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Kallas schlägt Alarm: Drängt Washington die Ukraine zur Kapitulation?

US-Präsident Donald Trump.
US-Präsident Donald Trump. -  Copyright  Julia Demaree Nikhinson/Copyright 2026 The AP. All rights reserved.
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Von Jorge Liboreiro & Sasha Vakulina & Shona Murray
Zuerst veröffentlicht am
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In Europa wächst die Sorge, dass US-Präsident Trump die Ukraine für einen großen Deal mit Putin opfern könnte. Washington lockert Sanktionen, Kyjiw wartet auf Abfangraketen. Die EU setzt auf Dialog und hofft, Einfluss zu behalten.

In Kyjiw und in Europas Hauptstädten vermuten viele seit Langem, dass Donald Trump eine Schwäche für Wladimir Putin hat. Nun merken sie, dass diese Nähe weiter reicht, als sie sich ausgemalt hatten.

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In einer Reihe politischer Paukenschläge stellte sich der US-Präsident demonstrativ an die Seite seines russischen Amtskollegen. Er schloss ein Diesel-Geschäft, leitete die Lockerung jahrelanger Sanktionen ein und schien ein Sanktionsgesetz zu umgehen, das er erst vor einem Monat unterschrieben hatte. Seine Attacken gegen den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, ohnehin ein Dauerthema im Weißen Haus, wurden noch schärfer.

Der Kreml, der seit Langem auf ein Bröckeln der westlichen Geschlossenheit setzt, nutzte die Gelegenheit. Moskau bietet neue gemeinsame Projekte an und bringt einen trilateralen Gipfel von Putin, Trump und Chinas Präsident Xi Jinping ins Gespräch. Für Russland, dessen Wirtschaft zunehmend unter Druck gerät, wäre ein solches Treffen ein weiterer Beleg für den angestrebten Großmachtstatus. Trump erklärte, er sei dazu bereit.

Sorge in der Ukraine

In der Ukraine wächst die Besorgnis. Plötzliche Einschränkungen bei Starlink, dem Satellitensystem des Trump-Vertrauten Elon Musk, und unerklärliche Verzögerungen bei US-Waffenlieferungen nähren den Verdacht, Washington spiele Kyjiw zu Moskaus Vorteil aus.

"Amerikanische Unterhändler versuchen seit fast zwei Jahren, die Ukraine zu einer Kapitulation zu drängen", sagte EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas Anfang der Woche im Europäischen Parlament in ungewohnt undiplomatischen Worten. "Dass die Ukraine nicht zu Putins Bedingungen kapituliert hat, liegt daran, dass Europa die Ukraine unterstützt."

Kallas sprach damit Ängste aus, die Kyjiw und seine Partner seit Trumps Wiederwahl begleiten. Die Sorge wird konkreter: Trump könnte, getrieben von der Suche nach einem großen Deal und der Aussicht auf den Friedensnobelpreis, bereit sein, die Ukraine zu verkaufen.

"Niemand versteht so recht, warum Trump von Putin fasziniert ist. Er stilisiert Putin weit über das hinaus, was ihm zusteht. Russlands Wirtschaft ist so groß wie die Italiens", sagte ein ranghoher europäischer Beamter Euronews. "Das ist alles sehr beunruhigend. Es ist erschreckend, wenn man zwei Immobilienhändler in Verhandlungen mit Putin schickt, in denen sie beschließen, ein Land unter sich aufzuteilen."

Wladimir Putin.
Wladimir Putin. Sputnik

Die Bemerkung zielte auf die US-Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner, die wie Trump mit Immobilien zu Vermögen kamen. Laut Berichten schlugen sie vor, eingefrorene russische Vermögenswerte freizugeben und die Lieferung russischen Gases nach Europa wieder aufzunehmen, um Friedensgespräche zu versüßen. Europäische Regierungen lehnen beides ab.

Witkoff geriet diese Woche heftig in die Kritik, nachdem er Putin als "Humanisten" bezeichnet hatte. Nur wenige Stunden später feuerte Russland 21 ballistische Raketen auf Kyjiw ab, drei davon mit Streumunition, die möglichst viele zivile Opfer und Schäden verursachen soll.

