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Herbstbestseller „C'était ça ou mourir“: Vorwürfe um KI-Einsatz

„Es blieb nur dieser Weg oder der Tod“ von Thélyson Orélien, mit freundlicher Genehmigung der Lyoner Buchhandlung „La voie aux chapitres“
„Es war das oder sterben“ von Thélyson Orélien, mit freundlicher Genehmigung der Lyoner Buchhandlung „La voie aux chapitres“ Copyright  Euronews
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Von Nathan Joubioux & Alexander Kazakevich
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Der aus Haiti stammende Québec-Autor Thélyson Orélien, auf Shortlists mehrerer großer Literaturpreise, weist Vorwürfe von „Balance ton Claude“ zurück und berichtet von rassistischen Angriffen seit seiner Ankunft in Frankreich.

Kann ein KI-Detektor einen Bestseller ins Wanken bringen, der für die wichtigsten Literaturpreise nominiert ist? In Frankreich steht der Roman „C’était ça ou mourir“ von Thélyson Orélien, eine der vielbeachteten Entdeckungen des Literaturherbstes und bereits mehr als 35 000 Mal verkauft, nun unter dem Verdacht, von einer künstlichen Intelligenz geschrieben worden zu sein.

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Ausgelöst hat die Affäre ein Beitrag (Quelle auf Französisch) auf X, am Montag, 21. September, veröffentlicht von einem anonymen Account namens „Balance ton Claude“. „Laut Pangram ist dieser Roman fast vollständig von einer künstlichen Intelligenz verfasst“, heißt es dort. Die Verfasser geben an, sie hätten mehrere Passagen des „Manuskripts“ geprüft und „fast immer dasselbe Ergebnis: 100 % KI“ erhalten.

Nach Angaben des Accounts ist das US‑Tool Pangram „mit Abstand der verlässlichste KI-Detektor“ und weist nur eine „Falsch-Positiv-Rate von 0,0041 %“ auf.

Der Vorwurf trifft den 38‑jährigen Autor aus Québec mit haitianischen Wurzeln besonders empfindlich. Sein Roman erscheint gerade in mehr als zwanzig Sprachen und steht auf den ersten Auswahllisten für die Preise Goncourt, Goncourt des lycéens, Femina, Médicis und Renaudot.

Die Fiktion erzählt die Odyssee des jungen haitianischen Geschichts- und Geografielehrers Jonas durch Nord- und Südamerika. Er flieht aus seiner Heimat, weil Gewalt und Unsicherheit eskalieren. Vor diesem Debütroman, der im vergangenen Winter zunächst in Québec erschien und dessen Rechte für das französischsprachige Europa der Verlag Grasset erworben hat, veröffentlichte Thélyson Orélien vor allem Lyrik.

Von „Gerüchten“ zu „rassistischen Angriffen“?

Grasset erklärte zunächst, man schenke solchen „Gerüchten“ keine Beachtung. „Das sind Fake News. (…) Diese angeblichen Erkennungswerkzeuge für KI sind selbst KIs, die behaupten, sogar die Bibel sei künstlich geschrieben worden“, sagte der Verlag am Dienstagmorgen dem Sender BFMTV (Quelle auf Französisch).

Der Verlag mit den gelben Umschlägen betonte zudem, auf Amazon würden Dutzende von KI-Romanen angeboten, doch „keiner hat Erfolg“, weil „keiner eine eigene Handschrift besitzt“. „Thélyson ist genau das Gegenteil“, versicherte Grasset, das zum Vivendi‑Konzern des Milliardärs Vincent Bolloré gehört.

Am Dienstagabend, als die Welle der Empörung weiter anschwoll, verschickte Grasset an mehrere Medien, darunter Euronews, eine Stellungnahme, in der der Autor selbst zu Wort kommt. Thélyson Orélien erklärt darin, die ihm vorgeworfenen „Wiederholungen“, die als typisch für KI‑Texte gelten, gehörten zu „einer haitianischen und karibischen Literaturtradition“ mit eigener Poetik.

