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„Ein Geheimnis geteilt“: Wie ein Klima-Notfallbriefing Fachleute zu Tränen rührt

Mike Berners-Lee spricht beim Nationalen Notfall-Briefing in London, Großbritannien, am 27. November 2025.
Mike Berners-Lee spricht beim Nationalen Notfallbriefing in London, Großbritannien, am 27. November 2025 Copyright  National Emergency Briefing
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Von Ruth Wright
Zuerst veröffentlicht am
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Das Format „People’s Emergency Briefing“ lief bereits fast 2.000‑mal in Großbritannien. Deutschland arbeitet an einer eigenen Version.

Wer erinnert sich noch an die Corona-Pressekonferenzen im Fernsehen, mit denen Regierungen überall in Europa die Menschen durch die schlimmsten Wochen der Pandemie steuerten? In Großbritannien standen der Premierminister und führende Wissenschaftler hinter Rednerpulten und informierten die Nation über die Zahl der Todesfälle, die Ausbreitung von COVID und darüber, wie wir uns verhalten sollten, um uns zu schützen.

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In meinem Freundes- und Familienkreis drehte sich damals fast alles um diese Briefings. Gruppenchats liefen voll mit Diskussionen darüber, was die Expertinnen und Experten gesagt hatten – und ob das unsere Pläne fürs Ausgehen oder Zuhausebleiben verändern würde.

Während einer dieser Sendungen hatte der Wissenschaftskommunikator Simon Oldridge eine Idee: Was wäre, wenn es ähnliche Briefings im nationalen Fernsehen zur Klimakrise gäbe? Fachleute, die „die Fakten wieder auf den Tisch legen“: wie sich der Klimawandel entwickelt, wie er alles von der Lebensmittelversorgung bis zur Gesundheitsversorgung beeinflusst und wie die Bevölkerung reagieren muss. So entstand das National Emergency Briefing (NEB) (Quelle auf Englisch).

Wissenschaftler beantworten Fragen beim National Emergency Briefing in London, Großbritannien, 27. November 2025
Wissenschaftler beantworten Fragen beim National Emergency Briefing in London, Großbritannien, 27. November 2025 National Emergency Briefing

„Ein Geheimnis war endlich ausgesprochen“

Simon holte seinen Bruder Nick mit ins Boot. Gemeinsam beschlossen die Oldridges, ihre Kampagne mit einem eigenen Briefing zu starten. Ihr Plan: führende britische Wissenschaftler sollten vor Politikerinnen und Politikern sowie einflussreichen Wirtschaftsentscheiderinnen und -entscheidern sprechen. Die Expertinnen und Experten legten die Fakten zum Klimawandel auf den Tisch – und erklärten, welche Folgen er heute und künftig für die Systeme hat, die unser Leben tragen: Wetter, Lebensmittelversorgung, Gesundheit und nationale Sicherheit. Anschließend bekam das Publikum Zeit für Fragen.

Die Corona-Briefings hatten das Land aufhorchen lassen – und die meisten Menschen hielten sich an die Vorgaben. Was, so dachten die Oldridges, wäre, wenn ein Briefing zu den Folgen des Klimawandels eine ähnlich dringliche Reaktion im ganzen Land auslösen könnte? „Dieser Moment, in dem wir alle vor dem Fernseher saßen und einem Experten zuhörten – das war schon bemerkenswert, oder? Da wird einem klar, dass die Mehrheit unserer Mitbürger die Rechtsstaatlichkeit respektiert, ihre Gemeinschaften schätzt und zum Wohl anderer handeln will“, erzählt Klimakommunikator Nick Oldridge in einem Videoanruf.

Um denselben Ton zu treffen wie bei den Corona-Briefings, musste das neue Format „so aussehen, sich so anfühlen und so klingen, als wären wir die Regierung“, sagt Nick. Die Idee steuerte ein Team ehemaliger Kreativdirektoren aus der berüchtigt harten Werbebranche bei.

