Schlechte Ernte in der Taiga, explodierende Bärenpopulation: Eine gefährliche Mischung treibt Russlands Braunbären in menschliche Siedlungen. In mehreren Regionen gilt Ausnahmezustand.
Die Konfliktzone zwischen Mensch und Bär erstreckt sich inzwischen über fast die Hälfte Russlands. Seit Monaten dringen die Tiere in alle elf Regionen des Fernen Ostens, neun Regionen Sibiriens, acht Gebiete an der Wolga und fünf im Ural vor. Inzwischen erreichen sie sogar den Nordwestlichen Föderationskreis, darunter die Regionen Leningrad, Nowgorod und Archangelsk.
Die Bilanz des Sommers und des frühen Herbstes fällt düster aus: elf Tote, Dutzende Verletzte, Hunderte erschossene Raubtiere und Dauerstress für die Rettungsdienste. Aus Ostsibirien kommen Meldungen über Angriffe fast täglich. Am 15. September entkam ein Rentner in Burjatien nur knapp einem wütenden Bären, als er am Fluss spazieren ging. Er rettete sich auf einen Baum und traute sich erst herunter, nachdem Spezialisten der Behörde Burprirodnadsor das Tier erschossen hatten.
Dieser Fall ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einer viel größeren Entwicklung. Nach Angaben der Behörde gingen allein in den vergangenen 24 Stunden 24 Meldungen von Bewohnern der Republik ein, die Bären in Wohngebieten oder in der Nähe von Schulen gesehen hatten. Innerhalb eines Tages erschossen staatliche Jagdaufseher neun Bären in verschiedenen Regionen Burjatiens. Insgesamt kamen in dieser Saison in der Region bereits 158 Tiere durch Abschuss ums Leben.
Im Gebiet Krasnojarsk mussten Einsatzkräfte an zwei Tagen, am neunten und zehnten September, rund 80 Bären erschießen, die versucht hatten, in Schulen und Privathäuser einzudringen. Wegen der Bärenplage schließen in Sibirien und im Altai wichtige Touristenzentren vorzeitig, Nationalparks sperren ihre Öko-Pfade. Auslöser war der Tod einer 29-jährigen Touristin im Altai: Ein Bär zerrte sie nachts aus ihrem Zelt auf dem Gelände einer Turbasa, Hilfe traf zu spät ein.
Über die tägliche Nähe zu den Bären berichten Anwohner mit wachsender Sorge. "Bären sind bei uns früher auch ab und zu aufgetaucht. Aber so dreist und in solcher Zahl erleben wir das zum ersten Mal", erzählte Natalja aus dem Dorf Podtjossowo im Gebiet Krasnojarsk im Gespräch mit Radio Swoboda. "Die Menschen haben Angst, ihre Häuser zu verlassen. Selbst am Tag schaue ich, bevor ich zum nächsten Laden gehe, erst in die Dorfchats, ob jemand in der Nähe einen Bären gesehen hat. Zwei freundliche, offene Frauen aus unserem Dorf sind in ihrem eigenen Wald ums Leben gekommen."
Natalja beklagt zudem, dass die Behörden nach der Tragödie kaum reagiert hätten: Nicht einmal die Kinder seien auf Fernunterricht umgestellt worden, Straßenbeleuchtung fehle weiterhin, und die Verwaltung bitte die Einwohner lediglich, nach Möglichkeit nicht in den Wald zu gehen und sich nicht draußen aufzuhalten.
Biologen und Wildtierexperten sind sich einig, dass in diesem Jahr ein besonders ungünstiges Zusammenspiel entstanden ist. Natürliche Anomalien trafen auf tief sitzende Probleme beim Management der Waldressourcen. Fachleute des Instituts für Probleme der Ökologie und Evolution der Russischen Akademie der Wissenschaften verweisen auf eine extrem schlechte Ernte in der Taiga: Beeren, Pilze und Zedernzapfen fehlen fast vollständig.
Die Bären befinden sich seit dem Sommer in einer Phase extremer Fresslust, der sogenannten Hyperphagie, da sie vor dem Winterschlaf Gewicht zulegen müssen. Ihr Überlebensinstinkt treibt sie dorthin, wo es nach Nahrung riecht, also zu den Menschen.
