Eine exklusive Recherche von Euronews Farsi zeigt, wie die erneuerte US-Seeblockade Irans Handel lähmt, 70 % Inflation anheizt und Familien in den Überlebensmodus zwingt. Vom festsitzenden Frachter bis zum leeren Esstisch: Iranerinnen und Iraner berichten von der wachsenden Notlage.
Knapp sechs Monate nach Ausbruch der militärischen Auseinandersetzungen mit den USA, Israel und der Islamischen Republik Iran hat eine wieder eingesetzte US-Seeblockade vor der Südküste Irans die wichtigsten Handelsadern des Landes nahezu lahmgelegt.
Nach einer kurzen, einmonatigen Pause infolge des Islamabad-Memorandums greifen die Kontrollen auf See seit Mitte Juli wieder. Seitdem würgt die Blockade im Persischen Golf mehr als 80 Prozent der schweren Importe und der Nicht-Öl-Exporte Irans ab.
Die offizielle Inflationsrate nähert sich 70 Prozent, die Lebensmittelpreise steigen von Monat zu Monat um bis zu 128 Prozent – ein historischer Höchststand. Gleichzeitig ist der Nicht-Öl-Handel im Vergleich zur Zeit vor dem Krieg um fast 40 Prozent eingebrochen. Die Last trägt die Bevölkerung, die mit immer drückenderen Kosten kämpft.
In einer exklusiven Interviewserie mit Euronews Farsi berichten Iranerinnen und Iraner aus unterschiedlichen Branchen, wie die Blockade ihre Existenzgrundlagen zerstört, sie zu strenger Sparsamkeit im Haushalt zwingt und den Alltag verändert.
Blockade im Persischen Golf: Fracht bleibt liegen, Preise schießen in die Höhe
Die Seeblockade trifft vor allem die Logistiknetze, die auf südliche Häfen wie Bandar Abbas angewiesen sind. Gisoo, eine 45-jährige Spezialistin für internationale Schifffahrt in Teheran, arbeitet direkt mit Containertransporten.
„Seit Beginn des Krieges erreicht vielleicht eines von zehn Frachtschiffen, die aus China auslaufen, überhaupt Iran“, sagt Gisoo gegenüber Euronews.
„Container, die früher in 35 Tagen ankamen, stecken jetzt monatelang in Hongkong, Karatschi oder Dschabal Ali fest. Häfen in den Vereinigten Arabischen Emiraten lassen iranische Dhows nicht mehr anlegen.“
Die Frachtraten zur See sind von 3.000 auf fast 10.000 Dollar pro Container gestiegen. Der Landtransport aus China kostet inzwischen mindestens 16.000 Dollar. Umleitungen über den türkischen Hafen Mersin erzeugen neue Engpässe: Lieferungen bleiben wochenlang liegen, dabei fallen Lagergebühren immer weiter an.
Auf den Landrouten müssen die Waren mehrfach be- und entladen werden. Empfindliche Güter nehmen dabei oft Schaden.
Da Gisoos Einkommen von Provisionen pro abgeschlossenen Transport abhängt, sind ihre Einnahmen massiv eingebrochen, erzählt sie.
Mit Blick auf mögliche politische Folgen glaubt sie nicht an einen schnellen Systemwechsel. Die Erinnerung an frühere harte Niederschlagungen halte viele Menschen davon ab, auf die Straße zu gehen, sagt sie.
Wüstengrenzen und Wartungschaos
Da über Bandar Abbas statt tausender Lkw-Ladungen pro Tag nur noch ein dünner Strom läuft, weichen Fahrer auf schlecht ausgestattete Grenzübergänge wie Rimdan an der Grenze zu Pakistan aus.
Aras, ein 60-jähriger Fernfahrer aus Kermanschah, beschreibt den Übergang Rimdan als weitgehend rechtsfrei.
„Bandar Abbas ist tot. Ladungen aus Pakistan kommen jetzt über Rimdan, aber dort fehlt jede grundlegende Infrastruktur – keine Anlagen, keine Staubbindung, nur extreme Hitze“, sagt Aras gegenüber Euronews Farsi.
„Ein Transport von Rimdan nach Teheran bringt rund 250 Millionen Toman (1.086 Euro), doch nur wenige Fahrer sind bereit zu fahren.“
Aras schildert, wie seine laufenden Kosten für die Fahrzeugpflege unter der Blockade explodieren. Ein Paar Reifen für einen schweren Lkw kostete vor dem Krieg 35 Millionen Toman (152 Euro), heute sind es 250 Millionen Toman (1.086 Euro).
