Die Angst der Deutschen ist nicht so hoch wie in Rekordjahren, aber die meisten blicken mit Sorge auf die Zukunft. Eine neue Studie zeigt, welche drei Themen die Menschen besonders beschäftigen – Migration und die wirtschaftliche Lage gehören dazu.
Die Welt ist in Schieflage geraten, doch die größte Angst der Deutschen hat vor allem mit dem eigenen Geldbeutel zu tun. "Insgesamt 59 Prozent der Bevölkerung fürchten, dass ihr Geld dauerhaft nicht zum Leben reicht", sagt Grischa Brower-Rabinowitsch, Leiter der Studie "Die Ängste der Deutschen" der R+V-Versicherung.
Die repräsentative Untersuchung wird seit 1992 jährlich durchgeführt und gibt Aufschluss über die Sorgen in der Bundesrepublik. Der Alltag sei Brower-Rabinowitsch zufolge "kostspielig" geworden. Die Sorge um die Lebenshaltungskosten ist um sieben Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr angestiegen, sie liegt bereits zum 16. Mal auf Platz 1.
Direkt hinter den steigenden Lebenshaltungskosten liegt auf Platz 2 die Angst vor Steuererhöhungen und Kürzungen bei den Leistungen. "Die Schlüsselpreise Energie, Wohnen und Lebensmittel sind spürbar gestiegen", erklärt Professorin Dr. Isabelle Borucki zur Veröffentlichung der Studie.
Sie ist Politikwissenschaftlerin an der Philipps-Universität Marburg. "Dadurch sinkt der finanzielle Spielraum für Freizeit, Urlaub und Anschaffungen. Die Menschen können sich immer weniger leisten", erklärt Borucki weiter. Neben finanziellen Sorgen dominieren auch politische Ängste.
Trotzdem wird mit einem Blick auf die Top Ten der deutschen Ängste in diesem Jahr deutlich, dass die wirtschaftliche Lage des Landes Pessimismus auslöst. Denn neben der Sorge um steigende Lebenshaltungskosten und Leistungskürzungen wird auch die Wirtschaftslage (Platz 4) generell sowie die Kosten für Wohnen (Platz 5) gelistet.
Auch das Vertrauen in die Politik ist zum Problem geworden. Zum einen befürchten die Befragten, dass der Staat durch Geflüchtete überfordert werde (Platz 3), zum anderen äußern sie Sorge über eine mögliche generelle Überforderung der Politiker (Platz 6). Außerdem beunruhigt die Deutschen die Politik von US-Präsident Donald Trump (Platz 8) sowie politischer Extremismus (Platz 9) und der Aufstieg von Autoritären (Platz 10).
Das dritte Kernthema bleibt Migration. Die Befragten denken nicht nur darüber nach, ob der deutsche Staat überfordert ist, sondern befürchten auch weitere Spannungen durch Zuzug aus dem Ausland (Platz 7).
Sorgen um Geld und finanzielle Absicherung
Die Inflationsrate ist auf 3,3 Prozent angestiegen, wie das Statistische Bundesamt Ende September auf Basis vorläufiger Zahlen mitteilte. Insbesondere hohe Energiepreise haben die Teuerung in Deutschland erstmals seit 2023 über die Marke von drei Prozent getrieben. Im August lag die Inflation mit 2,9 Prozent noch knapp darunter.
"Für die Finanzierung von Sozialversicherungen, Verteidigung und Infrastruktur will der Staat viel Geld in die Hand nehmen", sagt auch Brower-Rabinowitsch. Doch die Maßnahmen der Regierung befeuerten bei den Deutschen die Angst vor Steuererhöhungen und Leistungskürzungen. Mehr als jeden Zweiten treibt das Thema um.
"Den Bürgerinnen und Bürgern ist klar, dass die steigenden Ausgaben entweder durch höhere Abgaben, geringere Leistungen oder zusätzliche Verschuldung ausgeglichen werden müssen", sagt Professorin Borucki. Die Frage, wer die Kosten trägt und ob man sich auf zugesagte Leistungen verlassen kann, ist für viele Deutschen nicht mehr klar.
