen zusammen 4,4 km Leitungen, die die Energie aus Meerwasser zu Wärmepumpen in Stadtvierteln bringen. Dort versorgen sie Gebäude mit Wärme, kühler Luft und Warmwasser.

Im Vergleich zu fossilen Energieträgern senken die Netze die CO₂-Emissionen bei der Energieerzeugung um 80 Prozent.

Nach dem Boom energieintensiver KI-Rechenzentren prüft Marseille zudem, wie sich die dort entstehende Abwärme zurückgewinnen lässt, um Wohnhäuser und andere Gebäude in den kälteren Monaten zu heizen.

Paris kühlt mit der Seine

Das Netz „Fraîcheur de Paris“ gehört zu den größten Fernkältesystemen Europas und nutzt 120 km unterirdische Leitungen, um kaltes Wasser aus der Seine zu transportieren. So werden rund 850 Gebäude, darunter der Louvre, klimafreundlich gekühlt.

Statt einzelner Klimageräte nutzen die angeschlossenen Gebäude Wärmetauscher. Das interne Kühlsystem überträgt seine Wärme auf das kalte Netz-Wasser, das anschließend zu einer Spezialanlage zurückfließt und dort erneut heruntergekühlt wird.

Nach Angaben der EU erreicht das System mehr als 100 Prozent Energieeffizienz, senkt den Stromverbrauch um 35 Prozent, reduziert Kältemittel-Emissionen um 90 Prozent, verringert den Chemikalieneinsatz um 80 Prozent und drückt die CO₂-Emissionen um 50 Prozent.

Barcelona bekämpft den städtischen Wärmeinseleffekt

Spanien verfügt bereits über eines der weltweit größten Netze an sogenannten Hitzeschutzräumen, die Menschen vor extremer Hitze schützen sollen. Öffentliche Gebäude wie Bibliotheken und Museen stellen während Hitzewellen kostenlos Wasser bereit und bieten gemeinschaftliche Kühlung – so sinkt der Bedarf an privaten Klimaanlagen und besonders gefährdete Gruppen bleiben vor lebensbedrohlicher Hitze geschützt.

Unter der Erde beherbergt Barcelona zudem eines der größten Thermoenergie-Verteilnetze Südeuropas.

Das Netz besteht aus vier parallel verlaufenden Rohren: zwei für heißes Wasser (Vorlauf bei 90 °C, Rücklauf bei 60 °C) und zwei für kaltes Wasser (Vorlauf bei 5,5 °C, Rücklauf bei 14 °C). Sie transportieren Energie aus drei Erzeugungsanlagen, von denen eine mit Meerwasser gekühlt wird, zu Unterstationen oder Energieaustauschpunkten in den Gebäuden der Kundschaft.

Damit lassen sich Gebäude sowohl heizen als auch kühlen. Bislang ist das Netz mit 192 Gebäuden verbunden und hat den Verbrauch fossiler Energie laut Districlima, dem Betreiber, um 96 Prozent gesenkt.

Wien: Effizienter Energiekreislauf kühlt MedUni-Campus

In Österreich betreibt der MedUni-Campus in Wien ein neues Fernkältezentrum. Dort erzeugen Kältemaschinen, gespeist mit Strom und Fernwärme, kaltes Wasser zur Kühlung.

Das System fängt überschüssige Innenwärme mit einer Wärmepumpe ein und nutzt sie im Winter zum Heizen, wodurch ein „saisonaler, effizienter Energiekreislauf“ entsteht, wie es der Staatenbund beschreibt.

Im Vergleich zu herkömmlichen Klimaanlagen spart das Fernkältezentrum am MedUni-Campus Mariannengasse in Wien jedes Jahr rund 1.000 Tonnen CO₂ ein.

„Von hier aus werden wir das Fernkältenetz rund um die Wiener Innenstadt mit dem AKH und dem Fernkältezentrum Spittelau verbinden“, sagt Michael Strebl, Geschäftsführer von Wien Energie, dem Unternehmen hinter dem Netz.

„Die Sommer werden heißer, und die Nachfrage nach klimafreundlicher Kühlung steigt. Deshalb bauen wir die Fernkälte seit 2007 kontinuierlich aus. Bis 2030 investieren wir hier insgesamt 90 Millionen Euro.“

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