In Frankreich haben Randalierer mehr als 2.000 Geschäfte verwüstet, der Schaden wird auf Hunderte Millionen Euro geschätzt. Jetzt muss die Regierung ihr Versagen erklären.
Jugendliche, die sich am Wochenende an den Plünderungen in Frankreich beteiligt hatten, stellen Videos der gewaltsamen Angriffe auf TikTok und X online. Darin prahlen sie mit ihrer Beute und damit, Sicherheitskräfte verprügelt zu haben.
„Danke Paris, danke Paname“, sagt ein junger Mann in einem TikTok-Video und benutzt damit einen Slang-Namen für die Hauptstadt. „Ihr seid Killer, Leute, wir haben alles auseinandergenommen.“
Seine Augen sind gerötet, offenbar vom Tränengas. Dann zählt er seine Beute auf. „Ich habe mir neue Sachen von Under Armour geschnappt“, behauptet er - mit Verweis auf die US-Sportmarke.
Dann wendet sich der User an die CRS-Einheiten, die zum Militär gehören. „Ihr seid einfach weggerannt, Leute, wir haben euch zerstört“, ruft er, bevor er das Video mit den Worten beendet: „Generation Z, Respekt.“
„Beim Plündern sparst du Geld“
In einem zweiten Video erklärt ein junger Mann einem Interviewer, warum er mitgemacht hat. Er sagt, er habe gegen die hohen Spritpreise demonstriert, weil seine Mutter ein Auto hat. Gleichzeitig habe er Kleidung und andere Waren aus einem Sportgeschäft mitgenommen.
„Am Ende sparst du Geld, wenn du plünderst“.
Auf die Frage, wie er Frankreich sieht, antwortet er: „Ich finde, Frankreich ist rassistisch, und wir sollten alle gleich sein.“ Ein Restaurant habe ihn am selben Tag abgewiesen, aber „einen Franzosen“ hineingelassen.
Der Interviewer fragt, ob die Plünderungen nicht das Bild vom „Nordafrikaner, der stiehlt“ noch verstärken. Der junge Mann antwortet: „Wenn wir so weitermachen, wird es Chaos geben.“
„Den Ladenbesitzern konnte man nicht in die Augen schauen“
Die Großspurigkeit in den Videos steht im scharfen Kontrast zur Stimmung in der Regierung. Innenminister Laurent Nuñez räumte am Montag ein, dass die Polizei zeitweise die Kontrolle verloren hatte.
„Am Samstag konnte man in einigen großen Städten den Ladenbesitzern nach der Plünderung von Hunderten Geschäften nicht in die Augen schauen und behaupten, wir hätten die Kontrolle nicht verloren“, räumte der Minister ein.
Nuñez sprach von einem „Mangel an Voraussicht“ bei der Planung des Sicherheitsaufgebots. Rund 60.000 Polizisten und Gendarmen seien am Samstag landesweit im Einsatz gewesen, zu wenig für die großen Gruppen von Randalierern und Plünderern am Rande der Demonstrationen.
„Angesichts der angerichteten Schäden war es nur folgerichtig, dass ich meinen Rücktritt angeboten habe“, so Laurent Nuñez. Präsident Emmanuel Macron lehnte das Rücktrittsangebot ab.
Schäden in dreistelliger Millionenhöhe
Mehr als 500.000 Menschen waren am Samstag in ganz Frankreich gegen die hohen Lebenshaltungskosten auf die Straße gegangen. Die Demonstrationen schlugen anschließend in eine der schlimmsten Gewaltnächte seit Jahren um: Rathäuser und Geschäfte wurden gestürmt, geplündert und in Brand gesetzt.
In Paris rissen Gruppen maskierter Männer in schwarzen Kapuzenpullis so lange an Metallrollläden, bis sie nachgaben. Danach räumten sie Regale mit Zigaretten, Sonnenbrillen, Kleidung, Schmuck und Lebensmitteln leer, berichteten Journalistinnen und -Journalisten der Agentur AFP. Plünderer verließen einen Supermarkt mit Tüten voller Kuchen, Fruchtsaft und Alkohol.
Aus einem kleinen Juweliergeschäft verschwanden antike Uhren, ganze Ständer mit Sonnenbrillen waren plötzlich weg. In manchen Läden warfen Plünderer die Kassen auf den Boden, nur um festzustellen, dass sie leer waren.
Landesweit dürften mehr als 2.000 Geschäfte betroffen sein, schätzt Alain Di Crescenzo, Präsident der Handelskammer. Er bezifferte den geschätzten Schaden auf „Hunderte Millionen Euro“.
Wirtschaftsexperten befürchten auch, dass die Zinsen, die Frankreich für die Rekordschulden des Staates zahlen muss, als Folge der instabilen Lage weiter steigen könnten.
Die Polizei nahm mehr als 2.500 Menschen fest, fast 1.000 Angehörige der Sicherheitskräfte wurden verletzt. Auch Demonstrierende erlitten Verletzungen, darunter ein Teilnehmer, dem eine Schockgranate der Polizei die Hand abriss.
Justizminister Gérald Darmanin erklärte, über das Wochenende seien mehr als 2.330 Menschen in Polizeigewahrsam genommen worden, 70 Prozent von ihnen seien Erwachsene.
Unweit von Lyon - in St. Etienne - wurde laut Lokalpresse ein junger Mann erwischt, der am Samstag gestohlene Kleidung und andere geplünderte Gegenstände im Wert von 5.000 Euro bei sich zu Hause hatte.