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„Keine Zeit für Warnungen“: Experten analysieren Flut in Nepal

Ein nepalesischer Soldat blickt auf ein zwei Monate altes Baby, nachdem Retter sie und ihre Mutter in Dhunche im Distrikt Rasuwa aus Flutwasser befreiten.
Ein Soldat der nepalesischen Armee betrachtet ein zweimonatiges Baby, nachdem Helfer es und seine Mutter aus einem von Sturzfluten betroffenen Gebiet bei Dhunche in Rasuwa gerettet haben. Copyright  AP Photo/Umesh Karki
Copyright AP Photo/Umesh Karki
Von Ruth Wright mit AFP / AP
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Nepal stößt kaum Treibhausgase aus, leidet jedoch besonders stark unter den Folgen der Erderwärmung.

Mehr als 1.000 Tote, Tausende Menschen werden noch vermisst, das Ausmaß der menschlichen Tragödie nach den Überschwemmungen in Nepal steht außer Frage. Expertinnen und Experten schätzen, dass der Wiederaufbau bis zu ein Zehntel der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes kosten könnte.

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Nun fragen sich viele, was die Katastrophe ausgelöst hat. Und wie sich eine Verwüstung dieses Ausmaßes verhindern lässt, wenn solche, von Fachleuten als „beispiellos“ bezeichnete Ereignisse wieder passieren, denn sie rechnen damit.

Nepals Premierminister Balendra Shah macht den Klimawandel mitverantwortlich. „Die Flut im Fluss Bhote Koshi im Bezirk Rasuwa war keine gewöhnliche Überschwemmung. Sie war eine der großen Katastrophen der Region, ausgelöst durch eine Lawine aus Schnee und Eis im Himalaya“, erklärte er.

In seinem Beitrag in sozialen Netzwerken fügte Shah hinzu: „Es ist nun an der Zeit, gegenüber der internationalen Gemeinschaft mit Nachdruck auf die Katastrophen hinzuweisen, die wir infolge des Klimawandels erleben.“

Es liegt nahe, dass er damit vor allem die wohlhabenden, industrialisierten Staaten meint, die für den Großteil der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich sind, anders als das überwiegend ländlich geprägte Nepal.

„Nepal zahlt den Preis für eine Krise, die das Land nicht verursacht hat. Jetzt ist der Moment, in dem Staaten nicht nur begreifen müssen, wie sehr Klimafolgen Gesellschaften ins Chaos stürzen können, sondern auch, wie dringend Klimaschutz zur zentralen Säule ihrer Entwicklungspolitik werden muss“, sagt Aarti Khosla, Direktorin der Forschungsberatung Climate Trends.

Ein nepalesischer Polizeibeamter steht neben einer Reihe von Leichen, Opfer einer Sturzflut, die in einem Massengrab zur Bestattung in Kathmandu, Nepal, aufgebahrt sind, Dienstag, dem ersten September 2026.
Ein nepalesischer Polizeibeamter steht neben einer Reihe von Leichen, Opfer einer Sturzflut, die in einem Massengrab zur Bestattung in Kathmandu, Nepal, aufgebahrt sind, Dienstag, dem ersten September 2026. AP Photo/Dar Yasin

Nepal-Flut: was die Katastrophe auslöste

Am 26. August riss eine plötzliche Flut den Distrikt Rasuwa in Nepal mit sich. Zuvor hatte sich ein riesiger Block aus Gletschereis und Fels in rund 5.200 Metern Höhe gelöst und war etwa 1.200 Meter in das Tal gestürzt.

Das in Kathmandu ansässige zwischenstaatliche Zentrum International Centre for Integrated Mountain Development (ICIMOD) kommt nach ersten Analysen zu dem Schluss, dass die Flut höchstwahrscheinlich von einer Eis-Fels-Lawine ausgelöst wurde und nicht von einem Ausbruch eines Gletschersees.

Zu beachten ist, dass sogenannte Attributionsstudien Monate dauern. Forschende rekonstruieren noch immer die genaue Abfolge der Ereignisse und prüfen, ob langfristige Veränderungen wie der Abbau von Permafrost und eine Destabilisierung der Felshänge eine Rolle gespielt haben.

