Drohnen unterstützen Rettungskräfte und transportieren medizinische Güter. Doch Genehmigungen und die sichere Einbindung in den Luftverkehr bleiben Herausforderungen.
Ob eine Drohne eine Gefahr darstellt oder Hilfe bringt, hängt von ihrem Einsatz ab. Während unbemannte Fluggeräte in Kriegen als Waffen eingesetzt werden, liefern sie andernorts Bilder für Rettungskräfte oder transportieren medizinische Güter.
In Deutschland werden solche zivilen Anwendungen bereits genutzt, doch bis zu einem breiten Alltagsbetrieb sind noch Hürden zu überwinden.
Dabei geht es nicht allein darum, was technisch möglich ist. Die Fluggeräte müssen zuverlässig arbeiten, sich in bestehende Abläufe einfügen und den Luftraum sicher mit anderen teilen. Genau darin sieht der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft eine zentrale Herausforderung.
Wenn die Drohne vor den Einsatzkräften ankommt
Mit der Organisation solcher Flüge beschäftigt sich unter anderem Droniq. Das 2019 gegründete Gemeinschaftsunternehmen der Deutschen Flugsicherung und der Deutschen Telekom bietet Technik zur Planung und Überwachung von Drohnenflügen an. Zudem unterstützt es Unternehmen und Behörden bei deren Umsetzung.
Bei einem Brand oder Unfall können Luftaufnahmen helfen, die Lage einzuschätzen und Einsatzkräfte gezielt zu verteilen. Wärmebildkameras unterstützen außerdem die Suche nach Glutnestern oder vermissten Menschen bei Dunkelheit, erläutert Droniq-Geschäftsführer Jan-Eric Putze auf Euronews-Anfrage.
Bei der Berufsfeuerwehr Kiel hat das Unternehmen nach eigenen Angaben zwei sogenannte Drone-in-a-Box-Systeme eingerichtet. Dabei stehen die Drohnen in Stationen bereit, können automatisiert zum Einsatzort fliegen und werden aus der Leitstelle überwacht. Eine solche Lösung kam auch während der Kieler Woche zum Einsatz.
Droniq integriert mit Technologiepartnern zudem Luftverkehrsdaten in die Software von Einsatzleitungen. "Wenn Drohnen, bemannte Luftfahrt und Einsatzleitstellen auf ein gemeinsames aktuelles Luftlagebild zugreifen können, lassen sich auch komplexere Einsätze sicherer koordinieren", erklärt Putze.
Genehmigungen bleiben eine Hürde
Beim Betrieb in Städten sieht der Droniq-Chef insbesondere aufwendige Genehmigungen und die Nachvollziehbarkeit der Flüge als Herausforderungen. "Dieser Genehmigungsprozess ist aktuell noch recht komplex und zeitaufwendig – Zeit, die im Einsatzfall häufig nicht zur Verfügung steht." Putze fordert deshalb einfachere Verfahren für kurzfristige Einsätze.
Welche Anforderungen tatsächlich gelten, hängt allerdings vom jeweiligen Einsatz ab. Für Feuerwehr, Polizei und andere Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben bestehen Sonderregelungen.
Für den gewöhnlichen zivilen Betrieb richtet sich die Einteilung vor allem nach dem Flugrisiko. In der Kategorie "offen" ist keine Betriebsgenehmigung nötig. Dafür müssen Drohnen unter anderem weniger als 25 Kilogramm wiegen, grundsätzlich in Sichtweite bleiben und die reguläre Höhengrenze von 120 Metern einhalten.
Weitere Vorgaben betreffen etwa Abstände zu Menschen. Flüge außerhalkb der Sichtweite fallen typischerweise in die Kategorie "speziell" und benötigen grundsätzlich eine Betriebsgenehmigung.
Zusätzlich gelten örtliche Beschränkungen. Nach Angaben der Deutschen Flugsicherung können rund um Flugplätze und Verkehrsflughäfen Zustimmungen des Betreibers beziehungsweise der Landesluftfahrtbehörde erforderlich sein. Innerhalb einer Kontrollzone kommt eine Freigabe der zuständigen Flugverkehrskontrolle hinzu.
Änderungsbedarf sieht Martin Maslaton, Vorsitzender des Branchenverbands Zivile Drohnen und Fachanwalt für Verwaltungsrecht. In einem Fachbeitrag argumentiert er, dass auf einzelne Flüge ausgerichtete Verfahren für einen künftigen Regelverkehr mit Tausenden täglichen Flugbewegungen nicht ausreichten. Der Interessenvertreter fordert unter anderem digitale Verkehrssteuerung und klarere Haftungsregeln.