„Wir sind in scharfen Anzügen aufgetaucht – die wir sonst nie tragen – und haben alles so gestaltet, dass es Menschen aus der Wirtschaft anspricht. Leute, die im Modus ‚Business as usual‘ leben und denken: ‚Uns kann ohnehin nichts passieren.‘“

Dieser Rollenwechsel funktionierte. „Die Veranstaltung war nur mit Einladung zugänglich – und dann wurde es richtig wild. Wir bekamen E-Mails wie: ‚Hallo, ich bin der oberste wissenschaftliche Berater der Regierung, darf ich kommen?‘ Es fühlte sich an, als würden wir einen extrem angesagten Club betreiben.“

Am Ende saßen fast 1.300 Menschen in der Westminster Central Hall, einem historischen Saal direkt gegenüber vom Houses of Parliament – dem Machtzentrum des Vereinigten Königreichs. Jede Expertin und jeder Experte hatte jeweils zehn Minuten am Rednerpult, um Fakten Folie für Folie zu erläutern. Entscheidend war für Nick, dass alle im Raum direkt von den Fachleuten hörten, „ohne den Filter der Medien“.

Trotz der prominenten und vielbeschäftigten Gäste herrschte während der Vorträge absolute Stille. „In diesem Raum ist etwas passiert. Selbst abgebrühte Leute aus Nichtregierungsorganisationen kamen heraus und sagten: ‚Ich war tief bewegt.‘ Viele haben geweint. Es lag eine starke Mischung aus Schmerz und Erleichterung in der Luft – als wäre endlich ein Geheimnis ausgesprochen worden. Als würden alle gemeinsam zum ersten Mal wirklich hinsehen. Die Erleichterung war förmlich zu spüren.“

Was ist das People’s Emergency Briefing?

Die Vorträge der Wissenschaftler wurden aufgezeichnet und einem Querschnitt der Bevölkerung gezeigt – darunter auch einigen Prominenten wie Jennifer Saunders. Auch deren Reaktionen filmte das Team. Wieder eine Idee der früheren Werbeprofis, um den Film spannender zu machen. Am Ende entstand ein 50-minütiger Film mit dem Titel „People’s Emergency Briefing“. Das NEB-Team möchte, dass ihn jede und jeder über sechzehn Jahre in allen Teilen der Gesellschaft sieht.

Ich habe den Film gesehen, verrate aber keine Details. Nur so viel: Die Wissenschaftler präsentieren die Fakten klar und verständlich. Sie sprechen einfach, ohne Beschönigung. Besonders beeindruckt hat mich, dass alle ihre Beiträge mit einer ermutigenden Botschaft beenden. Sie erklären, was wir – sofort – tun können, um den katastrophalen Kurs zu verlassen, auf dem wir uns gerade bewegen.

Nach den Präsentationen wurden die Expertinnen und Experten gefragt, wie sie sich mit all diesen Fakten fühlen. Ein besonders bewegender Moment: Ein Wissenschaftler kämpft mit den Tränen, als er erzählt, dass er seinem jugendlichen Sohn später sagen können möchte, er habe wirklich alles versucht, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu verhindern.

Wissenschaftler beantworten Fragen beim National Emergency Briefing in London, Großbritannien, 27. November 2025
Wissenschaftler beantworten Fragen beim National Emergency Briefing in London, Großbritannien, 27. November 2025 National Emergency Briefing

Was passiert bei einer Vorführung des People’s Emergency Briefing?

Damit die Informationen aus dem Film nicht nur in der „Blase“ von Klimaprofis oder Aktivistinnen und Aktivisten zirkulieren, kann der Film überall im Vereinigten Königreich kostenlos in Gemeinden gezeigt werden – vom Dorfsaal bis zum Kulturzentrum.

Mike sagt: „Wir müssen diesen Multiplikator-Effekt wirklich in Gang bringen. Die wichtigste Bitte bei einer Vorführung ist deshalb: Versucht, eine, zwei oder drei Gruppen im Publikum dafür zu gewinnen, selbst eine weitere Vorführung zu organisieren – am Arbeitsplatz oder in einem anderen Teil der Gemeinschaft.“

Das Team will, dass sich die Organisation möglichst unkompliziert anfühlt. Wer eine Vorführung plant, erhält ein umfassendes Toolkit, das ich gesehen habe. Es führt Schritt für Schritt durch den gesamten Ablauf – von Einladungen über den Kontakt zur örtlichen Presse bis zu den technischen Details der Filmvorführung.