"Die USA versuchen immer wieder, Putin mit lukrativen Deals zu ködern, wenn er nur das Ukraine-Problem aus dem Weg räumt. Aber Putin gehört bereits zu den reichsten Männern der Welt. Er will ein größeres Russland schaffen", fügte der Beamte hinzu. "Europa ist schlicht nicht dafür gemacht, in einem derart gnadenlos transaktionalen Umfeld zu agieren."

Innenpolitischer Druck vor den Zwischenwahlen

Ein weiterer Verantwortlicher, der anonym bleiben wollte, nannte Trumps pro-russische Tiraden "besorgniserregend und frustrierend". Beobachter bringen sie mit wachsendem innenpolitischem Druck vor den Zwischenwahlen im kommenden Monat in Verbindung. Den Republikanern droht der Verlust der Mehrheit in Repräsentantenhaus und Senat. Viele Wähler haben sich von Trump abgewandt, zugleich treibt die Inflation die ohnehin hohen Energiepreise weiter nach oben.

Trump versucht, die Verantwortung abzuschieben, und verweist auf ukrainische Angriffe auf russische Ölraffinerien. Energieexperten sehen jedoch seinen Feldzug gegen Iran als Hauptursache der Turbulenzen auf den globalen Ölmärkten.

"Bis zu den Zwischenwahlen ist es schwer, aus seinen Aussagen klare Schlüsse zu ziehen. Es fühlt sich so an, als müssten wir bis dahin einfach die Nerven behalten", sagte der zweite Beamte. "Für die Ukraine ist das in der Praxis natürlich viel schwerer. Dennoch habe ich nicht den Eindruck, dass sie kurz vor dem Zusammenbruch steht."

Ein Sieg der Demokraten würde Trumps innenpolitischen Spielraum einschränken. Welche Folgen das für seine Außenpolitik hätte, ist weniger klar. Trumps Verachtung für Europa und seine Nähe zu Russland reichen jedenfalls deutlich weiter zurück als dieser Wahlkampf. "Am Tisch herrscht klar das Gefühl, dass es noch wichtiger ist, die Ukraine zu unterstützen", sagte ein hochrangiger europäischer Diplomat. "Einige Optimisten hoffen, dass sich nach den Zwischenwahlen etwas bessert, aber ich bezweifle das."

Trump gegen Selenskyj

Der Druck aus Washington auf die Ukraine nimmt seit mindestens einem Jahr spürbar zu. Im November 2025 legte Washington einen von den USA unterstützten Friedensplan mit 28 Punkten vor. Nach Medienberichten wurde der Entwurf zunächst in Moskau verfasst und erst danach nach Washington übermittelt.

Er sah vor, dass die Ukraine Gebiete abtritt, ihre Streitkräfte verkleinert und dauerhaft auf eine NATO-Mitgliedschaft verzichtet. Die europäischen Regierungen rückten rasch zusammen, versuchten den Plan zu überarbeiten und warnten, er lasse die Ukraine für neue russische Angriffe offen.

Seither geht der Streit weit über mögliche Friedensbedingungen hinaus. Es geht auch darum, welche militärischen Fähigkeiten die Ukraine zur Verteidigung braucht. Kyjiw wirft Washington vor, die Lieferung von Patriot-Abfangraketen zu verzögern, die europäische Partner finanzieren, den Austausch von Geheimdienstinformationen über anfliegende russische ballistische Raketen zu unterbrechen und den Zugang zu Satellitenkommunikation einzuschränken. Ukrainische Regierungsvertreter sind überzeugt, dass Selenskyj so zu einem Abkommen gedrängt werden soll, das Moskau stärker begünstigt.

Das Weiße Haus bestreitet, aus politischen Gründen Beschränkungen verhängt zu haben. US-Vertreter weisen auch den Vorwurf zurück, Witkoff und Kushner hätten mit einem Stopp militärischer und nachrichtendienstlicher Hilfe gedroht, falls Kyjiw keine Zugeständnisse mache.

Die Folgen könnten tödlich sein. Patriot-Abfangraketen zählen zu den wichtigsten Schutzschilden der Ukraine gegen russische ballistische Raketen, und US-Geheimdienste liefern entscheidende Frühwarnungen. Das Frühwarnsystem ist inzwischen wieder in Betrieb. "Ohne Amerika wäre es für uns viel schwieriger", sagte Selenskyj vor US-Senatoren.

