Euronews Farsi sprach exklusiv mit Autofahrern, Kleinunternehmern und Angestellten über ein Leben, in dem Spritpreise über Nacht explodieren und Grundnahrungsmittel unbezahlbar werden.
Sechs Monate nach Ausbruch des Krieges zwischen den USA und der Islamischen Republik Iran erreicht die wirtschaftliche Krise im Land ein Ausmaß, das es so noch nicht gegeben hat.
Die Bevölkerung hat jahrzehntelange internationale Sanktionen bisher irgendwie überstanden. Nun lähmt die Kombination aus anhaltendem Krieg und wiederaufgenommener US-Flottenblockade das Alltagsleben. Die Landeswährung stürzt historisch ab und zwingt Familien zu drastischer Haushaltskürzung.
Am Mittwoch bekräftigte US-Präsident Donald Trump die Linie Washingtons, als er für einen Flug nach Dallas in die Air Force One stieg.
„Es geht ihnen sehr schlecht. Ihr Land ist jetzt zerstört“, sagte Trump vor Journalisten. „Wie Sie an den Zahlen sehen, liegt ihre Inflation bei 300 Prozent.“
Nach Daten des freien Devisenmarkts setzte der iranische Rial seinen starken Kursverfall fort. Der Kurs sank von rund 1,45 Millionen Rial je US-Dollar im März 2026 auf über 2,1 Millionen Rial Anfang September.
Die jüngsten Erschütterungen haben den Devisenmarkt in den vergangenen zehn Tagen besonders hart getroffen. Bis Donnerstag überschritt der freie Dollar-Kurs mühelos 234.000 Toman (2,34 Millionen Rial), der Euro kletterte auf ein Rekordhoch von 273.000 Toman (2,73 Millionen Rial).
Irans offizielle Währung ist der Rial. Im Alltag rechnen die meisten Menschen jedoch in Toman – eine umgangssprachliche Einheit, die zehn Rial entspricht. Geschäfte, Restaurants und Immobilienanzeigen geben Preise fast nur in Toman an.
Das bedeutet einen weiteren Rückgang gegenüber Anfang September, als der Rial seit März bereits mehr als 63 Prozent seines Werts gegenüber dem Dollar eingebüßt hatte. Damals hatte der Präsident der Zentralbank eine Liquiditätsspritze von 2 Milliarden US-Dollar angekündigt und zugleich eingeräumt, dass die galoppierende Inflation „schwere Belastungen für den Lebensunterhalt der Menschen“ bringt.
Korruption im Inland und Verdopplung der Benzinpreise
Die Regierung in Teheran macht die Krise häufig allein äußeren Druck verantwortlich. Einige politische Akteure im Inland räumen jedoch strukturelle Defizite im eigenen System ein.
Hassan Ghashghavi, Sprecher der Nationalen Sicherheits- und Außenpolitikkommission des iranischen Parlaments, gesteht, dass interne Fehlsteuerung der wichtigste Motor der Krise bleibt.
„Beim Thema Wirtschaft müssen wir nach innen schauen“, sagte Ghashghavi. „Ungerechtigkeit – insbesondere bei der Verteilung und der Konzentration von Vermögen bei einer winzigen Elite im Vergleich zur großen Mehrheit – zusammen mit weit verbreiteter finanzieller Korruption und eigennützigen Fraktionen beeinträchtigt unsere Wirtschaft weit stärker als die Vereinigten Staaten.“
„Erhebungen vor und nach dem zwölf Tage dauernden Konflikt mit Israel im Juni 2025 zeigen: Trotz harter Blockaden gehen etwa 35 bis 65 Prozent unserer nationalen Wirtschaftsprobleme auf innere Ursachen zurück“, fügte er hinzu.
„Fehlende Planung, das Versagen der drei Staatsgewalten, ihre Aufgaben richtig zu erfüllen, und interne Fehlentscheidungen machen einen großen Anteil aus. Nur etwa 35 Prozent der Probleme wurzeln in der Außenpolitik und den US-Sanktionen.“
Zusätzlich zur bestehenden Not hat die Regierung am Dienstag die Benzinpreise schlagartig um 100 Prozent erhöht.
