Unterwasser-Sonnenschirme könnten Korallen vor extremer Hitze schützen, doch Forschende warnen: Die Methode allein rettet die Riffe nicht.
Funktioniert ein Regenschirm auch unter Wasser? Die Antwort scheint ja zu sein – nur aus einem anderen Grund, als viele erwarten.
Rund um den Globus setzen marine Hitzewellen Korallen extremem Wärmestress aus. Wird das Meer zu warm, stoßen die gestressten Korallen die winzigen Algen aus ihrem Gewebe ab, sie werden weiß und verlieren ihre wichtigste Nahrungsquelle. Dieses Phänomen heißt Korallenbleiche und tritt inzwischen alarmierend häufig auf.
Ein Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Florida ist überzeugt, dass Unterwasser-Schirme die Schäden mindern können.
„Hitzebedingte Korallenbleiche ist wahrscheinlich die größte Bedrohung für Riffe weltweit“, sagt Karen Neely von der Nova Southeastern University, Hauptautorin eines Forschungsartikels, der diese Woche in Frontiers in Marine Science erschienen ist. „Lösungen wie Beschattung können auf kleiner Fläche vorübergehenden Schutz bieten.“
Unterwasser-Schirme schützen Korallen vor Floridas Küste
Die Studie entstand, nachdem 2023 eine rekordbrechende marine Hitzewelle die Florida Keys getroffen hatte.
An den meisten Messstellen bleichten alle Korallenarten aus. Verzweigte Korallen – Arten mit baum- oder geweihartigen Formen wie die Hirschhorn- und Elchhornkoralle – wurden fast vollständig ausgelöscht. An einem küstennahen Standort verlor mehr als die Hälfte der überwachten Kolonien einen Teil oder ihr gesamtes lebendes Gewebe.
„Diese Studie geht direkt auf dieses Ereignis zurück. Wir wollten zeigen, dass es Werkzeuge gibt, mit denen sich ausgewählte Korallen bei ähnlichen Hitzewellen retten lassen“, sagt Neely.
Im folgenden Sommer wählten die Forschenden 40 Kolonien von zwei Hirnkorallen-Arten in den südlichen Florida Keys aus.
Die Hälfte blieb ungeschützt, die andere Hälfte erhielt schwebende Schirme aus PVC-Rahmen und Nylongewebe – Unterwasser-Parasole, die rund 30 Zentimeter über den Korallen hingen.
Die Schirme sollten das Wasser nicht abkühlen. Sie reduzierten vielmehr das grelle Sonnenlicht und die ultravioletteStrahlung, die die Bleiche zusätzlich verschärft.
Taucherinnen und Taucher begannen im Juli 2024 mit der Überwachung der Korallen. Im August, als die Sommerhitze ihren Höhepunkt erreichte, brachten sie die Schirme an. Bis November, als sich das Wasser wieder abkühlte, verfolgten sie die Veränderungen bei der Farbe und den Algen im Gewebe der Korallen.
Obwohl 2024 laut Messdaten den zweithöchsten Hitzestress an diesem Standort seit 1985 brachte, gewannen einige der beschatteten Korallen nach der Installation der Schirme wieder Farbe zurück. Die ungeschützten Kolonien wurden im heißesten Abschnitt des Experiments dagegen immer blasser.
Die Unterwasser-Schirme bleiben dennoch eine Übergangslösung.
Komplette Riffe zu überdachen wäre kaum machbar. Das Team sieht die Methode deshalb vor allem als Notmaßnahme, um besonders gefährdete Korallen bei Extremhitze zu schützen. Langfristiger Schutz hängt jedoch davon ab, die Erwärmung der Meere zu begrenzen.
„Die Skalierung ist die große Einschränkung dieser Studie“, erläutert Neely. „Beschattung ist kein Allheilmittel.“
Marine Hitzewellen bleichen Riffe weltweit aus
Weltweit brechen die Meerestemperaturen immer neue Rekorde. Am 22. August erreichte die durchschnittliche globale Meeresoberflächentemperatur außerhalb der Polarregionen 21,1 °C, die höchste jemals gemessene Tagestemperatur.
Extremhitze trifft Korallenriffe inzwischen deutlich häufiger. Im August berichtete das Global Coral Reef Monitoring Network, dass Bleiche-Ereignisse heute etwa alle fünf bis sechs Jahre (Quelle auf Englisch) auftreten. Früher lag der Abstand bei ungefähr einem Jahrzehnt.
Korallen können sich erholen, sobald das Meer wieder abkühlt. Häufige marine Hitzewellen lassen den Riffen jedoch kaum noch Zeit, um Schäden auszuwachsen.
Das jüngste globale Bleiche-Ereignis begann 2023. Zwischen 2023 und 2024 ging die Bedeckung mit Hartkorallen weltweit um 8,9 Prozent zurück – der stärkste Rückgang innerhalb eines Jahres, der je erfasst wurde.
Bis März 2025 hatten 84 Prozent der weltweiten Korallenriffe Temperaturen erlebt, die stark genug waren, um Bleiche auszulösen. Teile des Great Barrier Reef in Australien verzeichneten zudem ihre größten jährlichen Verluste lebender Korallen seit fast 40 Jahren Überwachung.
Korallenriffe bedecken zwar weniger als 0,2 Prozent des Meeresbodens, sind aber für das Leben unter Wasser und an Land von enormer Bedeutung.
Sie bieten Nahrung und Lebensraum für mindestens ein Viertel aller Meeresarten, darunter viele Speisefische, und dienen Küsten als natürlicher Schutzwall.
Unterwasser-Schirme können marine Hitzewellen nicht verhindern, doch die Florida-Studie legt nahe, dass sie diesen empfindlichen Ökosystemen bei steigenden Temperaturen zumindest einen gewissen zusätzlichen Schutz geben.