Kasachstan rückt für Deutschland wirtschaftlich und geopolitisch in den Fokus. Beim Besuch von Präsident Kassym-Schomart Tokajew in Berlin steht die Zusammenarbeit mit Zentralasien im Mittelpunkt. Für Deutschland geht es dabei auch darum, Abhängigkeiten bei wichtigen Rohstoffen zu verringern.
Als Kasachstans Präsident Kassym-Schomart Tokajew am Dienstag Bundeskanzler Friedrich Merz im Kanzleramt traf, ging es um mehr als klassische Diplomatie. Auf der Agenda standen nach Angaben der Bundesregierung der Ausbau der bilateralen Energie- und Rohstoffpartnerschaft, die regionale Zusammenarbeit in Zentralasien und internationale Sicherheitspolitik.
Das Ziel: Aus dem Rohstofflieferanten soll ein Industriepartner werden. Kasachstan bietet Deutschland Zugang zu kritischen Rohstoffen und will im Gegenzug deutsche Technologie und Know-how für deren Verarbeitung und die gemeinsame Produktion nutzen.
Kasachstan verfügt über umfangreiche Rohstoffvorkommen und liegt zugleich an einer wichtigen Verkehrsachse zwischen China, Russland, dem Kaspischen Meer und Europa. Deutschland wiederum sucht nach neuen Lieferquellen für Rohstoffe, die für Industrie, Digitalisierung und Energiewende benötigt werden.
Das Land ist nach Angaben der Deutschen Industrie- und Handelskammer bereits Deutschlands wichtigster Wirtschaftspartner in Zentralasien und steht für etwa 80 Prozent des deutschen Handels mit der Region.
Rohstoffe als Schlüssel der Partnerschaft
Bereits im Februar wurde in Berlin deutlich, welche Bedeutung die Region für Europa gewinnt. Beim Treffen der Außenminister der zentralasiatischen Staaten mit Bundesaußenminister Johann Wadephul standen unter anderem seltene Erden und andere kritische Rohstoffe im Mittelpunkt.
Kaschastans Präsident Tokajew warb bereits unmittelbar vor seinem Berlinbesuch für eine engere Rohstoff- und Industriekooperation. Nach seinen Angaben fördert Kasachstan bereits 21 der 34 Rohstoffe, die von der EU als strategisch wichtig eingestuft werden. Genannt wurden unter anderem Lithium, Silizium, Kobalt, Niob, Wolfram und Kupfer. Tokajew schlug dabei ausdrücklich nicht nur den Verkauf von Rohstoffen vor, sondern gemeinsame Wertschöpfungsketten: von der Förderung über die Verarbeitung bis hin zur Produktion und Wiederverwertung.
Von der Mine zur Verarbeitung
Dass Kasachstan seine Rohstoffindustrie technisch weiterentwickeln will, zeigt ein von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) finanziertes Projekt. Die Bank stellt bereits rund 255 Millionen Euro für eine große Anlage zur Verarbeitung von schwer zugänglichem, sogenanntem refraktärem Golderz bereit. Refraktäres Golderz wird zur Goldgewinnung verwendet, wobei das darin eingeschlossene Gold zunächst durch spezielle Verfahren aufgeschlossen werden muss.
Rund die Hälfte der Goldvorkommen Kasachstans befindet sich in Erzen, die mit herkömmlichen Verfahren nur schwer verarbeitet werden können. Die neue Anlage soll nicht nur zusätzliche Rohstoffvorkommen erschließen, sondern auch die heimische Verarbeitungskapazität erhöhen.
Kasachstan als Drehscheibe zwischen Europa und Asien
Eine weitere Säule der wirtschaftlichen Beziehung ist die Logistik. Dass Kasachstan der größte Binnenstaat der Welt ist und geografisch so günstig liegt, macht das Land zu einem wichtigen Drehkreuz alternativer Handelsrouten.
Bei den Astana Finance Days im September diskutierten Experten darüber, wie Kasachstan seine Rolle als Transitland ausbauen und zugleich zu einem regionalen Zentrum für Produktion, Handel und Investitionen werden kann. Dabei wurde insbesondere auf die Verbindung verschiedener Verkehrsträger – Bahn, See und Luftverkehr – verwiesen. Der Hafen von Aktau am Kaspischen Meer spielt dabei eine wichtige Rolle.
Deutschland sucht neue Partner
Der Zeitpunkt der Annäherung ist kein Zufall. Europa versucht seit Jahren, seine wirtschaftlichen Abhängigkeiten zu diversifizieren. Gerade bei kritischen Rohstoffen spielt China eine zentrale Rolle in den weltweiten Lieferketten und Zentralasien bietet aus europäischer Sicht eine alternative Bezugsquelle.
Gleichzeitig konkurrieren verschiedene Akteure um den Zugang zur Region. Russland und China haben ihre wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu den zentralasiatischen Staaten in den vergangenen Jahren ausgebaut. Euronews verwies bereits im Februar darauf, dass Zentralasien zunehmend an einer geopolitischen Schnittstelle zwischen europäischen, chinesischen und russischen Interessen liegt.
Kasachstan wiederum versucht, seine Beziehungen zu verschiedenen Partnern auszubauen. Für Deutschland bedeutet das: Die Zusammenarbeit muss sich in einem Umfeld behaupten, in dem auch andere Staaten wirtschaftliche und strategische Interessen verfolgen.
Vom Rohstofflieferanten zum Industriepartner?
