Europa baut bislang kaum humanoide Roboter - könnte aber trotzdem an jedem einzelnen verdienen. Insbesondere deutsche Automobilzulieferer könnten für Gelenke eine Schlüsselrolle einnehmen, so eine Analyse des Fraunhofer-Instituts.
Ein humanoider Roboter sieht auf den ersten Blick nach einem Geschäft für die großen Technologiekonzerne aus: Künstliche Intelligenz, Kameras, Sensoren, Software. Doch unter der Haut der Maschinen steckt viel klassische Industrie.
In jedem Bein, in jedem Arm und in jeder Hand stecken Motoren, Getriebe, Lager und Sensoren: Komponenten, die europäische Unternehmen seit Jahrzehnten herstellen. Im Wettbewerb um die humanoiden Roboter steckt Deutschlands Forschung noch in den Startlöchern, doch bei spezialisierten Teilen sind Zulieferer der Industrie weit vorne mit dabei. Inzwischen fragen sich Forscher, ob Europa humanoide Roboter überhaupt selbst bauen muss, um vom möglichen Boom der Technologie zu profitieren.
Könnten klassische Unternehmen der Industrie auch einfach zu Zulieferern einer neuen Roboterindustrie werden? Oder wird diese Wertschöpfung auch nach China oder in die USA abwandern?
Europa spielt bei den fertigen Maschinen bisher kaum eine Rolle
Denn bei den Auslieferungen dominiert China derzeit deutlich und hat auch die Vereinigten Staaten hinter sich gelassen. Europa spielt bei den fertigen Maschinen bisher kaum eine Rolle. Und doch könnten deutsche Unternehmen an ihrem möglichen Siegeszug mitverdienen.
Für Europa könnte daraus eine ungewöhnliche Strategie entstehen: nicht den Roboter bauen, sondern die Teile, aus denen er besteht. Dieses Teilgeschäft könnte insbesondere Deutschland laut einem Fachbericht des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA deutlich einfacher besetzen. "An sich sind die Potenziale in der deutschen und europäischen Zulieferkette sehr groß", erklärt der Autor des Papers, Vincent Bezold, Geschäftssegmentleitung Automatisierte Fertigungssysteme bei IPA.
Gemeinsam mit der Unternehmensberatung P3 hat das IPA untersucht, welche Chancen sich daraus für industrielle Zulieferer ergeben. Denn sie besitzen bereits die Kompetenz und Fertigung für Bauteile, welche die Humanoiden dringend brauchen. Und haben aktuellen Vergleichen zufolge einen bestimmten Vorteil gegenüber chinesischen Teilen dieser Art.
Das IPA geht für 2030 von einem Marktvolumen von rund 30 Milliarden Dollar aus.
China beherrscht Auslieferung humanoider Roboter weltweit
Etwa 19.100 humanoide Roboter wurden in der ersten Hälfte des Jahres 2026 ausgeliefert. Der erhebliche Anteil davon - 97 Prozent - kam aus China, wie Daten des Forschungsunternehmens Smart Analytics Global (SAG) von August 2026 zeigen. Für das gesamte Jahr 2026 erwarten die Forscher rund 60.000 Roboter, bis 2030 soll die Zahl auf eine halbe Million steigen.
Dem Forschungsunternehmen zufolge macht China den Wettbewerb um die Entwicklung von KI-gestützten Humanoiden derzeit für sich aus. Das Unternehmen Agibot aus dem Großraum Shanghai hat dabei allein 8.400 der Roboter ausgeliefert. US-Unternehmen wie Tesla, Figure AI und Agility Robotics fallen dahinter zurück.
Die Zahl der humanoiden Roboter im kommerziell produktiven Einsatz ist jedoch weiterhin gering. Die breite Fertigung vom Band ist noch nicht erreichen, der Markt trotz der hohen Stückzahlen aus China nicht entschieden. Chinas Industrie arbeitet mit Unterstützung der Regierung allerdings darauf hin, den Weg der humanoiden Roboter in den breiten Einsatz zu beschleunigen.
Denn das Ziel ist: Humanoide Roboter in Fertigung, Logistik und Lagerhaltung. In diesen Bereichen könnten Roboter SAG zufolge klar definierte Aufgaben ausführen. Ihre Rentabilität sowie ihre Produktivität lasse sich hier leicht vergleichen und optimieren. Trotzdem stehe der Sprung von "Robotern, die etwas vorführen können" hin zu "Robotern, die zuverlässig arbeiten können" noch bevor, so SAG.
Humanoide Roboter brauchen mehr als 40 Gelenke
Hinter dem KI-Roboter steckt eine klassische Maschinenbauindustrie. Bevor die Software alle Komponenten verbindet, müssen sie mechanisch und technisch stimmen.
Klassische Roboter kommen mit sieben Gelenken aus, während humanoide Roboter mehr als 40 davon benötigen. Ein Gelenk, das bedeutet Motor, Getriebe, Lager und Sensor.