Er fügt hinzu: „Über meinen Stil kann man streiten, aber aus seinen Verfahren Beweise für künstliche Intelligenz zu machen, hat mit Literaturkritik nichts zu tun.“

Der Schriftsteller nutzt den Anlass, um seinen Leserinnen und Lesern zu danken, die seinem Buch „einen Platz in ihrem Leben geben“: „In einer Welt, in der manche immer erst prüfen wollen, woher man kommt, bevor sie zuhören, berührt mich dieser Empfang zutiefst.“

In demselben Schreiben bekräftigt das Team von Grasset „sein absolutes Vertrauen“ in den Autor, „gegen jede Maschine und jeden Versuch, das Schreiben, das für immer frei bleibt, zu messen, zu normieren oder zum Schweigen zu bringen“.

Gegenüber Euronews wollte Thélyson Orélien auf Anfrage nicht Stellung nehmen. Der Zeitung Libération (Quelle auf Französisch) erklärte er jedoch, seit seiner Ankunft in Frankreich Ziel „zahlreicher rassistischer Angriffe“ geworden zu sein.

KI trifft auf „kreolisierte“ Sprache

Bevor große Medien das Thema aufgriffen, eskalierte die Debatte auf X. Nach dem ersten Beitrag von „Balance ton Claude“ verbreiteten zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer die Vorwürfe, teils auch auf Englisch, und behandelten sie als erwiesen. Einige machten sich lustig (Quelle auf Französisch) über den Literaturbetrieb, der „vollständig darauf hereingefallen ist und einen Stil begeistert feiert, der nicht nur von KI geschrieben ist, sondern im Grunde mittelmäßig und repetitiv“ sei.

Andere schickten Oréliens Reaktionsschreiben durch Pangram und behaupteten (Quelle auf Französisch), auch dieser Text sei „zu 100 % KI“.

Die Vorwürfe riefen jedoch auch Skepsis hervor.

„Ich verstehe nicht, was daran problematisch sein soll, 2026 eine KI zu nutzen, um ein Buch zu schreiben. Eher wäre es dumm, sie nicht zu nutzen“, schreibt (Quelle auf Französisch) der Journalist Jérôme Colombain. „Ghostwriter gibt es seit jeher. Am Ende zählt die Verantwortung der Autorin oder des Autors“, betont er im selben Beitrag.

Der Autor François Negroni (Quelle auf Französisch), der offen zugibt, für Fachbücher über Luftfahrt mit KI zu arbeiten, erläutert, KI‑Detektoren untersuchten Texte „anhand statistischer Regelmäßigkeiten: Wortverteilung, Satzstruktur, Rhythmus, lexikalische Vorhersehbarkeit“. Thélyson Orélien passe jedoch „nicht in die Schablonen“ des Standardfranzösisch, auf dem diese Programme beruhen.

„Er schreibt in einem Französisch, das die Kritik einhellig als ‚kreolisiert‘ beschreibt, durchzogen vom haitianischen Kreol, von Spanisch und Portugiesisch, von Mündlichkeit, Aphorismen und Rhythmen, die von anderswo kommen“, führt Negroni aus, betont aber zugleich, „nicht zu wissen“, ob der Roman „ganz oder teilweise mit Hilfe einer KI geschrieben wurde“.

Der Autor Christophe Boutry (Quelle auf Französisch) entgegnet, es sei „möglich“, dass Pangram den „kreolisierten“ Stil Oréliens als auffällig markiert habe. „Die Studien, die Vorurteile gegenüber nichtmuttersprachlichen Sprecherinnen und Sprechern zeigen, betreffen andere Detektoren, andere Versionen und vor allem Englisch. Daraus lässt sich nicht schließen, dass Pangram 4 hier haitianisches Französisch mit einem KI‑Text verwechselt.“

Schon zuvor hatten Leserinnen und Leser in sozialen Netzwerken einen möglichen KI‑Einsatz vermutet. So schreibt etwa die Nutzerin Alphaleer auf Babelio (Quelle auf Französisch): „Schade, dass das ganze Buch mit … künstlicher Intelligenz geschrieben ist. Es wirkt hübsch, ist aber hohl“, notierte sie am zwölften September. „Der Erzähler ist eine Art Schatten, der von Station zu Station, von Grenze zu Grenze zieht, ohne Konkretes, ohne Tiefe“, heißt es weiter; sie kritisiert zudem „große Ungereimtheiten“ des Romans.

