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Abschiedstourismus? Diese deutschen Gletscher sind in 10 Jahren weg

Die Gletscher in Europa schmelzen dahin und es hat sich ein wahrer Abschiedstourismus entwickelt, um das Naturphänomen noch einmal zu sehen. (Symbolbild)
Die Gletscher in Europa schmelzen dahin und es hat sich ein wahrer Abschiedstourismus entwickelt, um das Naturphänomen noch einmal zu sehen. (Symbolbild) -  Copyright  © KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
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Von Franziska Müller
Zuerst veröffentlicht am
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In Deutschland könnten die letzten Gletscher binnen zehn Jahren schwinden. Es hat sich ein wahrer Abschiedstourismus entwickelt, um das Naturphänomen noch einmal zu sehen, bevor es zu spät ist. Ein Überblick über die letzten deutschen Gletscher.

In Deutschland lassen sich die Gletscher inzwischen an einer Hand abzählen. Vier Berge mit Gletschern gibt es hier noch, doch eine Frage drängt sich auf: Wie lange noch? Die Antwort der Experten fällt knapp aus.

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Deshalb kommt es vermehrt zu Besuchern und Touristen, die das Phänomen in Deutschland noch einmal sehen wollen, bevor es nichts mehr zu sehen gibt. Immer öfter wird von einem "Abschiedstourismus" gesprochen.

Zwischen 2023 und 2025 büßten die deutschen Gletscher mehr als ein Viertel der Eisfläche ein. Rund eine Million Kubikmeter Eis gingen insgesamt verloren, so einer Vermessung von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften im vergangenen Jahr.

14 Millionen Menschen pro Jahr auf Gletschern

Insgesamt seien 14 Millionen Bescher weltweit im Jahr auf Gletschertouren, heißt es einer Studie zufolge in der Fachzeitschrift Nature Climate Change. "In der Nähe dieser riesigen Eismassen zu sein, ist ein beeindruckendes Erlebnis, denn sie sind einzigartige Naturwunder, die sich bewegen, knarren, flüstern und zum Nachdenken anregen", schrieb die Anthropologin Cymene Howe von der Rice University.

Doch das hat einen Preis: denn der Gletschertourismus belastet wiederum das sensible Ökosystem. Für den Geografen Emmanuel Salim aus Lausanne, Mitautor des Papiers, ist es ein Paradox: Touristen wollten eine schwindende Welt sehen, solange es noch geht, beschleunigten aber mit ihren umweltbelastenden Reisen den Niedergang der Welt, die sie bewundern wollten. So seien beispielsweise nur für Wanderungen in Gletschergebieten neue Wege angelegt worden.

Die Prognose für die deutschen Gletscher ist düster. Binnen zehn Jahren könnten sie alle Geschichte sein.

Gletscherschwund wird akut

Die Gletscher-Fläche auf dem Schwarzmilzferner, dem letzten Gletscher der Allgäuer Alpen, ist innerhalb eines Jahres um die Hälfte geschrumpft. Übrig ist einem aktuellen Bericht zufolge ein ein Hektar, etwa eineinhalb Fußballfelder.

Früher gab es in den Allgäuer Alpen noch den Hochalpferner sowie den Hochvogelgletscher. Der Schwarzmilzferner ist mit seinen 2450 Metern Höhe ein relativ niedriger Gletscher an der deutsch-östereichischen Grenze.

In den 80er Jahren sollen sich Untersuchungen erstmals mit dem Rückgang des Schneefeldes beschäftigt haben. Nach wissenschaftlichen Berechnungen hatte der Gletscher zwischen 1850 und 1903 etwa 14 Hektar verloren. In den 60 Jahren danach sei die Fläche laut der Diplomarbeit von Roland Marder von der TU München erneut um 31 Meter eingesunken. Schuld daran ist unter anderem die Südlage des Schnee- und Eisfeldes. Es liegt exponiert auf der Sonnenseite.

Während der Gletscher in den Jahren zwischen 1975 und 1985 durch eine Reihe kühler, nasser Sommer wieder aufwuchs, so verlor er danach erneut an Fläche und Dicke. Im Vergleich zum Vorjahr soll er Gletscher um fast ein Drittel geschrumpft sein, wie zwei Glaziologen dem Bayerischen Rundfunk berichteten. Das Eis sei außerdem um über die Hälfte dünner geworden und teilweise in einzelne Teile zerbrochen. Der diesjährige Sommer war für die Gletscher ein schlechter.

Der Klimawandel mit heißen und trockenen Sommern ist der "Treiber des Gletscherverschwindens", sagt Christoph Mayer von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften dem BR. Die drei Meter würden vermutlich nächstes Jahr ganz abschmelzen und dann werde der Schwarzmilzferner Geschichte sein, erklärte Mayer und nennt es das "Ende einer Ära". Die vergangenen 20 Jahre hätten einen großen Unterschied gemacht.