Außerdem bekommen die Organisatorinnen und Organisatoren Hinweise, wie sie die Diskussion nach dem Film moderieren können. Dieser Teil ist zentral – und der Grund, warum der Film nicht einfach online abrufbar ist. Das Gespräch gibt dem Publikum die Möglichkeit, gemeinsam zu verarbeiten, was es gerade gehört hat. Der renommierte Klimaforscher Mike Berners-Lee, der ebenfalls beim Briefing sprach, und Linda Aspey von der Climate Psychology Alliance haben beraten, wie diese Gespräche gestaltet werden sollten, damit die Menschen „ihre eigene Handlungsmacht entdecken“.

Wichtig ist auch, die örtliche Abgeordnete oder den örtlichen Abgeordneten (MP) einzuladen. So bekommen sie ein klareres Bild von den schnellen und weitreichenden Folgen der Klima- und Naturkrise. Gleichzeitig verfolgt das NEB-Team ein weiteres Ziel: Der Film soll im nationalen Fernsehen laufen. Wenn genug Abgeordnete einen parlamentarischen Aufruf (Quelle auf Englisch) zur Unterstützung unterzeichnen, könnte das Realität werden. Bisher haben 141 der insgesamt 650 britischen MPs unterschrieben.

Bislang fanden 1.845 Vorführungen statt, weitere 1.089 sind geplant. Ein interaktives Dashboard (Quelle auf Englisch) zeigt, wo demnächst Termine anstehen.

Eine wissenschaftliche Befragung, die Besucherinnen und Besucher im Anschluss an eine Vorführung ausfüllen, liefert erste positive Ergebnisse: 58 Prozent fühlten sich danach hoffnungsvoller (15 Prozent weniger), 88 Prozent besser informiert und 87 Prozent stärker motiviert zu handeln.

Der Film läuft längst nicht nur in Dorfhallen. Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen zeigen ihn ihren Beschäftigten – darunter auch die BBC. Der traditionsreiche Frauenverband Women’s Institute plant eigene Vorführungen. Eine Gruppe von Lehrkräften hat den Film genutzt, um Unterrichtsmaterialien zu entwickeln und möchte eine Kurzfassung in jedes Lehrerzimmer des Landes bringen. Selbst aus der britischen Regierung gibt es bereits Interesse.

Andere europäische Staaten prüfen inzwischen, wie sie eigene Notfall-Briefings mit Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftlern und landesspezifischen Daten organisieren können. In Deutschland heißt das Format Nationaler Risiko Gipfel (Quelle auf Englisch) (National Risk Summit). Die Organisatorinnen und Organisatoren haben den international renommierten Klimaforscher Johan Rockström als einen der Vortragenden gewonnen.

Welches Ziel verfolgt das People’s Emergency Briefing?

Was sollen Menschen nach dem Film konkret tun? Das, sagt Nick, wolle das Team bewusst nicht vorschreiben. „Es gibt nicht die eine richtige Reaktion. Das hängt davon ab, wo jemand in seinem eigenen Prozess steht. Es ist nicht unsere Aufgabe, Lösungen vorzuschreiben. Und einer der Gründe, warum wir diese unglaublich vielfältige Unterstützergruppe hinter uns haben – von WWF über National Trust bis zur Kirche –, ist genau der: Wir legen keine fertigen Politikpakete vor. Denn bei konkreten politischen Forderungen würden die Nichtregierungsorganisationen sofort unterschiedlicher Meinung sein. Diese Debatte wollen wir hier nicht führen.“

Stattdessen wollen sie in einer Zeit politisch geschürter Desinformation „das Spielfeld begradigen, die Fakten wieder auf den Tisch bringen und sehr konkret über das Vereinigte Königreich und seine Risiken sprechen – nicht nur über die Wissenschaft, sondern auch über Zeitrahmen und die gesamte Bandbreite der Folgen für die Gesellschaft“.

Die Menschen zu befähigen, selbst aktiv zu werden, ist ein zentrales Anliegen der Kampagne. Bei Vorführungen erhalten die Zuschauerinnen und Zuschauer Informationsblätter mit Hinweisen auf Initiativen, denen sie beitreten oder an die sie spenden können – darunter das Climate Majority Project (Quelle auf Englisch), der WWF (Quelle auf Englisch) und Friends of the Earth (Quelle auf Englisch).

„Wir wollen deutlich machen, dass Veränderung von uns allen ausgeht. Weil wir einen Ansatz für die gesamte Gesellschaft verfolgen, können sich die Menschen überall dort einbringen, wo sie in ihren Gemeinden etwas bewegen wollen.“

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