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Shein-Börsendebüt floppt: Bedeutet das das Aus für Ultra-Fast Fashion?

Im Pariser Kaufhaus BHV hängen Kleidungsstücke von Shein, kurz vor der Eröffnung eines Shein-Standes am Dienstag, den vierten November 2025.
Kleidung der Marke Shein hängt im Kaufhaus BHV (Bazar de l'Hotel de Ville) in Paris, kurz vor der Eröffnung des Shein-Standes am Dienstag, vierter November 2025. Copyright  Copyright 2025 The Associated Press. All rights reserved.
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Von Liam Gilliver
Zuerst veröffentlicht am
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„Ein Modell, das den Markt täglich mit Tausenden neuer Billig-Styles flutet, überlebt nur, indem es die wahren Kosten auf Beschäftigte und Umwelt abwälzt.“

Sheins Ultra-Schnellmode-Imperium erlebt nach dem Börsengang einen drastischen Wertverfall.

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Die E-Commerce-Plattform mit Sitz in Singapur, die einen Großteil der Produktion nach China ausgelagert hat, scheiterte mit ihren Börsenplänen in London und New York. Investoren hatten Vorbehalte wegen der Lieferketten und massiver Kritik an den Umweltauswirkungen.

Daraufhin wich Shein an die Börse in Hongkong aus. Dort kam der Konzern am 1. September auf eine Bewertung von rund 27 Milliarden Dollar (etwa 23,24 Milliarden Euro). Das wirkt auf den ersten Blick wie ein großer Erfolg, liegt aber um 70 Prozent unter dem privaten Spitzenwert von fast 100 Milliarden Dollar (86 Milliarden Euro) im Jahr 2022.

Warum Sheins Börsengang floppt

„Kapitalmärkte handeln nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern reagieren auf handfeste finanzielle Risiken“, sagt die Nachhaltigkeitsexpertin und Gründerin des Tech-Unternehmens E&S Solutions Ildiko Almasi Simsic (Quelle auf Englisch) Euronews Earth.

„Sheins verschobene Börsennotierungen und die drastisch reduzierte Bewertung zeigen, dass Investoren ESG-Themen inzwischen als direkte Bedrohung für den Unternehmenswert sehen.“

Simsic argumentiert, dass ein Geschäftsmodell, das immer wieder mit Zwangsarbeit oder gefährlichen Chemikalien in Kleidung in Verbindung gebracht wird, ein „enormes Risikoprofil“ mit sich bringt.

Nach ihrer Einschätzung sind Umwelt- und Menschenrechtsfragen längst von der Sphäre der „Ethik“ in die der „Eigenkapitalbewertung“ gerückt – ein Wendepunkt für die Schnellmodebranche.

Doch was macht Shein so umstritten? Und können extrem billige, trendige Kleidungsstücke überhaupt jemals nachhaltig werden?

Sheins umstrittene Lieferketten

„Ultra-Schnellmode ist jahrelang gewachsen, weil sie extrem zergliederte, ausgelagerte Lieferketten genutzt hat. So blieben die Preise absurd niedrig und die Verantwortung weitgehend ausgelagert“, sagt Simsic Euronews Earth.

„Dieses Modell hat jedoch eine enorme strukturelle Schwachstelle geschaffen. Ein Unternehmen, das auf Tausende Subunternehmer in regulatorischen Grauzonen setzt, hat nicht nur ein organisatorisches Problem bei der Kontrolle der Lieferkette, sondern ein zentrales Geschäftsrisiko.“

Sheins Lieferkette steht seit Beginn in der Kritik. Eine Untersuchung der Umweltorganisation Greenpeace Deutschland (Quelle auf Englisch) ergab 2022, dass in sieben von 47 getesteten Shein-Produkten gefährliche Chemikalien über den EU-Grenzwerten lagen.

Damals räumte Shein die Belastung ein und versprach „erhebliche Verbesserungen“ beim Chemikalienmanagement.

Eine Untersuchung von 2025 zeigte jedoch, dass sich wenig getan hatte. Greenpeace kaufte 56 Kleidungsstücke von Shein in acht Ländern und ließ sie auf Schadstoffe analysieren. In 18 von 56 Fällen – also 32 Prozent – lagen die Werte über den EU-Grenzen, darunter auch Kinderkleidung.