Laborproben nehmen den Luftweg
In der Gesundheitsversorgung setzt das Berliner Unternehmen Labfly auf Drohnentransporte. Das Unternehmen ist aus der Technischen Universität Berlin hervorgegangen und entwickelt Fluggeräte für medizinische Güter.
Nach Unternehmensangaben darf sie bestimmte als Gefahrgut eingestufte biologische Proben auch außerhalb der Sichtweite über besiedeltem Gebiet befördern.
Am Zollernalb-Klinikum werden etwa Laborproben zwischen den Standorten Albstadt und Balingen transportiert. Über den angelaufenen Routinebetrieb berichtete die Nachrichtenagentur dpa im April 2025 unter Berufung auf die Klinikleitung. Die Drohnen wurden demnach von einem Piloten in Berlin gesteuert.
Medikamentenlieferungen für ländliche Regionen werden ebenfalls erprobt. Das Forschungsportal "Innovation & Strukturwandel" beschreibt ein Vorhaben in Sachsen-Anhalt, bei dem eine Apotheken-App und Drohnentransporte die Versorgung pflegebedürftiger Menschen erleichtern sollen. Beteiligt sind unter anderem die Apotheke am Bauhaus in Dessau und das Unternehmen DiAvEn hinter Labfly.
Dual-Use-Drohnen – das Modell der Zukunft?
Beide Nutzungsbereiche verbindet ERC System aus Ottobrunn bei München. Die geplante hybrid-elektrische Frachtdrohne Victor U250 soll nach Angaben der Projektpartner bis zu 250 Kilogramm über 300 Kilometer transportieren können. Technik für zivile und militärische Zwecke wird als Dual Use bezeichnet.
Maximilian Oligschläger, bei ERC System für kaufmännische und vertriebliche Aufgaben verantwortlich, erklärt auf Euronews-Anfrage: "Victor ist von Beginn an als Dual-Use-Plattform ausgelegt: Das modulare Nutzlastkonzept trennt Fluggerät und Missionsfunktion, sodass dieselbe Plattform militärische Versorgung ebenso abdecken kann wie Katastrophenhilfe, Offshore- und Küstenlogistik oder die Versorgung kritischer Infrastruktur."
Im Juni 2026 unterzeichneten ERC System, Rheinmetall und das Land Nordrhein-Westfalen auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin eine Absichtserklärung für einen möglichen Produktionsstandort im Land.
Laut Rheinmetall bringt der Konzern seine Erfahrung als zugelassene Luftfahrtorganisation und Anbieter unbemannter Flugsysteme ein, ERC die Entwicklung des Fluggeräts. Das Land unterstützt bei Fördermöglichkeiten, Standortfragen und Genehmigungsverfahren. Bei erfolgreicher Umsetzung sollen bis 2029 Arbeitsplätze in dreistelliger Zahl entstehen.
Erste Auslieferungen und den Beginn des Aufbaus der Serienproduktion plant ERC nach Oligschlägers Angaben für 2028. Die volle Produktionskapazität soll bis 2032 erreicht werden. Als wesentliche Hürde sieht er die Abstimmung von Entwicklung und Zulieferern: "Die eigentliche Herausforderung liegt in der Umsetzung im Zeitplan."
Hilfe bei der Weinlese
Nicht jeder Drohneneinsatz erfordert ein neues Logistiknetz. Im Weinbau können Fluggeräte eine einzelne, körperlich belastende Aufgabe übernehmen: schwere Traubenkisten aus den Reben tragen. Das Weingut Nik Weis aus Leiwen erprobte dies in einer Steillage in Ockfen an der Saar, wie der SWR im September berichtete.
Die eigentliche Lese ersetzt die Drohne nicht. Nach Einschätzung von Winzerverband und Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Mosel bleiben Auswahl und Abschneiden der Trauben Handarbeit. Der Nutzen liegt vor allem in der Entlastung der Erntehelfer. Für die beschriebenen Geräte nennt der SWR allerdings Anschaffungskosten zwischen 25.000 und 40.000 Euro. Hinzu kommen Schulungen.
Deutsche Unternehmen sind auch im Ausland aktiv. Wingcopter beschreibt beispielsweise ein mit der deutschen Entwicklungsorganisation GIZ und dem Kinderhilfswerk UNICEF aufgebautes Projekt zur medizinischen Versorgung in Malawi.
Was die Bevölkerung von Drohnen hält
Eine YouGov-Umfrage im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie zeigt Zustimmung, aber auch Vorbehalte: 58 Prozent der Befragten befürworteten den Einsatz ziviler Drohnen für kommerzielle Zwecke. Gleichzeitig äußerten 82 Prozent Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre und 51 Prozent wegen Lärms. Für die repräsentative Onlinebefragung wurden im Juli 2025 insgesamt 2.029 Erwachsene befragt.