Das "rote Gold" des Mittelmeers ist in Gefahr: Schmuggler plündern die Korallenbestände, auf Skopelos wurden mehrere Italiener festgenommen. Warum rote Koralle so wertvoll und gleichzeitig so schwer zu schützen ist.
Eine aktuelle Operation der griechischen Generaldirektion zur Kontrolle von Wirtschaftstransaktionen (DEOS) hat einen wenig bekannten, aber äußerst wertvollen Naturschatz des Mittelmeers wieder in den Fokus gerückt: die rote Koralle. Auf Skopelos, einer Insel der Nördlichen Sporaden in der Ägäis, stießen die Behörden auf mehrere italienische Staatsbürger.
Sie sollen rote Korallen vom Meeresboden entnommen haben. Anschließend sollten die Korallen offenbar nach Italien gebracht werden. Die griechischen Behörden schätzen den Wert der Ladung auf rund 800.000 Euro. Der Fall wird derzeit untersucht. Die Ermittler versuchen auch herauszufinden, welchen Weg die Korallen von Griechenland nach Italien nehmen sollten.
Der Vorfall auf Skopelos ist Teil einer größeren Geschichte. Rote Korallen werden seit Jahrhunderten im Mittelmeer gesammelt und international gehandelt. Italien spielt dabei traditionell eine wichtige Rolle. Die Stadt Torre del Greco nahe Neapel gilt als wichtigstes europäisches Zentrum für die Verarbeitung von Korallen und die Herstellung von Korallenschmuck. Korallen aus verschiedenen Regionen des Mittelmeers gelangen zur Verarbeitung nach Italien.
Dort entstehen aus dem Rohmaterial Schmuck und andere hochwertige Produkte. Dieser Handel ist grundsätzlich legal. Voraussetzung ist, dass die Korallen nach den Vorschriften des jeweiligen Herkunftslandes gewonnen wurden. Problematisch wird es, wenn illegal entnommene Korallen in die regulären Lieferketten gelangen.
Ein kostbarer Rohstoff
Der Wert roter Korallen schwankt stark. Entscheidend sind vor allem ihre Qualität, ihre Größe und der Grad der Verarbeitung. Ein Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) über die Zukunft der roten Koralle im Mittelmeer zeigt, wie wertvoll das Material sein kann. Korallen von besonders hoher Qualität können demnach Preise von bis zu 5.000 Euro pro Kilogramm erzielen.
Die Nachfrage ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Rote Koralle findet sich wieder häufiger in den Kollektionen großer internationaler Modemarken. Auch Luxusmarken wie Van Cleef & Arpels und Dolce & Gabbana verwenden das traditionsreiche Material für Schmuck, Kleidung und Accessoires. Das ist auch deshalb von Bedeutung, weil der Rohstoff nur begrenzt verfügbar ist.
Rote Koralle wächst extrem langsam. Große Kolonien brauchen Jahrzehnte, um sich zu entwickeln. Der hohe Wert der Koralle hat auch einen illegalen Markt entstehen lassen. Schmuggler bringen illegal gewonnene Korallen aus Ländern Südeuropas und Nordafrikas nach Europa. Allein aus Algerien werden nach Recherchen des Earth Journalism Network jedes Jahr bis zu drei Tonnen Korallen illegal nach Europa gebracht. Italien zählt dabei zu den wichtigsten Zielländern.
Eines der größten Probleme ist die Rückverfolgbarkeit. Sobald die Koralle in einer Werkstatt zu Schmuck verarbeitet wird, lässt sich ihre Herkunft nur noch schwer nachvollziehen.
Was wir über die rote Mittelmeer-Koralle wissen
Das ist einer der Gründe, warum die Allgemeine Fischereikommission für das Mittelmeer (GFCM) der FAO ein eigenes Forschungsprogramm zur roten Koralle ins Leben gerufen hat. Das Programm lief von 2020 bis 2023. Sieben Mittelmeerländer beteiligten sich daran, darunter auch Griechenland mit dem Hellenischen Zentrum für Meeresforschung (ΕΛΚΕΘΕ).
Ziel war es, mehr über den Zustand der Korallenbestände zu erfahren. Gleichzeitig sollten das Management und die Rückverfolgbarkeit verbessert werden. Zum Forschungsteam gehörten unter anderem Maria Salomidis, Forscherin am ΕΛΚΕΘΕ und Leiterin der Studie, sowie Giannis Issaris, Vasilis Gerakaris, Thanos Dalianis und Vasilis Gerovasileiou.
In Griechenland gibt es allerdings noch immer große Wissenslücken. „Die griechischen Meeresböden sind nicht kartiert“, sagt Salomidis. Die Forschenden haben zwar Gebiete mit Korallenbeständen identifiziert. Ein vollständiges Bild davon, wie groß die Bestände tatsächlich sind, gibt es jedoch noch nicht. Gleichzeitig stehen die Meeresböden durch verschiedene Nutzungen unter Druck.
Laut Salomidis können sowohl die Berufs- als auch die Freizeitfischerei die Korallenökosysteme beeinträchtigen. Das gilt auch dann, wenn die Korallen selbst nicht gezielt befischt werden. Die GFCM warnt, dass die Bestände der roten Koralle möglicherweise übernutzt sind. Auch der Fall auf Skopelos dürfte nach Einschätzung von Salomidis kein Einzelfall sein: "Das Einzige, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist: Wenn ein Fall aufgeflogen ist, sind mit großer Wahrscheinlichkeit viele weitere nie entdeckt worden."
Ein Tier, ein Mythos, Tausende Jahre Geschichte
Die rote Koralle (Corallium rubrum) ist keine Pflanze, sondern ein koloniebildendes Meerestier mit einem harten Kalkskelett. Sie wächst extrem langsam. Eine große, ausgewachsene Kolonie kann bis zu 100 Jahre brauchen, um sich vollständig zu entwickeln.
Die Geschichte der Koralle als begehrtes Material reicht weit über den modernen Schmuckmarkt hinaus. Archäologen haben bereits in prähistorischen Fundstätten Spuren ihrer Nutzung gefunden. Schon in der Antike wurde Koralle wegen ihrer Schönheit und Seltenheit geschätzt. Zudem wurden ihr schützende und heilende Kräfte zugeschrieben.
Ihre Geschichte ist sogar mit einem der bekanntesten Mythen des Mittelmeerraums verbunden. In Ovids Metamorphosen legt Perseus nach der Enthauptung Medusas den Kopf der Gorgone auf ein Bett aus Algen. Ihr Blut tropft auf die Pflanzen.
Dem Mythos zufolge verhärten sich die weichen Gewächse und färben sich purpurrot. So erklärte man sich in der Antike die Entstehung der Koralle. Fast zwei Jahrtausende später findet sich dieser Mythos noch immer in internationalen wissenschaftlichen Präsentationen über die rote Koralle.
Die Realität ist heute jedoch deutlich komplexer. Ein Organismus, der Jahrzehnte zum Wachsen braucht, ist zu einem begehrten Rohstoff auf dem Weltmarkt geworden. Gleichzeitig versuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler herauszufinden, wie viel von diesem natürlichen Reichtum im Mittelmeer überhaupt noch vorhanden ist.