Im neuen Rationierungssystem erhalten Fahrzeughalter monatlich 60 Liter zum Preis von 1.500 Toman pro Liter sowie weitere 50 Liter ohne Subvention zu 3.000 Toman pro Liter.
Verbrauch über diese Menge hinaus kostet 10.000 Toman pro Liter. Tankkarten sind strikt an Einzelpersonen gebunden, Haushalte mit mehr als einem Auto bekommen also nur eine Monatszuteilung.
Augenzeugen aus mehreren großen iranischen Städten berichten von einem massiven Sicherheitsaufgebot an Tankstellen, das mögliche Proteste nach der Preiserhöhung verhindern soll.
Der neue Preis von 10.000 Toman pro Liter – umgerechnet nur wenige Euro-Cent – wirkt im Vergleich zu anderen Waren noch relativ niedrig. In Iran ist das Thema jedoch besonders heikel, weil Benzinpreise traditionell eng mit Protesten und sozialen Unruhen verknüpft sind.
Praktisch bedeutet das: Wer im Monat rund 100 Euro verdient, empfindet selbst 4 Euro-Cent pro Liter als teuer – zumal in einem Land mit großen Ölreserven.
Ein aufschlussreicher Vergleich ist der Preis von abgefülltem Wasser. Eine 1,5-Liter-Flasche Mineralwasser kostet derzeit rund 20.000 Toman oder mehr. Im Netz machen daher Witze die Runde, es sei inzwischen günstiger, Benzin zu trinken als Wasser.
Fahrdienstfahrer unter Druck: Inflation frisst feste Fahrpreise
Der Sprung bei Spritkosten und Betriebsausgaben setzt der iranischen Plattformwirtschaft schwer zu, besonders Fahrdienste wie Snapp und Tap30 – das iranische Pendant zu Uber.
Mehdi, hauptberuflicher Snapp-Fahrer in Teheran, sagte Euronews Farsi, dass er bei acht Stunden Fahrzeit am Tag etwa 200 Kilometer zurücklegt und auf dem Papier rund 65 Millionen Toman (236 Euro) im Monat erwirtschaftet.
Doch Firmenprovision, Kraftstoff, Öl und der starke Verschleiß des Autos fressen davon sofort fast 30 Millionen Toman (109 Euro). Übrig bleiben ihm netto nur 35 Millionen Toman (127 Euro) im Monat.
„Mit der Benzinpreiserhöhung müssten die Fahrpreise eigentlich um 30 Prozent steigen“, erklärt Mehdi. „Snapp weigert sich aber, sie anzupassen, weil die Fahrgäste das nicht bezahlen können und sonst zu klassischen Taxiagenturen zurückkehren würden.“
„Die Zahl aktiver Fahrer bei Snapp sinkt schnell, weil die aktuellen Tarife die Kosten nicht mehr decken. Einige bitten die Fahrgäste um direkte Kartenzahlungen, um die App-Preise zu umgehen. Die meisten Passagiere melden solche Versuche jedoch der Firma.“
Für Fahrer wie Mahmoud, der für Tapsi unterwegs war, brachte der Ausbruch des offenen Krieges die Geschäfte praktisch zum Erliegen. Während der 40 Tage aktiver Kampfhandlungen und noch Wochen nach dem Waffenstillstand brachen die Fahrtenanfragen ein.
„Bis zum Frühsommer zog die Nachfrage wieder leicht an – eine Fahrt von Aryashahr nach Sattarkhan kostete etwa 120.000 Toman (0,43 Euro), eine Querfahrt durch die Stadt von der Dowlat-Straße zum Sepah-Platz lag bei 300.000 Toman (1,09 Euro)“, sagte Mahmoud Euronews Farsi.
„Doch die Lebensmittelpreise steigen viel schneller als die Fahrpreise. Die Fahrer legen die Tarife nicht fest – das macht das Management der Unternehmen.“
Kampf um einen Sack Reis
Selbst Beschäftigte aus der Mittelschicht mit relativ sicheren Firmengehältern verlieren Kaufkraft schneller, als die Löhne steigen.
Samaneh, Angestellte eines privaten Energiekonzerns mit Schwerpunkt Öl, Gas und Solar, sagte Euronews Farsi, ihr Unternehmen zahle die Gehälter regelmäßig und habe in diesem Jahr eine anständige Erhöhung gewährt. Die rasende Inflation habe die Wirkung jedoch binnen weniger Wochen zunichtegemacht.
