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Eisiges Jubiläum: 35 Jahre nach Ötzis Fund - war die Gletscherleiche Millionär?

Die rund 5300 Jahre alte Leiche von OETZI im Musuem in Bozen
Die rund 5300 Jahre alte Leiche von OETZI im Musuem in Bozen -  Copyright  AP Photo
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Von Patrick Drews
Zuerst veröffentlicht am •Zuletzt aktualisiert
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35 Jahre nach dem Fund: Warum starb der Mann im Eis vor 5300 Jahren wirklich? War Ötzi der reichste Mann seiner Zeit?

Es ist der älteste, faszinierendste und zugleich kälteste Kriminalfall der Menschheitsgeschichte. Vor über 5300 Jahren stirbt ein Mann einsam auf einem eisigen Hochpass der Alpen – hinterrücks getroffen von einem Pfeil. Doch wer war das Opfer im Eis?

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Heute, Jahrtausende später, hat eine beispiellose Sondereinheit die Ermittlungen aufgenommen. Es ist eine Jagd nach der Wahrheit, bei der Forschung auf modernste Kriminalistik trifft. Während Archäologen und Genetiker die Lebenswelt und den überraschenden Reichtum des Mannes rekonstruieren, jagen Gerichtsmediziner und echte Profiler der Mordkommission mit den Methoden des 21. Jahrhunderts den unbarmherzigen Schützen. Wer war der mächtige Tote vom Tisenjoch, warum musste er sterben – und wer schafft es, das Jahrtausende alte Schweigen des Gletschers endgültig zu brechen?

Heute vor 35 Jahren - die Entdeckung im September 1991

Am 19. September 1991 findet das deutsche Bergsteiger-Ehepaar Erika und Helmut Simon in den Ötztaler Alpen auf 3210 Metern Höhe eine Leiche. Am sogenannten Tisenjoch nahe der Grenze zwischen Österreich und Italien erblicken sie einen menschlichen Körper, der aus dem schmelzenden Gletschereis ragt. Zunächst glauben die Behörden an einen verunglückten Bergsteiger. Erst als Experten die Ausrüstung der Mumie untersuchen wird das historische Ausmaß klar. Der Mann im Eis liegt dort schon seit mehr als 5300 Jahren. Dank der extremen Kälte an der Fundstelle und der schnellen Überdeckung durch das Eis blieb sein Körper als natürliche Feuchtmumie sensationell gut erhalten.

Als die Mumie in den Ötztaler Alpen entdeckt wird, brauchen die Medien und die Öffentlichkeit schnell einen griffigen Namen. Der offizielle wissenschaftliche Name „Mann vom Tisenjoch“ ist für Zeitungsüberschriften einfach zu lang. Der Wiener Journalist Karl Wendl erfindet daher den Namen Ötzi - abgeleitet von "Ötzaler Alpen". Wendl verwendete den Begriff „Ötzi“ erstmals in einem Artikel für die österreichische Boulevardzeitung Kronen Zeitung - und dieser hält sich bis heute.

Es folgt ein internationaler Streit um den Fund

Schon kurz nach der Bergung bricht ein heftiger, teils skurriler Streit um die Mumie aus. Die zentrale Frage lautet: Wem gehört Ötzi? Da der Fundort exakt auf dem alpinen Grenzgebiet liegt, müssen Vermesser ausrücken. Eine präzise Nachmessung ergibt, dass Ötzi genau 92,56 Meter auf italienischem Staatsgebiet (Südtirol) lag. Damit geht die Mumie in den Besitz Italiens über, was in Österreich für Enttäuschung sorgt. Ein jahrelanger Rechtsstreit entbrennt zudem um den Finderlohn. Das deutsche Ehepaar Simon, das Ötzi gefunden hatte, muss mehr als ein Jahrzehnt vor Gericht kämpfen, bis ihnen der offizielle Status als Finder und schließlich eine Entschädigung von 175.000 Euro zugesprochen wird. Heute hat Ötzi seine dauerhafte Ruhestätte im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen gefunden.

Der Mensch Ötzi

Durch moderne Gerichtsmedizin und Genanalysen wissen wir heute erstaunlich viel über den Mann aus der Kupferzeit. Ötzi war zum Zeitpunkt seines Todes etwa 45 Jahre alt, rund 1,60 Meter groß und wog circa 50 Kilogramm. Er hatte braune Augen, dunkle Haare und litt unter einigen gesundheitlichen Beschwerden: Seine Gelenke waren abgenutzt, er hatte Karies, litt an Laktoseintoleranz und sein Magen war mit dem Magenkeim Helicobacter pylori infiziert. Das könnte ein Hinweis auf eine Magenschleimhautenzündung sein.