"Die Angst vor einer Rezession ist um zehn Prozentpunkte gestiegen – stärker als jede andere Sorge", sagt Brower-Rabinowitsch weiter. 2025 sei das Thema für die Menschen nicht annähernd so präsent gewesen, die Angst lag mit 41 Prozent auf Platz zehn. Heute steht sie auf Platz vier.
"Der Anstieg dieser Angst markiert einen kollektiven Vertrauensverlust in die wirtschaftliche Zukunft des Landes", schätzt auch Professorin Borucki ein. Sie bezeichnete die Entwicklung als stärkstes Signal der Studie.
Schwarz-Rot unter Druck: Vertrauensverlust
Weil die deutsche Wirtschaft nun schon seit längerem schwächelt und Maßnahmen der Politik bisher wenig erfolgreich greifen, beurteilen die Deutschen die Regierung skeptisch.
In Schulnoten geben sie der Regierung eine 4,1. "Nach dem Ende der Ampel verknüpften viele mit Schwarz-Rot die Hoffnung auf mehr Führung, weniger Streit und eine schnelle wirtschaftliche Wende. Das hat sich nicht erfüllt", sagt Politikwissenschaftlerin Borucki. "Zwischen den großen Ankündigungen und den spürbaren Ergebnissen klafft jetzt eine Lücke. Die Menschen sind enttäuscht und verlieren Vertrauen."
48 Prozent der Bevölkerung fürchten der Studie zufolge, dass die Politik von ihren Aufgaben überfordert ist. Binnen einen Jahres ist diese Angst um sechs Prozentpunkte angestiegen.
Auch der globalen politischen Lage trauen die Deutschen weiterhin nicht mehr über den Weg. 45 Prozent der Befragten fürchten demnach, dass die Politik von Donald Trump die Welt gefährlicher mache. Im Vergleich zur innerpolitischen Lage ist die Außenpolitik allerdings in den Hintergrund gerückt. "Nach Jahren permanenter geopolitischer Alarmmeldungen tritt hier ein Gewöhnungseffekt ein", analysiert Professorin Borucki.
Migration bleibt weiterhin Thema, Klima rutscht ab
Obwohl die Zahl der Zuwanderungen nach Deutschland im Jahr 2026 abgenommen hat, taucht das Thema unter den Top Ten der Ängste zwei Mal auf. Einerseits machen sich die Befragten Gedanken, ob der Staat mit der Zahl der Geflüchteten überfordert sein, andererseits befürchten sie durch weiteren Zuzug Spannungen.
Während die Ergebnisse der Umfrage sonst ähnlich für Ost- und Westdeutschland ausfallen, gibt es bei den Migrationsängsten einen deutlichen Unterschied. Sie sind vor allem im Westen angestiegen.
"Hier laufen mehrere Grundfragen zusammen", erklärt Politikwissenschaftlerin Borucki, "von staatlicher Kontrolle über humanitäre Verpflichtung und kulturelles Zusammenleben bis hin zur Verteilung knapper Ressourcen".
Trotz der generell unsicheren Lage ist das gesamte Angstniveau mit 38 Prozent moderat. So lag der Wert 2016 beispielsweise bei einem Rekordhoch von 52 Prozent, im sorgenärmsten Jahr 2021 lag es bei 38 Prozent.
Erstaunlich wenig Auswirkungen hatten die Rekordhitze im Juni, das anhaltende Niedrigwasser sowie Waldbrände auf den Angst-Index. Nur 30 Prozent der Befragten geben den Klimawandel als Sorge an, er ist in diesem Jahr auf Platz 20 gelandet. "Die Folgen der Klimakrise sind für die Menschen deutlich erlebbar. Angesichts der scheinbar unaufhaltsamen Veränderungen wird das Gefühl der Angst offenbar durch Resignation überlagert", erklärt Borucki.
Die weiteren Platzierungen:
Die bundesweite Großumfrage der R+V-Versicherung wird seit 34 Jahren durchgeführt und gilt als Gradmesser und Frühindikator gesellschaftlicher Verschiebungen. Für die Studie wurden 2.400 Menschen befragt und das Ergebnis auf 71 Millionen Menschen hochgerechnet.