Wie konkret die Zusammenarbeit bereits ist, zeigt das Deutsch-Kasachische Wirtschaftsforum, das am heutigen Dienstag parallel zu Tokajews politischen Gesprächen in Berlin stattfindet. "Wir wollen die wirtschaftlichen Beziehungen weiter ausbauen, deswegen auch das Wirtschaftsforum am Abend in Berlin", betonte Bundeskanzler Merz bei der gemeinsamen Pressekonferenz am Nachmittag.
Rund 300 Vertreter aus Politik und Wirtschaft beraten dabei über Projekte in den Bereichen Industrie, Energie, Rohstoffe sowie Transport und Logistik. Nach Angaben des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft sollen 37 bilaterale Projekte mit einem Gesamtvolumen von rund 1,8 Milliarden Euro unterzeichnet werden.
Die heutige Begegnung zwischen Merz und Tokajew zeigte deutlich, welche Rolle Deutschland und Kasachstan künftig füreinander spielen wollen.
Es kam bis zum Nachmittag zu folgenden Vereinbarungen:
Rohstoffe und Bergbau: Kasachstan und Deutschland wollen die Zusammenarbeit bei kritischen Rohstoffen ausbauen. Die kasachische Regierung nennt unter anderem Lithium, Kupfer, Wolfram und weitere strategische Rohstoffe. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und kasachische Partner sollen bei der geologischen Erkundung und bei Rohstoffprojekten zusammenarbeiten.
Lithium: Das kasachische Unternehmen HMS Bergbau plant geologische Erkundungen für eine Lithiumverarbeitungsanlage in Ostkasachstan. Als geplantes Investitionsvolumen wurden 500 Millionen US-Dollar genannt.
Siemens: Es wurden ein strategisches Memorandum mit Siemens LLP sowie ein strategisches Partnerschaftsabkommen zwischen Samruk-Kazyna und Siemens Central Asia vereinbart.
Grüner Wasserstoff: Kasachstans Wissenschaftsministerium und Svevind Energy vereinbarten eine Zusammenarbeit bei der Forschung rund um ein Projekt für grünen Wasserstoff.
Landwirtschaft: Mit HORSCH und CLAAS wurden Kooperationsvereinbarungen geschlossen. Außerdem soll in Kasachstan gemeinsam die Produktion von Condor-Sämaschinen aufgebaut werden. Milchfarmen hätten zudem sehr gute Chancen, betonte der kasachische Präsident, ebenso spiele Ökolandbau eine wichtige Rolle, wichtig sei aber dabei, dass die kasachischen Unternehmen Zugang zum deutschen Markt bekommen.
Finanzierung: Die kasachische Holding Baiterek und die KfW vereinbarten eine Zusammenarbeit; außerdem wurde ein Mandat zwischen der kasachischen Entwicklungsbank und der Deutschen Bank unterzeichnet.
Kalium und Borsäure: Qazaq Kalium und die KfW/Euler-Hermes-Gruppe vereinbarten eine Zusammenarbeit für einen Anreicherungs- und Produktionskomplex auf Basis der Satimola-Lagerstätte.
Transport: Vorgesehen ist außerdem ein Projekt für den Bau eines internationalen Fracht- und Passagierflughafens.
Insgesamt: Die kasachische Seite spricht von 23 weiteren Dokumenten, die während des Besuchs zwischen staatlichen Stellen und Unternehmen beider Länder unterzeichnet wurden.
Daneben liegen beim heutigen anschließenden Wirtschaftsforum laut Ost-Ausschuss 37 bilaterale Wirtschaftsprojekte mit einem Volumen von rund 1,8 Milliarden Euro zur Unterzeichnung bereit.
Russland: Tokajew setzt auf Diplomatie, Merz betont Unterstützung der Ukraine
Nicht ganz auf einer Linie lagen Merz und Tokajew allerdings beim Thema Russland: Kasachstans Präsident betonte, dass sein Land die weltweit größte existierende Staatsgrenze mit Russland teilt und er sehr guten Kontakt zu Präsident Putin halte: "Ich halte ihn für eine herausragende Persönlichkeit. Vielleicht klingt das für Sie etwas eigenartig, aber ich kenne ihn sehr gut und er hat die entsprechenden Fähigkeiten eines großen Staatsoberhaupts für ein derart riesiges Land. Natürlich bestehen wir darauf, dass jedes Land seine territoriale Unversehrtheit bewahrt", sagte er im Hinblick auf die Ukraine. Auch die Ukraine und ihre Kultur schätze er sehr. Er fügte hinzu: "Kaschastan braucht Frieden und Stabilität, und ich werde als Präsident alles dafür tun."
Tokajew betonte zudem, er plädiere für ein Einfrieren der militärischen Aktionen zwischen Russland und der Ukraine, damit Verhandlungen beginnen können.
Bundeskanzler Merz unterstrich, dass Deutschland von Anfang an auf der Seite der Ukraine stehe und "alles tut, damit die Ukraine diesen Krieg bestehen kann. Russland ist derzeit nicht an ernsthaften Gesprächen interessiert", so Merz, "und wir werden die Ukraine weiterhin unterstützen. Wenn Russland nicht bereit ist, den Krieg zu beenden, sind wir bereit, die Ukraine auch über lange Zeit zu unterstützen. Russland wird diesen Krieg nicht gewinnen."
Am morgigen Mittwoch will Präsident Tokajew nach Bayern weiterreisen. Auch dort sind Gespräche mit Politik- und Wirtschaftsvertretern vorgesehen.