Die Renditen langfristiger europäischer Staatsanleihen verharren nahe den Höchstständen seit Jahrzehnten. Sorgen über Inflation und Zinsen treiben die Verkäufe.
Die Renditen von Staatsanleihen sind in dieser Woche erneut kräftig gestiegen, einige liegen so hoch wie zuletzt in der globalen Finanzkrise. Die Eskalation im Nahen Osten dürfte die Energiepreise – und damit die Inflation – auf hohem Niveau halten.
Da kein Ende des Konflikts in Sicht ist, stellen sich Anleger auf eine neue Inflationswelle ein. Sie rechnen mit zusätzlichem Druck auf die Notenbanken, die Geldpolitik weiter zu straffen und Kredite damit noch teurer zu machen.
Die Aussichten für das Ölangebot haben sich weiter eingetrübt, nachdem die von Iran unterstützten Huthi-Rebellen in Jemen mehrere saudische Energieziele getroffen und Kurs auf die Bab-al-Mandab-Straße genommen haben.
Die Wasserstraße gilt als zentrale Ausweichroute für den weltweiten Energietransport. Die Straße von Hormus bleibt de facto geschlossen, und die Gefechte zwischen US-Streitkräften und Iran lassen nicht nach.
Die internationale Referenzsorte Brent kostet in den vergangenen Tagen mehr als 100 Dollar je Barrel. Am Freitagmorgen notiert der Frontmonat knapp unter 106 Dollar je Barrel.
In Europa sind die staatlichen Finanzierungskosten rasant gestiegen, nachdem die Europäische Zentralbank am Donnerstag die Zinsen angehoben und den Einlagensatz von 2,25 % auf 2,5 % erhöht hat. Sie warnte zugleich, die Inflation könne „für längere Zeit deutlich über dem Zielwert liegen“.
Die höhere Inflationsprognose und der schärfere Ton der EZB haben die Erwartungen an weitere Zinserhöhungen steigen lassen.
Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe liegt am Freitagmorgen bei rund 3,5 %. Die entsprechende französische Anleihe rentiert mit etwa 4,44 % und damit 94 Basispunkte höher. Italienische Zehnjährige bringen rund 4,37 %, spanische knapp 3,96 %.
In Großbritannien geht die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe am Freitag in Richtung 5,35 %, da die Energiepreise von den Höchstständen am Donnerstag zurückkommen und die Märkte auf einen wichtigen US-Inflationsbericht warten.
Am Donnerstag hatte die Rendite der zehnjährigen Gilts 5,378 % erreicht – den höchsten Stand seit 2007. Die Renditen der zwanzig- und dreißigjährigen Gilts stiegen auf 5,895 % beziehungsweise 5,948 %, so hoch wie zuletzt 1998.
Zugleich erreichen die Renditen langfristiger US-Staatsanleihen neue Mehrjahreshochs. Zuvor hatten Daten einen Anstieg der US-Großhandelsinflation gezeigt und die Erwartung befeuert, dass die US-Notenbank Federal Reserve in der kommenden Woche die Zinsen anhebt.
Die Rendite der dreißigjährigen US-Staatsanleihen steigt am Freitag über 5,38 % und erreicht damit den höchsten Stand seit 2007. Die Rendite der zehnjährigen Treasuries nähert sich der viel beachteten Fünf-Prozent-Marke und liegt am Freitagmorgen in Europa bei rund 4,95 %, nahe dem höchsten Niveau der vergangenen drei Jahre.
Zusätzlichen Druck bringt eine Rückkaufaktion des US-Finanzministeriums: Es erwarb Staatsanleihen im Volumen von 5,2 Milliarden Dollar (4,5 Milliarden Euro) zurück – weniger als die Obergrenze von 6 Milliarden Dollar und nicht einmal die Hälfte der 10,5 Milliarden Dollar, die Anleger angeboten hatten.
In Asien steigt die Rendite der zehnjährigen japanischen Staatsanleihe auf rund 2,98 %. Damit liegt sie knapp unter der Drei-Prozent-Marke, die sie Anfang dieses Monats erstmals seit 1996 erreicht hatte.
KI-Schuldtitel konkurrieren um Anlegergelder
Regierungen müssen um Kapital werben, während gleichzeitig enorme Mengen KI-bezogener Schuldtitel an die globalen Märkte kommen.
Große Cloud-Anbieter wie Alphabet und Amazon haben laut LSEG-Daten, auf die sich Reuters beruft, in diesem Jahr bereits mehr als 200 Milliarden Dollar (172 Milliarden Euro) an Schulden aufgenommen – mehr als doppelt so viel wie im gesamten vergangenen Jahr.
Eine breiter gefasste Schätzung von Goldman Sachs, die auch Schulden im Zusammenhang mit Rechenzentren und anderer KI-Infrastruktur einbezieht, setzt das KI-bezogene Emissionsvolumen bis Anfang August auf nahezu 500 Milliarden Dollar (431 Milliarden Euro).
US-Technologiekonzerne wenden sich zunehmend dem Anleihemarkt der Eurozone zu, um ihre Investitionen zu finanzieren. Laut einem EZB-Blogbeitrag vom 31. August könnten ihre gesamten Investitionsausgaben bis 2028 mehr als 1 Billion Dollar (862 Milliarden Euro) erreichen.
Der Euro macht inzwischen knapp zehn Prozent der ausstehenden Anleihen dieser Hyperscaler aus. Ihr Auftauchen verschafft europäischen Anleiheinvestoren einen größeren Zugang zu Technologiewerten.
Das ist besonders bemerkenswert, weil Technologie in den Anleiheindizes der Eurozone nur einen deutlich kleineren Anteil hat: Ihr Gewicht beträgt ungefähr ein Drittel des Anteils in vergleichbaren US-Indizes.
EZB-Fachleute warnen, dass die wachsende Präsenz der Hyperscaler die Finanzierungskosten in verschiedenen Branchen langfristig nach oben treiben könnte. Anleger könnten andere Anleihen verkaufen oder meiden, um in großvolumige Emissionen von Technologiekonzernen zu investieren – und damit konkurrierende Emittenten zu höheren Renditen zwingen.
Dieser Druck könnte sich demnach auch auf Staats- und supranationale Anleihen ausweiten. Bisher sehen die Forschenden jedoch keine entsprechenden Spillover-Effekte in der Eurozone. Sie führen das auf den bislang noch begrenzten Umfang der Emissionen großer Tech-Konzerne und die Widerstandskraft der Staatsanleihemärkte zurück.