Unter den gefundenen Stoffen waren unter anderem die Weichmacher Phthalate und wasser- sowie schmutzabweisende „Forever Chemicals“ (PFAS). Diese gefährlichen Chemikalien stehen im Verdacht, Krebs, Fortpflanzungsstörungen, Wachstumsstörungen bei Kindern und Immunschwächen zu verursachen.

Arbeiterinnen und Arbeiter in Produktionsländern sind den Stoffen oft ohne Schutz ausgesetzt, und Chemikalien werden ungeklärt in Gewässer und Böden eingeleitet,
Greenpeace
Globales Kampagnennetzwerk

„Auch Verbraucherinnen und Verbraucher sind gefährdet. Sie können über die Haut, durch eingeatmete Textilfasern in der Luft und – bei kleinen Kindern – durch das Nuckeln an belasteter Kleidung mit diesen Chemikalien in Kontakt kommen.“

2023 räumte Shein ein, in den ersten neun Monaten des Jahres zwei Fälle von Kinderarbeit in seiner Lieferkette entdeckt zu haben.

Das Unternehmen führte daraufhin neue Regeln ein: Verstöße mit Kinderarbeit oder Zwangsarbeit sollen seither zur sofortigen Kündigung von Verträgen führen.

„Beide Fälle seien rasch gelöst worden“, erklärte Shein damals. Man habe Verträge mit minderjährigen Beschäftigten beendet, ausstehende Löhne gezahlt, ärztliche Untersuchungen organisiert und die Rückkehr zu Eltern oder gesetzlichen Vormündern ermöglicht.

„Nach den entsprechenden Korrekturmaßnahmen durften die Zulieferbetriebe die Produktion wieder aufnehmen.“

Trotz der angekündigten Nulltoleranz bleiben die Sorgen über schlechte Arbeitsbedingungen groß. Eine BBC (Quelle auf Englisch)-Recherche von 2025 ergab, dass Beschäftigte entgegen chinesischem Arbeitsrecht rund 75 Stunden pro Woche an den Nähmaschinen sitzen.

Viele Beschäftigte berichteten dem Sender, sie hätten nur einen Tag im Monat frei. Üblich seien zwölfstündige Schichten ohne Pausen für Mittag- oder Abendessen, oft bis nach 22 Uhr.

Auch ein Bericht der Schweizer Organisation Public Eye von 2024 kommt zu dem Schluss, dass überlange Arbeitszeiten für viele Beschäftigte weiterhin Alltag sind – obwohl Shein nach früheren Enthüllungen Besserung gelobt hatte.

Kann Shein jemals nachhaltig werden?

Je näher Shein dem Börsengang kam, desto schärfer wurde der Blick auf sein Schnellmode-Modell.

Im Entwurf des Börsenprospekts war noch der Slogan „We believe in doing well by doing good“ zu lesen. Nach Angaben von Public Eye (Quelle auf Englisch) verschwand er aus der endgültigen Version.

Shein betont, das Bekenntnis zu nachhaltigem und verantwortungsvollem Wachstum sei „in die DNA“ des Geschäftsmodells eingewoben. Von den erwarteten Erlösen des Börsengangs sollen jedoch nur zehn Prozent in Nachhaltigkeit und Unternehmensverantwortung fließen.

Eine Untersuchung der internationalen Non-Profit-Organisation Rest of World (Quelle auf Englisch) ergab, dass Shein zwischen Juli und Dezember 2021 täglich zwischen 2.000 und 10.000 neue Artikelnummern – also einzelne Modelle – in seine App stellte.

Der Grund: Shein bestellt zunächst nur kleine Chargen jedes Kleidungsstücks, teils nur einige Dutzend Stück, und wartet die Reaktion der Kundschaft ab. Verkauft sich ein Artikel gut, werden schnell weitere Mengen nachbestellt.

„Ein Modell, das den Markt täglich mit Tausenden neuer Designs zu einstelligen Preisen überschwemmt, kann nur funktionieren, wenn es die wahren Kosten auf Arbeitskräfte und Umwelt abwälzt“, sagt Simsic.

