Der Einsatz von KI in der Musik bleibt umstritten. Neue Zahlen zeigen: Der Zustrom KI-generierter Songs hält an, immer mehr Künstler reden offen darüber.
„Just stop your crying, it's a sign of the times...“
Was weißt du schon davon, Harry Styles? Manche Zeichen sind die Tränen wert.
Hier ist eines, das sicher für Heulkrämpfe sorgt: KI-generierte Musik überschwemmt weiter die Streaming-Plattformen. Eine neue Studie zeigt, dass im Juli 2026 weltweit fast 40 Prozent aller Neuveröffentlichungen mit KI entstanden sind.
Diese alarmierende Zahl stammt aus einer neuen Erhebung von SubmitHub (Quelle auf Englisch), einer Online-Plattform, auf der Nutzer Musik an Playlists und Blogs schicken können. Das Team hat mehr als eine Million Tracks untersucht und mit seinem eigenen KI-Detektor SH Labs festgestellt, dass 23,2 Prozent davon komplett von KI erzeugt wurden.
Hinzu kommt: 15,3 Prozent nutzten KI-generierte Audios, die von Menschen „modifiziert oder bearbeitet“ wurden. Insgesamt wurden damit 38,5 Prozent aller im vergangenen Monat veröffentlichten Songs mit KI-Hilfe produziert.
SubmitHub hat SH Labs (Quelle auf Englisch) zu Beginn des Sommers gestartet, um auf ein „wachsendes Transparenzproblem“ bei künstlicher Intelligenz in der Musik hinzuweisen. Das Erkennungs-Tool kommt bereits bei Bandcamp und Traxsource zum Einsatz, um KI in Songs aufzuspüren, ebenso bei der GEMA, der Verwertungsgesellschaft, die kürzlich einen wegweisenden Prozess gegen die KI-Musikplattform Suno gewonnen hat.
In einer Erklärung sagte SubmitHub-Gründer Jason Grishkoff: „Ich glaube, der Weg für KI-Musik führt über Offenlegung. Die Menschen sollten selbst entscheiden können, ob sie sich auf KI-generierte Musik einlassen.“
Er ergänzte: „Unsere Aufgabe ist es, ihnen genügend Informationen zu geben, um diese Wahl zu treffen.“
Die neuen Zahlen reihen sich ein in frische Statistiken von Deezer. Der französische Streamingdienst meldete, dass KI-Tracks im Juni mehr als die Hälfte aller täglichen Neueinstellungen ausmachten. Zudem knüpfen sie an eine Studie aus dem Jahr 2025 an, der zufolge 97 Prozent der Befragten „den Unterschied zwischen echter und KI-Musik nicht erkennen“ können.
Manche Organisationen reagieren inzwischen zumindest teilweise auf die Sorgen realer Künstler und Musikfans, die den auf Streaming-Plattformen ausgespielten KI-Müll kritisieren.
So hat Bandcamp Anfang 2026 alle KI-Musik verbannt und erklärt, man „behalte sich das Recht vor, Musik bei Verdacht auf KI-Erzeugung zu entfernen“. Der Streaming-Riese Spotify hat zudem angekündigt, ab September ein „AI Persona“-Abzeichen auf einigen Künstlerprofilen zu platzieren. Damit sollen Nutzer erkennen, wenn die Musik eines Acts mit künstlicher Intelligenz erstellt wurde.
Viele Künstlerinnen und Künstler von Kate Bush bis zu Queens Brian May sprechen offen über die existenzielle Bedrohung, die KI für Kreative darstellt, und halten fest, dass „die nicht lizenzierte Nutzung kreativer Werke zum Training generativer KI eine große, ungerechte Gefahr für die Lebensgrundlage der Menschen hinter diesen Arbeiten“ sei. Andere Kreative gehen hingegen deutlich gelassener mit der umstrittenen Technologie um.
Luke Steele von Empire Of The Sun räumte kürzlich ein, dass er KI zum Musikmachen nutzt. Boy George sagte, er habe sich von KI beim Schreiben seines schwachen pro-israelischen Reggae-Tracks „We Will Dance Again“ helfen lassen – ein Song, der später wegen Verstoßes gegen die KI-Regeln von Bandcamp entfernt wurde. Und ein weiterer Künstler, der sich den Ärger seiner Kolleginnen und Kollegen zugezogen hat, ist der US-Rapper Tyga.
Tyga gab zu, er habe KI als „Werkzeug“ auf seinem neuen, von der Kritik verrissenen Album „$tarface“ eingesetzt. Er nutzte KI, um die Retro-Synthesizer des Albums zu erzeugen und bezeichnete das „Werkzeug“ als „nichts anderes als damals, als Auto-Tune aufkam“.
Trotzdem zerlegen Kritiker das Album in der Luft. Pitchfork (Quelle auf Englisch) vergab die niedrigste mögliche Bewertung von Null von zehn Punkten und bezeichnete „$tarface“ als „selbstgefällig, behäbig und deprimierend“ und als Werk, dessen „bloße Existenz die Welt zu einem schlechteren Ort gemacht“ habe.
Kolleginnen und Kollegen attackieren Tyga offen – darunter Doja Cat, die für viele Musikfans sprach, als sie ihn wegen seines KI-Albums als „Penis“ beschimpfte.
Für die einen ist KI damit buchstäblich und im übertragenen Sinn ein Werkzeug, für die anderen ein kompletter Betrug.
Ein weiteres Zeichen dafür, dass manche Content-Produzenten immer lockerer – oder schamloser – mit KI-Müll umgehen: Der US-Produzent und Rapper Timbaland hat ein „A-Pop“-Projekt namens Stage Zero gestartet und den ersten Act TaTa unter Vertrag genommen. Er beschreibt TaTa als „lebenden, lernenden, autonomen Musikact, der mit KI aufgebaut wurde“.
Diese Beispiele und aktuellen Zahlen, dazu die verstörende „Musik“ von KI-Kreationen wie Tilly Norwood, Velvet Sundown und Breaking Rust – die mit echten Künstlerinnen und Künstlern um Hörzeit und Tantiemen konkurrieren –, machen eines deutlich: Wir sind aus diesem künstlichen Wald noch lange nicht heraus.