Auf Facebook (Quelle auf Französisch) verweist der Autor Fabrice Colin auf „stilistische Mätzchen, die gelinde gesagt problematisch sind“, auf „Aphorismen am Kapitelende“ und „charmante, aber mindestens fragwürdige Metaphern“. Er betont, den Autor weder direkt eines KI‑Einsatzes zu bezichtigen noch sich ein Urteil über Pangram anzumaßen, wolle aber „Schreibmanierismen markieren, die dem Text schaden“ und lade alle ein, sich selbst ein Bild zu machen.

„Balance ton Claude“ ruft zur Mäßigung auf

Am Dienstag gewann der bislang kaum bekannte Account „Balance ton Claude“ schlagartig an Reichweite und zählt inzwischen mehr als 6 600 Abonnenten.

Spät am Abend veröffentlichten die nach Angaben von Radio France fünf Personen, die hinter dem Namen stehen sollen, eine letzte Nachricht. Darin rufen sie dazu auf, „bei den Angriffen gegen Thélyson Orélien einen Gang herunterzuschalten“, und räumen ein, „dass es eine nicht auszuschließende Chance (…) gibt, dass er in guter Absicht gehandelt hat“.

Das Kollektiv versucht anschließend, sein Vorgehen zu erläutern. Man habe „dieses Buch gemeldet“, weil es „Erfolg hatte“, heißt es, erkenne aber zugleich an, dass der Autor „eine gewisse Leistung darin erbracht hat, eine kohärente Erzählung zu verfassen, die vielen Leserinnen und Lesern gefallen hat“.

Nach ihrer Einschätzung „unterschätzt die Pariser Intelligenzija die Fähigkeiten der KIs noch immer“ und nutze „große Sprachmodelle“ – kurz LLM – sowie Plattformen wie LinkedIn kaum. Darin sehen sie den Grund, warum die Literaturpresse „die stereotypen Formulierungen“ nicht erkannt habe.

„Welchen Sinn hat es, seine Erfindung zu delegieren?“

Der unabhängige Buchhändler Gwilherm Perthuis aus Lyon verfolgt den Streit nach eigenen Worten aus der Distanz und will keine Partei ergreifen.

„Natürlich fände ich es verheerend, ein Buch im Grunde von einer generativen KI schreiben zu lassen“, sagt er gegenüber Euronews. Das stehe „im krassen Gegensatz zu meiner Vorstellung von literarischer Arbeit, die eine singuläre und innovative Auseinandersetzung mit Sprache und Form ist“.

Die Maschine werde, so Perthuis, „Archetypen erzeugen, indem sie sich auf vorhandene Durchschnittsdaten stützt“. Deshalb frage er sich: „Wie kann KI beim Erfinden helfen? Und welchen Nutzen hat es für eine schöpferische Person, ihre Erfindung zu delegieren?“

Gleichzeitig relativiert er seine Kritik. Es gebe Autorinnen und Autoren, die „KI nutzen, um ihre Dokumentation vorzubereiten und aufwendige Recherchen vor dem Schreiben zu beschleunigen, wenn sie Zugang zu komplexen Daten brauchen“.

„Das ist für mich der einzige wirkliche Nutzen von KI: (…) ihre Fähigkeit, aus Millionen von Daten fast sofort Ergebnisse zu liefern, für die wir selbst Jahre bräuchten“, sagt er.

Bleibt die Frage, ob die Affäre um „Balance ton Claude“ den Lauf von „C’était ça ou mourir“ in Richtung der großen Literaturpreise stoppt – oder ob sie im Gegenteil Leserinnen und Leser, die den Roman noch nicht kennen, dazu bringt, sich selbst ein Urteil zu bilden.

Die Folgen für den Ruf des Buches lassen sich womöglich rasch ablesen. Die Preise Goncourt und Renaudot werden am Dienstag, 3. November, einen Tag nach der Bekanntgabe des Médicis‑Preises, vergeben. Am Mittwoch, 4. November, folgt das Urteil der Femina‑Jury. Der Renaudot des lycéens und der Goncourt des lycéens stehen schließlich am Dienstag, 17., und am Donnerstag, 26. November, an.

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