Bis zu sechs Meter breit und mehr als 60 Meter tief ist der Spalt auf dem Gipfel des Hochvogels. Jetzt droht ein Teil abzubrechen. Wissenschaftler erwarten einen Felssturz von bis zu 400.000 Kubikmetern.
Rund 2.000 Kubikmeter Gestein sind im Juni am Hochvogel in den Allgäuer Alpen abgestürzt, jetzt erwarten Forscher einen weiteren großen Steinbruch mit bis zu 400.000 Kubikmetern. Der Gipfel droht, auseinanderzubrechen. Ein Spalt, der seit dem 19. Jahrhundert besteht, wird immer breiter und könnte bald einen Felssturz auslösen. Ersten Aufzeichnungen zufolge soll er einmal schulterbreit gewesen sein, inzwischen ist die Kluft einige Meter breit.
Wissenschaftler überwachen diesen sogenannten Hotspot bereits seit zwölf Jahren, zunächst noch auf Touren, seit 2018 mit dauerhaft installierten Sensoren und Messgeräten. Auch eine Drohne mit Laserscanner ist zum Einsatz gekommen.
Im Frühjahr konnten Messgeräte bereits Bewegungsraten von bis zu fünf Millimetern pro Woche aufzeichnen. In der Geologie ist das ein schnelles Tempo, üblicherweise bewegen sich die Berge der Alpen durchschnittlich um 1,8 Millimeter pro Jahr. Dieses Frühwarnsystem veranlasst die Forscher jetzt dazu, Alarm zu schlagen.
Frühwarnsystem soll Felssturz vorhersagen
Der Hochvogel liegt ziemlich genau an der Grenze zwischen Deutschland und Tirol in Österreich. Er liegt in den Allgäuer Hochalpen und ist 2.592 Meter hoch. Die Spalte hinter dem Gipfelkreuz auf der bayerischen Seite markiert relativ genau den Grenzgang zwischen den beiden Ländern.
Von österreichischer Seite ist der Berg schon länger gesperrt. Seit 2014 darf der Bäumenheimer Weg aus dem Tiroler Hornbachtal nicht mehr genutzt werden. Der deutsche Aufstieg ist allerdings noch problemlos möglich. Auch das Team von Geologieprofessor Michael Krautblattler ist Anfang Oktober noch einmal aufgestiegen, um das Gelände und die Geräte zu überprüfen.
Der Experte von der Technischen Universität München (TUM) kennt sich mit Muren und Bergstürzen aus. Auf dem Berg will er "Bereiche, die gefährlich sind, intensiv mit Frühwarnsystemen ausstatten und damit die Vorwarnzeichen, die uns der Berg gibt, gut lesen können", wie er in einem Interview mit dem Deutschen Alpenverein (DAV) im Februar 2026 sagte.
Messgeräte senden ununterbrochen Daten
Am Hochvogel gibt es inzwischen mehr als 30 Sensoren, die den gesamten Gipfel millimetergenau vermessen und Bewegungen dokumentieren. Die TUM hatte den Riss 2024 noch mit bis zu sechs Metern Breite, rund 35 Metern Länge und etwa 60 Metern Tiefe beschrieben. Ein neuer Riss an der Südwestkante gilt inzwischen als neuralgischer Punkt. Hier werden die größten Bewegungsraten gemessen. Die Wissenschaftler nennen den sogenannten Hotspot "Spalt 6".
Das Frühwarnsystem, wie sie es am Hochvogel installiert haben, gibt es Krautblatter zufolge nur noch in der Partnachklamm und der Höllentalklamm. "Dort lernen wir sehr intensiv, welche Signale der Berg wie lange im Voraus abgibt. Oft sind das nur Tage und Stunden. Solche Systeme werden fürs Hochgebirge sehr wichtig, denn dort wird sich unglaublich viel ändern – und zwar jenseits dessen, was wir als Erfahrungswissen haben", erklärte Krautblatter dem DAV weiter.
Die Daten der Messgeräte empfangen die Forscher systematisch und mehrmals pro Stunde in ihren Büros. Von den Frühwarnsystemen verspricht er sich, "die Alpen trotzdem nutzbar zu halten und ganz gezielt zu sagen: In diesem Tal wird es in den nächsten zwei Wochen gefährlich, hier kann niemand mehr rein".
Felssturz am Hochvogel könnte bereits begonnen haben
Dieser Ernstfall könnte Einschätzungen zufolge am Hochvogel kurz bevorstehen. Die Forscher gehen davon aus, dass 250.000 bis 400.000 Kubikmeter Geröll den Berg hinunter rauschen könnten und den Aufstieg von Tirol aus endgültig verschwinden lassen. Zum Vergleich: Beim jüngsten Felssturz an der Nordwand der Zugspitze brachen etwa 13.800 Kubikmeter Fels ab.
Einen Grund für die zunehmenden Bewegungen sehen die Forscher in extremen Witterungsbedingungen. Am Hochvogel "sehen wir einen deutlichen Einfluss von Starkniederschlagsereignissen, also starke Regenfälle, Gewitter und auch Schneeschmelze", erklärte Johannes Leinauer aus dem Team der TU München dem Deutschlandfunk.
"Und diese Gewittereignisse, die werden aktuell durch den Klimawandel verstärkt auftreten, häufiger, heftiger und das kann natürlich einen Einfluss darauf nehmen, wie schnell und wie häufig dann solche Felsstürze stattfinden.
Neben der Schneeschmelze im Frühjahr sind insbesondere auch Gewitter und Starkregen mitverantwortlich für die Felsstürze. Man höre während der Messarbeiten oft überall die Steine herunterpurzeln, schilderte Leinauer dem Sender. Dabei bröckeln fast täglich kleine und größere Steine ab, der Klettersteig und das Gebiet unterhalb des Gipfels wurde auf einer Seite gesperrt.
Mehrere Felsstürze in diesem Jahr
Ein Dorf wie im Jahr zuvor der Schweizer Ort Blatten ist diesmal glücklicherweise nicht betroffen. Der nächste Ort im Tiroler Tal ist Hinterhornbach mit 88 Einwohnern. Der Bürgermeister dieser Gemeinde sowie sein Amtskollege vom bayerischen Bad Hindelang würden per SMS über kritische Beschleunigungen informiert, wie die Frankfurter Rundschau berichtet.
Bereits in diesem Jahr hatte der Felssturz an der Nordwand der Zugspitze für eine Sperrung gesorgt. Im vergangenen Jahr machte die Räumung des Dorfes Blatten Schlagzeilen. Kühe mussten teils mit dem Hubschrauber ausgeflogen werden, Teile der Gemeinde wurden anschließend von einer massiven Gerölllawine verschüttet. Der Sicherheitschef der Region sprach trotz der Vorkehrungen von einer "großes Katastrophe".