Gletscher im Zentrum der Katastrophe zieht sich seit Jahrzehnten zurück

Inzwischen ist klar, dass der Gletscher, der in Nepal kollabierte, sich bereits seit Jahrzehnten zurückzieht, ähnlich wie viele Gletscher in Europa.

„Der betroffene Gletscher hat sich zwischen 1990 und 2020 um rund 450 Meter zurückgezogen. Damit könnte die mechanische Stützwirkung des Eises für den darunterliegenden Felshang deutlich abgenommen haben“, sagt Professorin Maria Shahgedanova, Klimaforscherin an der University of Reading im Vereinigten Königreich, die die Folgen des Klimawandels für Gebirgsgletscher untersucht.

Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass der Klimawandel Gletscher weltweit schrumpfen lässt und damit das Risiko solcher Unglücke erhöht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler berichten, dass das Himalaya-Gebirge, das höchste Gebirge der Erde, Eis schneller verliert als der globale Durchschnitt.

„Die Ereignisse zeigen, wie klimabedingte Veränderungen in der Kryosphäre die Rahmenbedingungen verändern und Naturgefahren in Hochgebirgsregionen für die dort lebenden Menschen noch riskanter machen. Verhindern lassen sich solche Ereignisse nicht, aber ihre Folgen können durch systematische Gefahrenanalysen und kontinuierliche Beobachtung verringert werden“, erklärt Shahgedanova.

UN-Generalsekretär António Guterres warnte bei einem Besuch in Nepal im Jahr 2023, dass die Himalaya-Region mit rasant schmelzenden Gletschern ringt und dass die „Dächer der Welt einstürzen“.

Frühwarnsysteme in Nepal: hätten sie geholfen?

Für die Angehörigen der Opfer mag es ein kleiner Trost sein, dass Fachleute davon ausgehen, die Katastrophe wäre „sehr schwer“ vorherzusagen gewesen. Dennoch hätte bessere Vorsorge Leben retten können.

„Dies war eine beispiellose und völlig unerwartete Katastrophe. Es gab schlicht keine Messdaten und keine Zeit, um eine Warnung auszugeben. Die Gefahr setzte abrupt ein und ließ sich mit herkömmlichen Warnsystemen nicht erfassen“, sagt Dr. Farooq Azam, leitender Kryosphären-Experte und Einsatzleiter bei ICIMOD. „Bei solchen Fels-Eis-Lawinen ist es äußerst schwierig, ein Warnsystem aufzubauen, weil die Bruchstellen oft unter dem Fels oder unter dem Gletscher liegen und selbst mit Satellitenbildern oder mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind.“

Nepal nach der Flut: was das Land für besseren Katastrophenschutz tun muss

Nach Einschätzung von ICIMOD gibt es drei kurzfristige Prioritäten, um die Region besser auf klimabedingte Katastrophen vorzubereiten. Erstens braucht es klare Regeln zur Nutzung von Flächen, besonders in der Nähe von Flüssen, Hängen und Gebirgen.

Zweitens sollten Behörden bereits vor dem Bau mithilfe von Umweltverträglichkeitsprüfungen analysieren, wie die Umgebung auf neue Infrastruktur wirken kann. Sie müssen dabei auch berücksichtigen, wie sich veränderte Umweltbedingungen im Laufe der gesamten Lebensdauer dieser Bauwerke auswirken könnten.

Drittens sollte traditionelles indigenes Wissen wieder fester Bestandteil der Risikoplanung werden. Früher siedelten viele Gemeinschaften auf höher gelegenem Terrain und fernab der Flussläufe. Neuere Bebauung rückt dagegen immer näher an die Ufer und teils sogar auf ehemalige Flussbetten. Nach Ansicht von ICIMOD muss das Wissen der indigenen Bevölkerung die heutige Katastrophen- und Flächennutzungsplanung mitprägen.

„Wenn diese erschütternde Tragödie Staaten dazu bringt, den Bedarf an einem gemeinsamen Vorgehen zu erkennen, an Anpassung und Resilienz, an Frühwarnsystemen und grenzüberschreitender Beobachtung, wäre das ein Fortschritt für die Menschheit in der zerrissenen Weltordnung, in der wir heute leben“, sagt Khosla.

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