Mitte September erklärten Regierungsquellen in Kyjiw gegenüber Euronews, Washington werde keine Lizenz zur Produktion von Patriot-Abfangraketen in der Ukraine erteilen. Damit wären die Pläne für eine Fertigung im eigenen Land hinfällig. Das widerspricht früheren öffentlichen Versprechen Trumps.

Selenskyj sagte später, der US-Präsident habe dem Vorhaben zugestimmt, doch ein endgültiger Lizenzvertrag liegt bis heute nicht vor. Der Streit macht eine grundsätzliche Schwäche sichtbar: Die Ukraine bleibt von Washington abhängig, bei Waffenlieferungen wie bei der Produktion zentraler Militärtechnologie.

Der Druck betrifft auch ukrainische Angriffe auf russische Ölraffinerien, die Russlands Exportkapazitäten verringern und seine Kriegskasse treffen. Trump fordert ein Ende der Schläge. Selenskyj lehnte zunächst ab, da die Angriffe eines der stärksten Druckmittel seien. Später bot er an, sie für 30 Tage auszusetzen, im Gegenzug für zusätzliche Patriot-Abfangraketen. Geliefert wurden keine.

Wolodymyr Selenskyj in Oslo.
Wolodymyr Selenskyj in Oslo. Heiko Junge / NTB

Parallel verschärft Trump seine persönlichen Angriffe. Er drängt Kyjiw, Neuwahlen abzuhalten und "jemand anderen" für Verhandlungen mit Moskau zu benennen. Die ukrainische Verfassung verbietet Wahlen im Krieg. Im März 2024 hatte die US-Regierung unter Joe Biden die russische Präsidentschaftswahl für weder frei noch fair erklärt, unter Verweis auf den Ausschluss echter Opposition und die Stimmabgabe in besetzten ukrainischen Gebieten. Trump fordert dagegen weder Neuwahlen in Russland noch einen Machtwechsel in Moskau. Stattdessen lud er Putin zum G20-Gipfel im Dezember ein, eine Geste, die für Unruhe sorgt.

Trump scheint wenig daran interessiert, Moskau zu Zugeständnissen zu bewegen, und legt die Last auf die Ukraine als schwächeren Akteur. Washington lockerte sogar Sanktionen gegen russischen Diesel, ohne zuvor eine Verhaltensänderung in Moskau durchzusetzen. "Ehrlich gesagt: Der eine sucht Geld, der andere Ruhm", sagte ein weiterer ranghoher Diplomat. Trumps Versuch, Putin mit Wirtschaftsprojekten zu ködern, hält er für "vergeblich", weil beide verschiedene Ziele verfolgen.

Europa hält am Dialog fest

In Europa ist das Entsetzen groß, doch die Regierungen sind noch nicht bereit für einen Bruch mit den USA. Nach Monaten voller Konflikte über Zölle, Grönland, den Internationalen Strafgerichtshof und Tech-Konzerne haben Europas Staats- und Regierungschefs ihren Umgang mit dem schwer berechenbaren Präsidenten angepasst. Nicht jeder Beitrag auf Truth Social verdiene eine öffentliche Reaktion, heißt es hinter vorgehaltener Hand.

Die Strategie bleibt dreigleisig: die Ukraine unterstützen, Russland unter Druck setzen und mit den USA im Gespräch bleiben. Europa will seinen Platz am Verhandlungstisch behalten, auch wenn das bedeutet, Schmerzen auszuhalten und den Stolz herunterzuschlucken.

Diese Woche lieferte ein Beispiel. Als die Spannungen zwischen Trump und Selenskyj zu eskalieren drohten, organisierten Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre und Finnlands Präsident Alexander Stubb eilig eine neue Runde von Friedensgesprächen in Oslo, noch bevor Witkoff nach Moskau reiste. "Wir verstehen sehr gut, dass es im öffentlichen Raum viel Lärm gegeben hat", sagte Stubb, eine kaum verklausulierte Anspielung auf den Streit. "Nach meiner Erfahrung braucht Frieden Geduld. Krieg wartet leider nicht."

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