Seine Haut war mit über 60 Tätowierungen verziert, die vor allem aus Linien und Kreuzen bestanden. Forscher vermuten, dass diese eine therapeutische Funktion hatten – ähnlich einer frühen Form der Akupunktur, um Schmerzen in den Gelenken zu lindern. Seine letzte Mahlzeit bestand aus getrocknetem Steinbockfleisch, Hirschfleisch und Einkorn. Einkorn ist eine der ältesten kultivierten Getreidearten der Welt. Es gilt zusammen mit Emmer und Gerste als die Urform unseres heutigen Weizens.

Ötzi ist für die Wissenschaft eine unschätzbare Zeitkapsel

Seine Kleidung und Ausrüstung gibt Forschern völlig neue Einblicke in den Alltag der Kupferzeit. Er trug eine Jacke aus Schaf- und Ziegenhaut, eine Mütze aus Bärenfell und raffinierte, mit Gras gefütterte Lederschuhe.

Nachbildungen der bei Oetzi gefundenen Schuhe
Nachbildungen der bei Oetzi gefundenen Schuhe AP Photo

Dass Ötzi für damalige Verhältnisse außerordentlich reich und einflussreich war, schließen Forscher vor allem aus seiner hochwertigen Ausrüstung. In der Kupferzeit waren Metallgegenstände nämlich extreme Statussymbole und nur Superreichen vorbehalten. Sein Kupferbeil ist der stärkste Beweis dafür. Die Klinge besteht zu 99,7 % aus reinem Kupfer und war perfekt geschmiedet. Ein solches Beil besaß damals nicht jeder. Es ist ein klares Zeichen für Macht, Wohlstand und eine hohe soziale Führungsposition -womöglich als Stammeshäuptling.

Seine Garderobe war kein grob zusammengewürfeltes Fell, sondern eine maßgeschneiderte Kombination aus verschiedenen Lederarten. Bärenfellmütze, Ziegenleder-Leggings und aufwendig isolierte Schuhe. Er war perfekt für das Hochgebirge ausgestattet, was sich nur jemand mit Geld leisten konnte.

Zudem trug Ötzi trug einen fast zwei Meter langen Bogenrohling aus Eibenholz bei sich. Eibe war das beste und begehrteste Holz für den Bogenbau, extrem elastisch und schwer zu beschaffen. Dazu war sein Pfeilköcher aus gemustertem Leder gefertigt. Das zeigt, dass selbst seine Gebrauchsgegenstände ästhetisch und kostbar gearbeitet waren. Kurz gesagt: Ötzi war kein einfacher Hirte oder Jäger, sondern ein Mann von hohem gesellschaftlichem Rang, dessen Besitz Neid erwecken konnte.

Ötzi
Ötzi -/AP2011

Das große Rätsel : Was passierte in seinen letzten Stunden?

Lange dachte man, Ötzi sei in einem Schneesturm erfroren. Doch im Jahr 2001 entdeckte ein Radiologe mittels Computertomographie eine Pfeilspitze aus Feuerstein in der linken Schulter der Leiche. Sie hatte eine Hauptschlagader getroffen – Ötzi wurde hinterrücks ermordet. Zudem fand man eine Schädelverletzung und Abwehrverletzungen an den Händen.

Floh er demnach in Folge eines Konflikts im Tal ins Hochgebirge? War Ötzi auf der Flucht?Wer waren seine Angreifer? Waren sie dicht hinter ihm? Der älteste ungeklärte Mordfall der Menschheit fasziniert bis heute.

Die faszinierendsten neuen Erkenntnisse im Überblick

In der Ötzi-Forschung hat sich in den vergangenen Jahren Erstaunliches getan. Dank modernster Gendiagnostik und neuer Methoden mussten Wissenschaftler das Bild, das wir jahrzehntelang von Ötzi hatten, in weiten Teilen völlig umschreiben.

Im Jahr 2023 wurde Ötzis Genom mit modernsten Methoden neu sequenziert, da die erste Analyse von 2012 stark mit moderner DNA verunreinigt war. Die neuen, sauberen Ergebnisse korrigieren sein Aussehen radikal,

Entgegen der bekannten Museumskonstruktionen hatte Ötzi eine starke genetische Veranlagung zu einer Glatze. Als er also mit etwa 45 Jahren starb, hatte er vermutlich kaum noch Haare auf dem Kopf. Und seine Haut war genetisch wesentlich dunkler, als man ursprünglich dachte – dunkler als die heutiger Südeuropäer. Die dunkle Farbe der Mumie ist also nicht nur der Gletschermumifizierung geschuldet, sondern entspricht eher seinem tatsächlichen Aussehen zu Lebzeiten. Er stammte zu über 90 % von anatolischen Einwanderern ab - Frühbauern aus der heutigen Türkei.

Doch trotz all der modernen Erkenntnisse über sein Leben und seinen gewaltsamen Tod bleibt das größte Geheimnis im ewigen Eis verborgen: Wer war dieser mächtige Mann aus den Bergen wirklich?

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