Forschende warnen: Heftige Sonnenstürme können Flugpersonal und Passagiere erhöhter Strahlung aussetzen und Störungen wie bei 6.000 Airbus-Jets 2023 auslösen.
Extremes Weltraumwetter kann Linienflugpassagiere hoher Strahlung aussetzen und den Flugbetrieb erheblich stören. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der University of Surrey.
Die Untersuchung des Surrey Space Centre (SSC) zeigt zudem, dass die Strahlung auch Bordtechnik und Besatzungen beeinträchtigen kann.
Laut Studie können die Strahlungswerte in typischen Flughöhen zwischen acht und 14 Kilometern stark ansteigen. Gleichzeitig häufen sich Fehler in der Flugzeugelektronik, was das Sicherheitsrisiko erhöht.
Veröffentlicht wurde die Studie im „Journal of Space Weather and Space Climate“.
Extreme Strahlungsereignisse häufen sich
Die Atmosphäre hält einen Teil der Strahlung ab. Trotzdem sind Passagiere im Flugzeug deutlich stärker exponiert als am Boden. Bei Sonnenstürmen oder Ausbrüchen wie Sonnenflares steigt die Belastung zusätzlich.
Solare Stürme haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, und damit auch die Strahlung.
Im November 2025 ließ ein massiver Sonnensturm die Strahlungswerte kurzfristig auf fast das Zehnfache der üblichen Bedingungen in großer Flughöhe steigen, wie Berechnungen des SSC zeigen.
Auch die Systeme moderner Flugzeuge reagieren immer anfälliger auf solche Ereignisse, denn hochenergetische Teilchen aus dem All können in die Bordelektronik eingreifen.
Solche Wechselwirkungen führen zu Single Event Upsets (SEUs), kleinen Fehlern, die sich summieren und schließlich kritische Systeme treffen können.
Im vergangenen Jahr musste Airbus zeitweise 6.000 Maschinen des Typs A320 am Boden lassen, nachdem in einem Flugsteuerungsrechner eine durch starke Sonnenstrahlung verursachte Schwachstelle entdeckt worden war.
Der Vorfall wurde bekannt, nachdem ein JetBlue-Flug von Cancún nach Newark im Oktober 2025 zu einer Notlandung in Florida gezwungen wurde.
Neben der höheren Strahlenbelastung bringen solche Störungen große Betriebsprobleme mit sich. Die Arbeitsbelastung für Pilotinnen und Piloten steigt deutlich. In Extremfällen kann die Zahl der SEUs von wenigen pro Stunde auf Tausende hochschnellen.
Am stärksten sind die Risiken auf Polarstrecken, etwa zwischen London Heathrow und Vancouver International. Bei heftigen geomagnetischen Stürmen sind die Effekte jedoch auch weiter südlich spürbar, bis über dem Vereinigten Königreich.
„Die jüngste Stilllegung von Airbus-A320-Flugzeugen wegen kosmischer Strahlung zeigt, dass Weltraumwetter kein theoretisches Risiko ist. Es beeinflusst die Luftfahrt bereits heute. Da Flugzeugsysteme immer komplexer werden und stärker auf Elektronik setzen, ist es entscheidend, diese Ereignisse zu verstehen und sich darauf vorzubereiten, um die Flugsicherheit zu gewährleisten“, sagte Dr. Fan Lei, Senior Research Fellow am Surrey Space Centre und Hauptautor der Studie.
Wichtige Sicherheitslücke im heutigen Luftverkehr
Die Studie verweist auf eine zentrale Lücke in den aktuellen Sicherheitsrahmen der Luftfahrt. Diese konzentrieren sich meist auf die normale Strahlenbelastung und berücksichtigen extreme Weltraumwetterereignisse kaum.
Um Flugreisen so sicher und verlässlich wie möglich zu halten, braucht es eine bessere Einbindung von Weltraumwetterdaten in die Flugplanung sowie klare Handlungsempfehlungen.
„Derzeit gibt es für die Luftfahrt keinen einheitlichen Ansatz, um extreme Weltraumwetterrisiken zu bewerten und darauf zu reagieren. Wir haben eine klarere, speziell auf die Luftfahrt zugeschnittene Strahlungsskala eingeführt. Sie soll fundiertere Entscheidungen ermöglichen und dabei helfen, schnell zu handeln, um Passagiere, Besatzung und kritische Bordsysteme zu schützen“, sagte Professor Keith Ryden, Leiter des Forschungsteams Space Environment and Protection am Surrey Space Centre und Mitautor der Studie.
Die Skala soll eindeutige Schwellenwerte liefern, ab denen Maßnahmen wie verstärkte Überwachung, Flugpausen oder Umrouten von Strecken bei besonders starkem oder störendem Weltraumwetter erforderlich sind.
„Eine atmosphärische Strahlungsskala war seit Langem nötig, denn die derzeitigen Warnungen auf Basis von niederenergetischen Protonenereignissen erzeugen mindestens zehn Fehlalarme auf jeden echten Alarm“, sagte Professor Clive Dyer, Gastprofessor am Surrey Space Centre und Mitautor der Studie.
„Die neue Skala stützt sich auf Messungen hochenergetischer Protonen im Weltraum und auf bodengebundene Neutronenmonitore, wie sie in Surrey, Lerwick und Camborne installiert sind. Sie koppelt die Strahlendosis für Menschen und die Rate von Störungen in der Avionik an die Ergebnisse unserer Untersuchung des Ereignisses von Februar 1956. Zusammen mit unserem Strahlungsmodell MAIRE und den Flugmonitoren SAIRA sollte dies die Grundlage für eine angemessene Reaktion bilden“, sagte Dyer.