Starke Kursschwankungen und ungewohnte Reaktionen auf geopolitische Ereignisse stellen eine alte Gewissheit infrage. Analysten sehen den langfristigen Aufwärtstrend dennoch nicht gefährdet.
Lange galt eine einfache Regel: Wenn die Welt unsicherer wird, steigt der Goldpreis. Im laufenden Jahr hat das Edelmetall diese Regel wiederholt gebrochen. Als der Krieg im Iran begann, gab der Preis deutlich nach. Als später Berichte über eine Verlängerung der Waffenruhe die Runde machten, zog er wieder an. Genau umgekehrt also, als es das Lehrbuch vorsieht.
An den Finanzmärkten hat sich die Stimmung zuletzt spürbar eingetrübt. Zweifel an der Tragfähigkeit des Booms rund um Künstliche Intelligenz veranlassten Anleger Ende vergangener Woche, sich vor allem von Technologiewerten zu trennen. Das freiwerdende Kapital floss in amerikanische Staatsanleihen, die in unruhigen Phasen traditionell als Rückzugsort dienen. Die Rendite zehnjähriger US-Treasuries sank am Donnerstag unter fünf Prozent. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg war das der stärkste Rückgang an einem einzelnen Handelstag seit zwei Jahren.
Gold, das gemeinhin ebenfalls zu den klassischen Krisenanlagen gezählt wird, ging bei dieser Fluchtbewegung leer aus. Im Gegenteil: Der Preis rutschte zeitweise sogar unter die Schwelle von 4.000 Dollar je Feinunze. Eine Feinunze entspricht etwa 31,1 Gramm.
Die Korrektur, die das Edelmetall seit Monaten begleitet, hält damit an.
Ölpreis, Zinsen, Dollar: eine neue Wirkungskette
Analysten der Commerzbank kommen zu dem Schluss, dass sich Gold derzeit eher wie das Gegenteil einer sicheren Anlage verhält, so das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Tatsächlich übertrifft die Volatilität des Metalls inzwischen die vieler Einzelaktien. Allein Ende Januar und Mitte März brach der Preis innerhalb kurzer Zeit jeweils um rund 15 Prozent ein.
Hinter dem veränderten Verhalten steht vor allem eine indirekte Verbindung zum Ölmarkt. Teureres Öl heizt die Inflation an. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Zentralbanken die Zinsen anheben oder hoch halten, was Gold unattraktiver macht, da es selbst keine Erträge abwirft. Steigen insbesondere die Zinsen in den USA, legt zudem meist der Dollar zu. Für Käufer außerhalb des Dollarraums wird das in US-Währung gehandelte Metall damit teurer.
Hinzu kommt eine veränderte Struktur des Marktes. Börsengehandelte Indexfonds (ETFs) haben Gold für breite Anlegerkreise geöffnet, die ihr Kapital oft nur vorübergehend dort parken. Über Derivate lässt sich zudem kurzfristig auf steigende wie fallende Kurse wetten. Sicherheit ist damit nur noch eines von mehreren Kaufmotiven.