„Billigpreise sind eine Illusion, die durch systematische Auslagerung entsteht. Wenn Kleidung für Bruchteile eines Cents pro Stich produziert wird, ist fairer Lohn praktisch ausgeschlossen – ebenso wie der Verzicht auf exzessige Überstunden und billige, erdölbasierte Kunstfasern.“

Die Expertin räumt ein, dass Effizienz und digitale Nachfrageprognosen Überproduktion begrenzen können. Die „physikalischen Grenzen der planetaren Ressourcen und grundlegende Menschenrechte“ lassen sich damit jedoch nicht umgehen.

„Ultraniedrige Preise und Nachhaltigkeit sind grundsätzlich nicht vereinbar“, sagt sie. „Das eine untergräbt zwangsläufig das andere.“

Überlebt Fast Fashion den wachsenden Druck?

Die Kritik an Shein geht inzwischen weit über Umweltverbände und Einzelpersonen hinaus. Anfang dieser Woche verabschiedete Frankreich ein Gesetz, das Unternehmen ins Visier nimmt, die große Mengen minderwertiger Kleidung zu Dumpingpreisen verkaufen.

„Die schädlichen Folgen der Ultra-Schnellmode für unsere Umwelt und unsere Wirtschaft sind bekannt und gut dokumentiert“, sagt Mathieu Lefevre, Frankreichs Minister für den ökologischen Wandel.

Nach dem Gesetz werden Unternehmen wie Shein nach zwei Kriterien bewertet: nach der Menge der in den Verkehr gebrachten Kleidung und danach, wie teuer Reparaturen im Verhältnis zum Kaufpreis sind.

Die Abgabe pro Stück richtet sich nach einer Skala, die aus den beiden Bewertungen gebildet wird. Schon in diesem Jahr müssen Unternehmen etwa 50 Cent Abgabe auf Unterwäsche zahlen, die als Ultra-Schnellmode gilt, zwei Euro für T-Shirts, neun Euro für Jeans und zwölf Euro für eine Jacke.

Bis 2030 kann die Abgabe auf bis zu 19,50 Euro pro Stück steigen, gedeckelt bleibt sie jedoch bei 50 Prozent des Preises vor Steuern.

Peking reagierte scharf und forderte Frankreich auf, das Gesetz fallen zu lassen. Es sei „klar diskriminierend“, da Shein und Plattformen wie Temu in Asien ansässig seien.

„Sollte Frankreich an diesem Kurs festhalten, wird China die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um die legitimen Rechte und Interessen chinesischer Unternehmen zu schützen“, sagt die Sprecherin des Handelsministeriums, Huang Ling. „Frankreich wird die volle Verantwortung für alle daraus entstehenden Folgen tragen.“

Simsic geht davon aus, dass große Fast-Fashion-Konzerne zwar auch unter solchen Gesetzen weiter bestehen können, ihre früheren Wachstumsraten aber kaum wieder erreichen werden.

Wir erleben einen klaren Wandel von freiwilliger Unternehmensnachhaltigkeit hin zu verbindlichem, durchsetzbarem Recht.
Ildiko Almasi Simsic
Nachhaltigkeitsexpertin

„Früher wurden Probleme mit Arbeitsrechten oder Funde giftiger Chemikalien oft über PR-Kampagnen oder Nachhaltigkeitsausschüsse auf Vorstandsebene abgefedert“, sagt sie. „Heute sind sie mit Gesetzen wie der EU-Richtlinie zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht und der erweiterten Herstellerverantwortung knallharte Compliance-Fragen, die mit Strafen von bis zu fünf Prozent des weltweiten Umsatzes geahndet werden können.“

Simsic fügt hinzu, dass Wachstum zwangsläufig nachlässt, wenn Verstöße durch hohe Bußgelder und Importverbote direkt auf das Ergebnis durchschlagen. Plattformen wie Shein haben dann keine Wahl, als diese Kosten einzupreisen – etwa durch hohe Investitionen in rückverfolgbare Lieferketten und sicherere Materialien.

Euronews Earth hat Shein um eine Stellungnahme gebeten.

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