Auch die regelmäßige Wartung ist kaum noch zu stemmen. Ein einfacher Ölwechsel stieg von sechs Millionen Toman (26 Euro) auf 21 Millionen Toman (91 Euro). Die Inspektion neuerer Lkw-Modelle liegt inzwischen bei bis zu 70 Millionen Toman (304 Euro) pro Termin.
Benötigte Ersatzteile für moderne Lastwagen sind praktisch vom Markt verschwunden. Defekte Fahrzeuge bleiben komplett außer Betrieb, warnt Aras.
Hält die Blockade noch zwei Monate an, rechnet er mit flächendeckenden Versorgungsengpässen im Inland. Wenn wirtschaftlicher Druck Familien an den Rand des Verhungerns drängt, erwartet er breite Proteste, die den Status quo aufbrechen könnten.
Leere Märkte, kleinere Mahlzeiten
Die Blockade schwächt die Kaufkraft der Verbraucherinnen und Verbraucher deutlich. Preise für Grundnahrungsmittel und lebenswichtige Medikamente steigen spürbar.
Mansour, ein 40-jähriger Automechaniker und Vater von zwei Kindern in Teheran, berichtet Euronews Farsi, dass der Andrang in den Lebensmittelgeschäften deutlich zurückgeht. Viele müssten jede Ausgabe streichen, die nicht absolut notwendig ist.
Seine eigene Familie kauft kaum noch Fleisch, Huhn und Reis. Stattdessen lebt sie überwiegend von Mahlzeiten auf Brot-Basis, erzählt er.
In seiner Werkstatt ist der Preis für einfaches Motoröl von 1,8 auf 2,8 Millionen Toman (12 Euro) gestiegen. In den vergangenen zwei Wochen kamen fast keine Kundinnen und Kunden mehr, sagt Mansour.
Er rechnet damit, dass die Blockade neue Proteste auslöst, erwartet jedoch ein massives Vorgehen der Sicherheitskräfte.
Hamid, ein 46-jähriger Schuhhändler in Teheran, spürt die Folgen des Handelsstopps fast sofort.
„Die Wirkung der Blockade ist total. Wichtige Medikamente, etwa für Hämophilie, sind nahezu nicht mehr aufzutreiben“, sagt Hamid gegenüber Euronews Farsi.
„Der Sprung bei Treibstoff- und Transportkosten trifft Millionen Menschen, die mit Fahrdiensten wie Snapp ihre Familien ernähren.“
„Wenn die arbeitende Bevölkerung nicht einmal mehr Brot für ihre Kinder bezahlen kann, wird der Druck unbeherrschbar“, sagt Hamid gegenüber Euronews.
Das weithin sichtbare Elend auf den Straßen Teherans belastet ihn schwer. Er fürchtet die Härten einer anhaltenden Blockade, sieht grundlegende Veränderungen jedoch als einzigen Ausweg aus der tiefen wirtschaftlichen Lähmung.
Kleine Betriebe stehen vor der Pleite
Auch Firmen, die überwiegend mit heimischen Waren arbeiten, geraten durch indirekte Schocks in den Lieferketten unter Druck.
Mohammad, ein 40-jähriger Restaurantbesitzer außerhalb Teherans, sagt Euronews Farsi, dass er seit Beginn von Krieg und Blockade rund 60 Prozent seiner Kundschaft verloren hat.
Importiertes Rindfleisch und Reis sind vom Markt verschwunden. Deshalb steigen die Preise für heimisches Fleisch und andere Grundprodukte deutlich, erklärt er.
Zugleich verteuern höhere Plastikpreise die Getränke. Die monatlichen Strom- und Wasserrechnungen seines Lokals sind auf zehn Millionen Toman (43,40 Euro) geklettert.
Um die verbliebenen Gäste zu halten, bietet er einen Teller Kubideh mit Rindfleisch für 500.000 Toman (2,17 Euro) an – praktisch ohne Gewinn, wie er einräumt.
Mehrere Restaurants in seiner Nachbarschaft haben bereits geschlossen, weil sie Miete und Strom nicht mehr bezahlen konnten, berichtet Mohammad.
Setzt sich die Blockade bis zum Jahresende fort, droht unabhängigen Betrieben aus seiner Sicht die vollständige Insolvenz. Er rechnet damit, dass die weiter steigenden Kosten innerhalb weniger Monate erneut zivile Proteste auslösen.