Italiens Außenminister Tajani löst Empörung aus: Er sagt, er möge „ernste Frauen in langen Röcken“. Oppositionssenatorinnen protestieren im Rock, Memes gehen global.
Antonio Tajani hat sich zwar entschuldigt, und Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni versucht, die Debatte zu beenden. Doch die Äußerungen des Außenministers Antonio Tajani über die Wahl einer Lebenspartnerin nach Kriterien wie der Rocklänge sorgen weiter für negative Reaktionen gegen den Minister. Die Kritik überschreitet inzwischen die Landesgrenzen, im Netz machen Memes mit Tajani die Runde.
Bei einem Auftritt auf einer Veranstaltung in der vergangenen Woche sagte Tajani, er würde dazu raten, „ernste Frauen“ zu heiraten, die „längere Röcke tragen“. Eine weniger auffällige Frau sei „zuverlässiger, ernster, jemand, die eine gute Mutter werde und der Liebe treu bleibe, die sie mit der Hochzeit bestätigt“, erklärte der Chef des Außenministeriums. Er wähle „immer die Hübsche, aber Seriöse, Glaubwürdige, die die Familie zusammenhält, die da ist, von der man weiß, dass sie Antworten gibt und drangeht, wenn man sie anruft“.
Nach einem Sturm der Kritik bat Tajani um Entschuldigung. „Es tut mir sehr leid, dass einige meiner Aussagen, aus einem viel umfassenderen Beitrag herausgelöst, missverstanden wurden. Ich entschuldige mich, wenn sich Menschen durch das, was ich gesagt habe, verletzt fühlen, aber ich habe nie daran gedacht, Frauen zu beleidigen. Das habe ich in meinem Leben noch nie getan, weder im privaten noch im öffentlichen Bereich“, sagte Tajani am Rande seines Besuchs in New York zur UN-Vollversammlung. Die Entschuldigung reichte allerdings nicht aus, um die Kontroverse zu beenden.
Kritik an Tajani reißt nicht ab
Opposition, Gewerkschaften und die Italienische Bischofskonferenz (CEI) verurteilten die Aussagen scharf. Senatorinnen von Partito Democratico, Italia Viva, Alleanza Verdi e Sinistra, Movimento Cinque Stelle und der Gruppe delle Autonomie versammelten sich im Senatspalast Palazzo Madama – alle im Rock.
„Das ist eine Geste der Freiheit, um zu sagen: Wir sind frei, uns anzuziehen, wie wir wollen. Wir glauben, dass sich die Freiheit der Frauen an jedem Ausdruck von Freiheit bemisst, einschließlich der Rocklänge oder jeder anderen Entscheidung, die Frauen treffen, ohne von Männern bewertet zu werden“, sagte die Fraktionschefin von Italia Viva, Raffaella Paita, die die Aktion angestoßen hatte.
„Diese Worte zeigen den tief sitzenden, oft unbewussten Patriarchalismus. Der Minister Tajani hat sich anschließend gerechtfertigt und entschuldigt, doch seine Rechtfertigung ist noch schlimmer. Sie merken gar nicht, was sie sagen, weil sie es verinnerlicht haben. Man muss zeigen, dass solche Sätze nicht akzeptabel sind“, erklärte Simona Malpezzi vom Partito Democratico, die das Gruppenfoto veröffentlichte.
Die Initiative verstand sich auch als Antwort auf den Kommentar des Parteichefs von Futuro Nazionale, Roberto Vannacci. Im Bezug auf Tajanis Worte meinte er: „Zwischen einer Frau mit langem Rock und einer Frau mit kurzem Rock ziehe ich eine Frau ohne Rock immer vor“, sagte der ehemalige General. „Belanglose Kritik kümmert mich nicht. Ich liebe Frauen, sie sind ein Geschenk des Universums“, schrieb Vannacci später in sozialen Netzwerken und veröffentlichte Bilder der halbnackten Statuen der Venus von Milo und der Venus von Candia.