„In den ersten zwei Monaten des Jahres hat mein Lohn gereicht“, berichtet Samaneh. „Danach musste ich anfangen, bei grundlegenden Dingen zu sparen.“
„Noch vor zwei Monaten haben 18 Millionen Toman (65 Euro) einen Monatsvorrat an Hähnchen, Fleisch und einfachen Hygieneartikeln gedeckt. Heute reicht derselbe Betrag dafür bei weitem nicht mehr“, erklärt sie.
„Ich greife inzwischen zu minderwertigen Produkten, kaufe angeschlagenes Obst oder Fleisch auf kommunalen Großmärkten, nur um über die Runden zu kommen.“
„Jemand mit einem Grundgehalt von 30 Millionen Toman (109 Euro), der zusätzlich Miete zahlt, kann sich selbst Lebensmittel in niedrigster Qualität nicht mehr leisten“, resümiert Samaneh.
Die Krise trifft Ruheständler mit festen Pensionen noch härter. Ladan, pensionierte Gymnasiallehrerin in Kerman, erklärt, dass eine erfahrene Lehrkraft nach Steuern und Versicherungen etwa 25 Millionen Toman (90 Euro) im Monat erhält.
Um über die Runden zu kommen, arbeiten viele Lehrkräfte zusätzlich in Privatschulen. So steigt das maximale gemeinsame Haushaltseinkommen auf rund 50 Millionen Toman (181 Euro). Ladan sagt, selbst das reiche kaum für zwei Personen – von Familien mit studierenden Kindern ganz zu schweigen.
„Früher bin ich in den Großmarkt gefahren und habe problemlos zwei 10-Kilogramm-Säcke Reis gekauft. Heute kämpfe ich, um überhaupt einen zu bezahlen“, sagte Ladan Euronews Farsi.
„Gestern Abend hat ein mittelgroßer Sack iranischen Reis mittlerer Qualität 4 Millionen Toman (14,50 Euro) gekostet. Die Hälfte habe ich mit meiner staatlichen Unterstützungs-Kreditkarte (Kalabarg) bezahlt, den Rest aus der eigenen Tasche“, fügte sie hinzu.
„Wir verreisen nicht mehr, wir geben keine Abendessen mehr für Gäste, und ich bin von Flüssigwaschmittel auf billiges Pulver umgestiegen.“
„Ich weiß nicht, ob die Regierung stürzt oder nicht“, sagt Ladan mit Blick auf die Lage des Landes. „Aber bei dieser wirtschaftlichen Situation zerfällt das Land.“
Kleine Betriebe leiden unter einbrechender Nachfrage
Der drastische Rückgang der Kaufkraft trifft kleine Geschäftsleute in den Vororten besonders hart. Steigende Zutatenpreise haben ihren Gewinn vielerorts vollständig aufgezehrt.
Hashem, Betreiber eines Schnellimbisses in einer Arbeiterstadt bei Teheran, berichtet, dass die Preise für zentrale Zutaten seit Kriegsbeginn explodiert sind.
Der Preis für Pizzakäse ist von 180.000 Toman pro Kilogramm auf 750.000 Toman (2,72 Euro) gestiegen, hochwertiger Käse kostet inzwischen 880.000 Toman (3,20 Euro).
Einzelne Portionspäckchen mit Soßen sind von 700 Toman auf mehr als 8.300 Toman pro Stück geklettert, einfaches Sandwich-Verpackungspapier hat sich im Preis verdreifacht.
„Früher habe ich eine einfache Pizza für 130.000 Toman verkauft, jetzt muss ich 300.000 Toman (1,09 Euro) verlangen“, erklärt Hashem.
„Unser täglicher Umsatz wirkt auf dem Papier höher, weil alles teurer ist. Tatsächlich hat sich die Gewinnspanne halbiert, und gleichzeitig ist meine Kundschaft um 50 Prozent eingebrochen.“
Hashem ist überzeugt, dass neue Proteste unvermeidlich sind, falls sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechtert – trotz des hohen Risikos staatlicher Repression.
„Die Menschen sind hungrig“, sagt Hashem. „Und wenn Menschen hungern, zählt für sie nichts anderes mehr.“