Der aserbaidschanische Klub Sabah hat überraschend die Qualifikation für die UEFA Champions League geschafft. Für den Verein ist es ein historischer Meilenstein.
„Ich finde, diese Geschichte über das TV-Quiz wird ein wenig überbewertet“, sagte Valdas Dambrauskas Euronews. Er hatte gerade als erster baltischer Trainer die Hauptrunde der Champions League erreicht und einen Klub, den es vor neun Jahren noch gar nicht gab, zu Duellen mit Arsenal, Manchester United und Barcelona geführt.
Im Jahr 2002 gewann Dambrauskas in der litauischen Fernsehsendung „Who Wants to Be a Millionaire?“ das Preisgeld und nutzte es, um nach England zu gehen und seine UEFA-Trainerscheine zu finanzieren.
Er war nie Profifußballer.
Um die Lehrgänge zu bezahlen, arbeitete er als Babysitter, Verkäufer und Zeitungszusteller. Schließlich landete er in den Nachwuchsakademien von Fulham, Brentford und Manchester United. Sabah FC in Baku ist sein zehnter Verein.
„Manchmal war es schwierig. Ich musste hart arbeiten und manchmal an mich glauben, obwohl ich selbst und die Menschen um mich herum zweifelten“, erinnerte sich Dambrauskas.
„Ich sehe diesen Erfolg als Meilenstein und glaube, dass der Weg wichtiger ist. Andere Träume liegen noch vor mir, und ich möchte auf keinen Fall aufhören.“
Sabah schlug Hapoel Beer Sheva am vergangenen Dienstag mit 5:2 und setzte sich insgesamt mit 6:4 durch. Damit zog der Klub in die Hauptrunde der Champions League ein. Sie garantiert ihm mindestens acht Spiele gegen einige der größten Vereine Europas. Barcelona, Borussia Dortmund, Napoli und Slavia Prag kommen nach Baku.
Dambrauskas und seine Mannschaft reisen zu Arsenal und Manchester United nach England, anschließend zu Villarreal nach Spanien und zu Viking nach Norwegen.
Auch auf das, was jetzt kommt, blickt Dambrauskas nüchtern.
„Alle reden über die Champions League. Aber nur die aserbaidschanische Meisterschaft ermöglicht uns überhaupt, dort zu spielen. Es ist sehr wichtig, dass wir fokussiert bleiben und uns auf jedes einzelne Spiel vorbereiten, das vor uns liegt“, sagte er.
„Wir haben ein fantastisches internationales Umfeld. Oft stehen elf verschiedene Nationalitäten in unserer Startelf. In so einem Umfeld beruht unsere gesamte Philosophie auf einem Begriff: Respekt.“
„Jetzt zählt der Fokus“
Sabah Futbol Klubu wurde 2017 in Baku gegründet. In der Saison 2024/25 gewann der Klub den aserbaidschanischen Pokal, im Jahr darauf den Titel in der Premyer Liqası und beendete damit die jahrelange Dominanz von Qarabağ FK.
Die Aussicht auf Spiele gegen Klubs wie Barcelona und Arsenal wurde für Sabah schnell zu einem seltenen Fußballtraum, der wahr wird. Für Rechtsverteidiger und Rechtsaußen Tellur Mutallimov ist das Ausmaß der Aufgabe aber vor allem eine Frage der Konzentration, nicht des Nervenkitzels.
„Gegen Vereine dieses Kalibers zu spielen, vermittelt mir vor allem ein größeres Verantwortungsgefühl und zusätzliche Motivation, weniger Aufregung“, sagte Mutallimov zu Euronews.
„Die Feierlichkeiten liegen jetzt hinter uns. Nun müssen wir all unsere Aufmerksamkeit auf die wichtigen und schwierigen Spiele richten, die vor uns liegen.“
Mutallimov würdigte die Anhänger, die den Klub durch die Qualifikationsrunden begleitet hatten.
„Selbst als wir weit weg von zu Hause in Dänemark, England, Finnland und Rumänien spielten, waren wir nicht allein. Wir sind unseren im Ausland lebenden Landsleuten dankbar, die in die Stadien kamen und uns in diesen Partien unterstützt haben.“
An seiner Seite arbeitet Valerio Zuddas, ein siebenunddreißigjähriger Italiener, der bereits in zehn Ländern tätig war und bei Sabah für die Defensivorganisation sowie die Analyse der europäischen Gegner zuständig ist.
„Die größte Genugtuung für Valdas als Cheftrainer und für uns im Trainerstab ist, dass wir klar sehen, wie sehr die Spieler unsere Spielprinzipien verinnerlicht haben und daran glauben“, sagte Zuddas zu Euronews.
„Manchmal finden sie innerhalb unserer Struktur selbst Lösungen. Ihr Spielverständnis erlaubt es uns, immer wieder neue Strategien und Varianten zu entwickeln, die uns Schritt für Schritt noch wettbewerbsfähiger machen“, erklärte er.
Fußball neu träumen
Klubpräsident Magsud Adigozalov sagt, der Weg in die Champions League beruhe eher auf Datenanalyse als auf hohen Ausgaben.
„Finanziell konnten wir mit vielen etablierten europäischen Klubs nicht mithalten. Deshalb mussten wir unsere eigenen Wettbewerbsvorteile finden“, sagte Adigozalov zu Euronews.
„Uns inspirierte die Moneyball-Philosophie. Sie zeigt, dass der intelligente Einsatz von Daten und ein cleveres Scouting einem Klub ermöglichen können, weit über seine finanziellen Möglichkeiten hinaus mitzuhalten“, erklärte er.
Trotzdem steht für Adigozalov der Mensch stets an erster Stelle.
„Fußballer sind in erster Linie Menschen, nicht Vermögenswerte oder Statistiken. Wir versuchen, ihnen hervorragende Trainings- und Lebensbedingungen zu bieten und sie und ihre Familien mit Respekt zu behandeln“, sagte Adigozalov.
Der Gesamtmarktwert des Kaders von Sabah FC wird auf rund 16,65 Millionen Euro geschätzt – weit entfernt von den 1,1 Milliarden Euro des FC Barcelona oder den 900 Millionen Euro von Manchester United.
Napoli-Innenverteidiger Benoît Badiashile, der gerade vom FC Chelsea gewechselt ist, hat in etwa denselben Marktwert wie der gesamte aserbaidschanische Kader.
Adigozalov bleibt davon unbeeindruckt und setzt vor allem auf harte Arbeit.
„Die Champions League ist das Ergebnis, das heute alle sehen. Besonders stolz macht uns das System, die Kultur und die Arbeit dahinter, die neun Jahre lang niemand gesehen hat.“
Mit der Qualifikation für die Hauptrunde erhält Sabah eine Grundsumme in Millionenhöhe aus direkten UEFA-Zahlungen, dazu Einnahmen aus Übertragungsrechten und neue Sponsoring-Möglichkeiten.
Langfristig, so Adigozalov, gehe es um die Erkenntnis, dass im Sport und besonders im Fußball nichts unerreichbar ist.
„Ein Junge oder ein Mädchen, das im Stadion sitzt und sieht, wie Barcelona oder Borussia Dortmund gegen Sabah spielt, beginnt vielleicht, anders über Fußball zu träumen“, sagte er.
„Wenn dieser Erfolg mehr Kinder zum Fußball bringt, mehr Familien in die Stadien lockt und den Glauben an den aserbaidschanischen Fußball stärkt, dann reicht seine Wirkung weit über Sabah selbst hinaus.“