Während chinesische Unternehmen wie Agibot bereits Tausende Humanoide ausliefern, sitzen einige der Unternehmen, die für deren Bau wichtige Komponenten herstellen, in Deutschland. Getriebe, Motoren, Sensoren und Greifer gehören zum traditionellen Geschäft deutscher und europäischer Zulieferer aus der Automobilindustrie. Dazu zählen beispielsweise die deutschen Unternehmen Schaeffler, Bosch, Schunk, Wittenstein oder Neugart. Diese Bauteile könnten die Zulieferer auch an Roboterhersteller verkaufen.
Auch China baut diese Teile. Jedoch bisher mit einer deutlich geringeren Halbwertszeit. "Die laufen ja nicht zufällig, so wie zuletzt in Peking geschehen, als PR-Stunt einen Halbmarathon, sondern weil sie einen vollen Marathon nicht durchhalten würden", wie Sebastian Reitelshöfer, Forschungsbereichsleiter Robotik an der Universität Erlangen-Nürnberg, im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion erklärt.
Reitelshöfer zufolge würden einige Komponenten dieser Vorzeigemodelle lediglich "ein oder zwei Wochen durchhalten". Nach Einschätzung Reitelshöfers haben einige der in China entwickelten Vorzeigemodelle bei bestimmten Komponenten noch Probleme mit der Dauerhaltbarkeit. Einzelne Bauteile könnten demnach nur wenige Wochen unter hoher Belastung betrieben werden. Einige der europäischen Konzepte aus der Automobilbranche würden hingegen viel länger halten.
Genau darin liegt allerdings eine Schwierigkeiten, erklärt Bezold Euronews. Zuliefererketten würden demnach primär lokal um die Originalhersteller entwickelt. "Da ein Großteil der Humanoiden aktuell aus China kommt, werden sich dort voraussichtlich auch entsprechende Zulieferstrukturen formieren, so wie es beispielsweise in Deutschland mit der Automobilindustrie der Fall war", schätzt Bezold ab. Lücken bestünden insbesondere bei spezialisierten Bauteilen.
Noch nicht alle Bauteile wettbewerbsfähig
So hat das Unternehmen Schaeffler im August ein neues Getriebe präsentiert, das speziell für humanoide Roboter entwickelt wurde. Der Name des Unternehmens tauchte auch im Whitepaper des Frauenhofer Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung auf.
Der Automobilzulieferer mit Sitz in Herzogenaurach ist spezialisiert in Motoren und Getriebetechnik. Das neue Wellgetriebe, ein hochpräzises Spezialgetriebe für Industrieroboter, soll eine möglichst präzise sowie kraftvolle Bewegungsübertragung auf kleinstem Bauraum ermöglichen. Unternehmensangaben zufolge erfülle das neue Getriebe die zentralen Anforderungen humanoider Robotergelenke.
Durch einen neue Herstellungsweise könnten außerdem die Produktionskosten um mehr als 25 Prozent sowie der Materialverbrauch um mehr als 75 Prozent reduziert werden. Das mache das Wellgetriebe wettbewerbsfähig.
"Das umgeformte Wellgetriebe ist ein weiteres Beispiel dafür, wie wir zentrale Robotikkomponenten industriell weiterentwickeln und für die Serienfertigung in hohen Stückzahlen vorbereiten", erklärt der Präsident Humanoid Robotics bei Schaeffler, David Kehr. Man schaffe Lösungen, "die auf Qualität, Wirtschaftlichkeit und Skalierbarkeit ausgelegt sind." Der Start in die Serienproduktion werde Mitte des Jahres 2027 erwartet.
Auf der Hannover Messe 2026 im April hat das Unternehmen den Hermes Award für seine Entwicklungen der humanoiden Robotergelenke erhalten. Die Auszeichnung unterstreiche die Schlüsselrolle von Schaeffler als Komponentenlieferant im Bereich humanoider Robotik, heißt es anschließend in einer Mitteilung.
Konkret wurde die Aktoren-Plattform gewürdigt, die in Gelenken der Schultern, Ellbogen und Knie von Robotern vorkommt. Aktoren machen Schaeffler zufolge rund 50 Prozent der Gesamtkosten eines Humanoiden aus. Sie seien deshalb ein zentraler Hebel für die Wettbewerbsfähigkeit.
Schaeffler versucht also nicht nur, ein Bauteil für einen Roboter zu verkaufen. Das Unternehmen versucht, einen Teil der Architektur des Roboters zu definieren.
Roboterhände aus Deutschland
Wie weit diese Entwicklung gehen kann, zeigt eine Kooperation von Bosch und Schunk, zwei weiteren deutschen Firmen. Die beiden Unternehmen arbeiten seit Juni 2026 gemeinsam an einer Roboterhand, die sich in unterschiedliche humanoide Robotersysteme integrieren lassen soll. Damit geht es nicht mehr nur um einzelne Bauteile wie Getriebe oder Motoren, sondern um eine komplette Schlüsselkomponente des humanoiden Roboters.