Zahlreiche weitere Vertreterinnen der Opposition posteten Fotos von sich im Rock. Auch einige Männer schlossen sich an, darunter der Florentiner Stadtrat und PD-Politiker Andrea Ciulli. Er veröffentlichte ein mit künstlicher Intelligenz erstelltes Foto von sich im Rock mit der Bildunterschrift: „Die Länge eines Rocks bemisst nicht den Wert einer Frau, ihre Freiheit schon.“
„Tajani ist inzwischen ein Meme, kein Minister mehr“, spottete der ehemalige Regierungschef und Italia-Viva-Vorsitzende Matteo Renzi. Im Netz kursieren zahlreiche Memes, die den Minister in Frauenkleidung zeigen, einige wurden auch von internationalen Medien wie CNN und BBC aufgegriffen.
Gewerkschaften und Bischofskonferenz kritisieren Tajani
Der Gewerkschaftsbund Cgil reagierte mit scharfen Worten: „Die Gegenüberstellung einer ‚auffälligen‘ Frau mit einer ‚seriösen‘, ‚zuverlässigen‘ und ‚guten Mutter‘, verbunden sogar mit der Rocklänge, setzt ein überholtes Gesellschaftsbild fort, in dem weiterhin Männer bestimmen, wie Frauen sein müssen, um als respektabel zu gelten“, erklärte der Verband. „Die Institutionen tragen Verantwortung: Sie müssen Stereotype und Hindernisse für die volle Teilhabe von Frauen beseitigen, statt sie zu reproduzieren und Schutzmechanismen zu schwächen. Dazu gehört, das Recht auf Arbeit konkret zu gewährleisten und bestehende Lohn- und Karriereunterschiede zu überwinden. Die Qualität der Demokratie bemisst sich auch an der Macht, die Frauen tatsächlich ausüben können.“
Der Generalsekretär der CEI, Monsignore Giuseppe Batur, sagte auf eine Frage zu den Äußerungen von Tajani und Vannacci: „Jedes Wort, jeder Blick auf Frauen muss von Respekt und Bewunderung getragen sein. Für uns Christen ist der erste Ort, an dem das Wort Fleisch geworden ist, der Schoß einer Frau. Für Gläubige prägt das dauerhaft den Blick auf Frauen.“ Weiter sagte Batur: „Über den Blick treten wir in Beziehung zu anderen, zu Männern, Frauen, Kindern und Älteren. Es braucht Respekt, gegenüber Frauen in höchstem Maß, gerade weil sie den Blicken oberflächlicher Betrachtung ausgesetzt sein können.“
Meloni und Regierungsmehrheit stellen sich hinter Tajani
Die PD-Vorsitzende Elly Schlein hatte in den vergangenen Tagen eine Stellungnahme von Premierministerin Meloni gefordert. Meloni spielte die Äußerungen Tajanis jedoch herunter und bat darum, die Debatte nicht „aufzublasen“, es habe sich um einen „unglücklich formulierten Satz“ gehandelt. „Ich habe bereits geantwortet, ich würde das nicht größer machen und ich glaube nicht, dass wir daraus das Thema der Modewoche machen müssen“, sagte Meloni bei einem Auftritt während der Fashion Week in Mailand.
Andere Regierungsmitglieder stellten sich ebenfalls hinter Tajani, darunter Verteidigungsminister Guido Crosetto. Auf X schrieb er: „Tajani hat Frauen nicht vorgeschrieben, wie sie sich kleiden sollen. Er hat als Vater erzählt, welche Art von Partnerin er seinem Sohn empfehlen würde, auf Basis seiner Erziehung und seiner Werte. Wer sich dadurch verletzt fühlt, kann das selbstverständlich sagen. Aber dass eine Meinung jemanden verletzt, bedeutet nicht zwingend, dass sie dessen Freiheit einschränkt. Dagegen bedeutet es, die Freiheit eines anderen nicht zu respektieren, wenn man beschließt, ihn zum Schweigen zu bringen.“
„Ihr sprecht von Freiheit der Frauen. Aber warum kämpft ihr nicht für jene Frauen, die Gefangene ihrer Ehemänner sind und nicht am Leben des Landes teilnehmen können? Aus religiösen Gründen akzeptiert ihr, dass es in Italien Frauen gibt, die wie Sklavinnen leben, auch in polygamen Beziehungen. Ernsthaft wäre es, wenn ihr mit uns gegen den Burka kämpfen würdet“, sagte die Lega-Politikerin Stefania Pucciarelli.