Gleichzeitig erleben die Raubtiere einen regelrechten Bevölkerungsboom. Die russische Population des Braunbären gilt inzwischen als übermäßig groß und liegt bei über 308.000 Tieren. Der Biologe Maxim Adadurov erklärt in den Medien, dass die Bärenjagd in den vergangenen Jahrzehnten unpopulär und wirtschaftlich unattraktiv geworden ist. Jagdquoten bleiben deshalb oft ungenutzt. Starke erwachsene Männchen verdrängen junge und schwächere Bären aus den ohnehin knappen Futtergebieten und drängen sie so buchstäblich an den Rand der Ortschaften.
Der Zoologe und Experte für Großraubtiere in Sibirien, Roman Aljochin, ist überzeugt, dass Bären rasant ihre Scheu vor Menschen verlieren, weil es in der Nähe von Dörfern und Touristenzentren so viele illegale Müllkippen und offene Container gibt. Hat ein Bär einmal menschliche Nahrung probiert, wird er zum an den Menschen gewöhnten Tier. Er kehrt nicht mehr in die wilde Taiga zurück und verteidigt seine neue Nahrungsquelle aggressiv, indem er jeden angreift, der in seine Nähe kommt.
Angesichts der zunehmenden Bärenangriffe auf Menschen arbeiten Jagdaufseher und spezielle Polizeieinheiten in den betroffenen Regionen inzwischen rund um die Uhr. Seit Beginn der Saison wurden in Russland aus Sicherheitsgründen mehr als 530 aggressive Bären erschossen. Um Jäger zu motivieren, führen die Regionalbehörden Prämien für den Abschuss besonders problematischer Tiere ein.
Gleichzeitig herrscht in Petropawlowsk-Kamtschatski, in fünf Bezirken im Kusbass und in mehreren Regionen des Altai der Modus erhöhter Alarmbereitschaft. Dort patrouillieren bewaffnete Einheiten durch die Straßen. In Dörfern des Chorin-Bezirks in Burjatien, wo Schulen direkt an den Wald grenzen, schließen die Behörden die Bildungseinrichtungen kurzfristig. Die Kinder sollen online lernen, damit sie den Raubtieren nicht von Angesicht zu Angesicht begegnen.
In anderen Schulen der besonders gefährdeten Regionen lernen Kinder, wie sie sich bei einer Begegnung mit einem Bären richtig verhalten. Regel Nummer eins: nicht rennen und nicht schreien, denn Lärm und Flucht können einen Angriff auslösen. Ein Bär erreicht Geschwindigkeiten von bis zu 60 Kilometern pro Stunde. Vertreter des Katastrophenschutzes und Jagdexperten raten außerdem, alles zu tun, um größer zu wirken, als man tatsächlich ist, da Tiere sich vor Wesen fürchten, die über ihnen aufragen.
Oft genügt es, den Rucksack oder die Jacke über den Kopf zu heben. Sind mehrere Kinder zusammen, sollten sie dicht beieinander bleiben, um wie ein großer, für den Bären bedrohlicher Körper zu wirken. Lässt sich ein Kontakt nicht vermeiden, empfehlen Fachleute, sich auf den Bauch zu legen, Nacken und Kopf mit den Händen zu schützen, sich nicht zu bewegen und keine Laute von sich zu geben.
Vor dem Hintergrund der Rekordinvasion von Braunbären hat das russische Umweltministerium kurzfristig Vorschläge der Regionen zur Änderung der Bundesgesetze angefordert. Lokale Behörden verlangen, das Verfahren zur Regulierung des Bärenbestands maximal zu vereinfachen und zu beschleunigen.
Jagdexperten wollen das Recht erhalten, sofort scharf zu schießen, sobald ein Bär die Grenze einer Ortschaft überschreitet, ohne langwierige Abstimmungen mit Moskau.
Biologen betonen jedoch, dass Abschüsse ohne die Beseitigung menschlicher Ursachen wenig bringen, insbesondere ohne die Räumung wilder Müllkippen. Ihrer Meinung nach sollte man damit beginnen, alle Geruchsquellen, die Bären anziehen, in der Nähe menschlicher Siedlungen konsequent zu entfernen.