Schunk arbeitet seit rund 20 Jahren an Roboterhänden und ist auf Greiftechnik spezialisiert. Bosch kann Feinmechanik, Elektronik sowie Software beisteuern und soll die Hand später auch in Serie produzieren.
"Roboterhände sind ein zentrales Bauteil, um die humanoide Robotik in der Produktion voranzubringen und damit flexibler und genauer zu arbeiten als mit herkömmlichen Greifsystemen", sagte Mathias Pillin, Technikvorstand der Robert Bosch GmbH bei Bekanntgabe der Zusammenarbeit.
Gerade die Hand ist für die industrielle Nutzung entscheidend: Sie muss unterschiedliche Werkstücke greifen, Kräfte dosieren und zuverlässig über lange Zeit arbeiten. Gleichzeitig soll sie möglichst mit verschiedenen Roboterplattformen kompatibel sein. Auch Hände zählen zu den Hardware-Elementen, welche die Kosten eines humanoiden Roboters am stärksten beeinflussen.
Wer Teile liefert, kontrolliert nicht die ganze Produktion
Doch ein starkes Zuliefergeschäft ist noch keine eigene Robotikindustrie. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie viel Wertschöpfung bleibt in Europa, wenn chinesische oder US-amerikanische Unternehmen die Roboterplattformen, die Software und den Zugang zu den Kunden kontrollieren?
Für das Fraunhofer IPA und P3 ist nicht nur entscheidend, ob Europa einen eigenen humanoiden Roboter hervorbringt, sondern auch, wo die industrielle Wertschöpfungskette entsteht. Und das sei das Kerngeschäft vieler europäischer Zulieferer, die mit dem Einstieg in das Geschäft große Gewinne erzielen könnten.
Aus Bezolds Sicht ist "der Zugang zu den Herstellern humanoider Roboter" das größte Defizit, da es verhältnismäßig wenige Hersteller in Europa gebe und Stand heute auch absolut gesehen nur wenige humanoide Roboter in Europa gebaut würden. "Dadurch ist es für europäische Zulieferer schwieriger, frühzeitig Teil der entsprechenden Wertschöpfungsketten zu werden."
Dem Fachbericht zufolge bestimmt die Hardware die wirtschaftliche Tragfähigkeit, Skalierbarkeit und die industriellen Auswirkungen humanoider Roboter genau mit wie die Entwicklung der Software. IPA und P3 sehen hier eine Chance für europäische Zulieferer und fordern ein koordiniertes Vorgehen von Industrie, Politik und Forschung.
"Zulieferer, die sich frühzeitig mit Aktuatoren, Getrieben, Batterien, geschickten Händen und Leichtbaukonstruktionen befassen, können zukünftige Referenzarchitekturen mitgestalten und sich langfristig in den entstehenden Lieferketten positionieren", heißt es in der Untersuchung. IPA bewertet die Chance als greifbar, wenn sofort gehandelt werde. Die Autoren kritisieren eine Förderpolitik, die sich allein auf Künstliche Intelligenz konzentriert.
Die humanoiden Roboter, die künftig in Fabriken arbeiten sollen, müssten also nicht zwingend aus einer einzigen europäischen Fabrik kommen. Vielleicht steckt Europa stattdessen in ihren Gelenken, Händen und Antrieben.
Entscheidend ist wer die technischen Standards setzt
Ob daraus allerdings eine eigene industrielle Stärke entsteht oder Europa lediglich zum Zulieferer für Roboter aus China und den USA wird, ist noch offen. Entscheidend dürfte sein, wer nicht nur einzelne Komponenten liefert, sondern die Standards und Architekturen der kommenden Robotergeneration mitbestimmt.
Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) votiert in seiner Studie "Humanoid Robotics 2040" allerdings dafür, auch die gesamte Produktion und Lieferkette nach Europa zu bringen.
In den kommenden Jahren erwartet der VDMA einen Massenmarkt für humanoide Roboter. Die VDMA-Studie "Humanoid Robotics 2040" vom April 2026 hält bis 2042 jährliche Verkaufszahlen in Millionenhöhe für möglich.
Wenn Europa die Märkte mitgestalten wolle, brauche es laut der Studie "deutlich mehr Kapital, eine stärkere Förderung von Start-ups und mutigere industrielle Schritte". Auch Bezold argumentiert: "Wir brauchen selbst mehr Hersteller humanoider Roboter in Europa." Der Branchenverband empfiehlt, humanoide Roboter als Priorität zu behandeln und an der Lieferkette so früh wie möglich teilzunehmen. "Das heißt auch an die Anwender gerichtet, dass sie sich ruhig trauen sollten, Projekte mitzutragen, auch wenn der konkrete Outcome zu Beginn noch nicht vollständig klar ist", erklärt Bezold.