Der Watzmanngletscher ist einer der wenigen letzten Gletscher in Deutschland.
Der Watzmanngletscher ist einer der wenigen letzten Gletscher in Deutschland. By Thorsten Hartmann - Own work, CC BY-SA 3.0,

Vier weitere Gletscher gibt es in Deutschland noch in den Berchtesgardener Bergen. Experten rechnen damit, dass der Blaueisgletscher und Watzmanngletscher schon bald ihren Status als Gletscher verlieren könnten. Außerdem erwarten sie, dass der Nördlicher Schneeferner an der Zugspitze bis zum Ende des Jahrzehnts schmilzt. Der Höllentalferner im Zugspitzgebiet sollte sich zwar noch am längsten halten, doch auch hier ist mit großen Verlusten zu rechnen. Wissenschaftler gaben auch ihm nur noch maximal zehn Jahre.

Abschiedstourismus auf den Gletschern

Der Tourismus auf den Gletscher war schon immer beliebt. "Jeden Sommer wandern Tausende von Bergsteigern [...] über einen Schneefleck", heißt es in einem Heft der lokalen Zeitschrift "Unser Oberstdorf" aus dem Jahr 1996. Nur die wenigsten würden wohl, dass dieser nur gerade 8 Hektar große perennierende Schneefleck der einzige Gletscher der Allgäuer Alpen sei, heißt es in dem Artikel weiter.

Der wohl erste Besucher hat über seine Besteigung ein Buch geschrieben. Otto Sendtner gilt 1852 als erster touristischer Besteiger der 2.646 Meter hohen Mädelegabel, die über dem Gletscher liegt. In seinem Buch von 1864 schrieb er laut dem Lokalblatt des Verschönerungsvereins Oberstdorf: "Dieser Rücken [der Mädelegabel] trägt ein großes Schneefeld von 2000 - 5000 Wiener Fuß [ca. 650 bis 1600 m] Breite und 10.000 Wiener Fuß [3250 m] Länge."

Auch der DAV hat bereits Touren zur Eisfläche angeboten: "Gletscherkunde zum Schwarzmilzferner" nennt der Deutsche Alpenverein seine zweitägige Tour und bewirbt die Route auch damit, dass es sich um den letzten Gletscher der Allgäuer Alpen handelt.

Touristen erklimmen über den Gletscher hinaus die Zugspitze. Aufnahme aus dem Jahr 2011.
Touristen erklimmen über den Gletscher hinaus die Zugspitze. Aufnahme aus dem Jahr 2011. By Pavel Špindler, CC BY 3.0

Touren und Exkursionen mit Experten organisiert auch die Bayerische Zugspitzbahn (BZB) für die beiden Schneeflächen an der Zugspitze. "Wir merken, dass es für viele Gäste eine Art Abschiedsbesuch ist", erklärte die Sprecherin der Zugspitzbahn Laura Schaper der Zeitung Welt. "Hier oben kann man dem Gletscher beim Schmelzen zusehen", wird Klaus Schanda, Vertriebs- und Marketingleiter der BZB in einer Mitteilung zitiert.

Im März hatte die BZB entschieden, den letzten Schlepplift auf den Schneeferner Gletscher außer Betrieb zu setzen. Der Hang sei deutlicher steiler geworden und deshalb sei es aus technischer Sicht nicht mehr möglich, den Lift weiterhin zu betreiben. Die Anlage werde zurückgebaut. Das Thema des Gletscherrückgang beschäftige Schanda zufolge viele Besucher.

Die evangelische und katholische Kirche hatte bereits im Jahr 2023 eine symbolische Trauerfeier am Nördlichen Schneeferner gemacht, um auf das Gletschersterben aufmerksam zu machen.

Auch die Alpen in der Schweiz und Österreich schwinden

Einem Bericht zufolge sind seit 2022 fast ein Fünftel des Gletschereises in den Schweizer Alpen bereits weggeschmolzen. Wegen mehrerer Hitzewellen sei schon im Sommer die schützende Schneedecke weitgehend verschwunden gewesen, wie das Schweizerische Gletschermessnetz (Glamos) berichtet. Demnach habe auch dort die mittlere Eisdecke einzelner Gletscher um 2,5 bis vier Meter abgenommen. Der Eisverlust war in den vergangenen fünf Jahren fast doppelt so hoch wie in den fünf Jahren davor.

Auch in den österreichischen Bergen ist das Eis binnen zwei Jahrzehnten um 31 Prozent geschrumpft. Aus dem jüngsten Gletscherinventar des Alpenlandes aus dem September 2026 geht hervor, dass 2023 noch 285 Quadratkilometer Gletscherfläche überbleibt.

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